„Die Kirche als Kraftmaschine“

„MUT woher? MUT wozu?“ In Dinklage entwickelten Benediktinerinnen zusammen mit einer Stiftung einen ungewöhnlichen Erinnerungsort an Kardinal von Galen, den „Löwen von Münster“, der hier geboren wurde. Von Rocco Thiede
Foto: Thiede | Gespiegelt: Schwester Johanna im Mut-Museum, dessen Konzept sie entwarf.
Foto: Thiede | Gespiegelt: Schwester Johanna im Mut-Museum, dessen Konzept sie entwarf.

Schwester Johanna ist Benediktinerin der klösterlichen Gemeinschaft auf Burg Dinklage, die, einst im Besitz der westfälischen Adelsfamilie von Galen, Geburtsort von Clemens August Kardinal von Galen ist. Viele kennen den 2005 seliggesprochenen Bischof, weil er engagiert und mutig gegen den Nationalsozialismus und dessen Rassengesetze gekämpft hat – sodass er als „Löwe von Münster“ in die Geschichte einging. Im ehemaligen Forsthaus gegenüber der mittelalterlichen Wasserburg gibt es für ihn nun einen Gedenk- und Erinnerungsort. Das Besondere daran: Es handelt sich um kein klassisches Museum, sondern um einen mit der klösterlichen Gemeinschaft und von bürgerschaftlichen Kräften der Zivilgemeinschaft in Kooperation geschaffenen Ort, der sich sowohl an Christen als auch an Konfessionslose – vor allem junge Menschen – wenden möchte. Schwester Johanna studierte Architektur bevor sie 2003 in den

Orden eintrat. Sie war eine der Ideengeberinnen und Mitinitiatorin des Erinnerungsortes zu Kardinal von Galen sowie des Ausstellungskonzeptes zum Thema „MUT Woher – Mut Wozu“.

Wie kam es zur Gründung des neuen Erinnerungsortes für Kardinal von Galen?

Wir befinden uns am Geburtsort des Kardinals von Galen. Da aber die Räume, in denen er gelebt hat, jetzt unserer Klostergemeinschaft gehören – und somit eben Privatbereich sind, dachten wir über einen Ort nach, an dem man ihm begegnen kann, ohne dass es unser Klosterleben einschränkt. Somit kamen wir auf die alte Wassermühle, die bis vor einigen Jahren auch Forsthaus war. Das Gebäude ist Teil des historischen Ensembles der Burg und gehörte zum Lebensraum der Familie von Galen. Hier in der Region des Oldenburger Münsterlandes ist Kardinal von Galen nach wie vor sehr bekannt und beliebt. Es gibt immer noch ältere Menschen, die herkommen und sagen: „Ich bin von ihm gefirmt worden“. Man erinnert sich dankbar und gern an ihn. Im Kontext des Gedenkens, versuchten wir hier einen Ort zu schaffen, an dem das Erbe lebendig bleibt – ohne ein rein rückwärtsgewandtes Museum im ursprünglichen Sinne zu konzipieren, das einen „Helden der Vergangenheit“ zeigt.

Welche Rolle spielte dabei die Seligsprechung Kardinal von Galens durch Papst Benedikt XVI. im Jahr 2005?

Dadurch wurde natürlich ein noch größeres auch überregionales Interesse an seiner Person geweckt. Viele Gruppen kamen eigens hierher. Kurz darauf gründeten wir die „Kardinal von Galen Stiftung Burg Dinklage“, weil auch klar war, dass wir als Benediktinerinnen das nicht alles so nebenbei leisten können.

Die Stiftung half bei der Umsetzung des Ausstellungskonzeptes sowie des denkmalpflegerischen Umbaus der Wassermühle in den heutigen Erinnerungsort?

Ja, es ist eine private Stiftung mit einem Kuratorium aus aktiven und ehemaligen Politikern Niedersachsens sowie unserer Äbtissin und zwei weiteren meiner Mitschwestern. Durch das Netz von Kontakten unserer Kuratoriumsmitglieder fanden wir Sponsoren und Unterstützer für die Umsetzung. Allein für den Umbau mussten 500 000 Euro mobilisiert werden.

„Mut woher? Mut wozu?“ lautet der Titel der Ausstellung. Was steht dahinter?

Die Besucher können sich hier vom Leben des Kardinals inspirieren lassen. Für uns stand die Frage im Mittelpunkt, wie kann der Ort lebendig sein? Deshalb war es wichtig, auch ein Motto zu haben, das nicht nur an die Geschichte beziehungsweise kirchliche Kreise gebunden ist. Wir wollen Menschen auf verschiedenen Ebenen ansprechen. Als wir planten, erzählte uns ein Lehrer, es gäbe drei Weisen, Geschichte zu betrachten: Entweder schaut man in die Geschichte zurück, um das Vergangene zu verstehen. Zweitens nutze ich die Geschichte, um daraus für die Zukunft zu lernen oder drittens bedienen sich Menschen der Geschichte für das eigene Leben. Alle drei Ebenen wollen wir hier zugänglich machen. Demzufolge gibt es Basisinformationen in Text, Ton und Bild zum Leben des Kardinals und seinem mutigen Wirken in der Zeit des Nationalsozialismus. Außerdem schlagen wir eine Brücke ins Heute und fragen: Was heißt Mut für Dich persönlich in der Gegenwart? Damit meinen wir nicht nur politischen Mut, sondern ebenso Zivilcourage im Alltag, beispielsweise bei Fragen zum Umgang mit behinderten Menschen oder am Lebensanfang und dem Lebensende – eben alles, was Menschlichkeit und Gerechtigkeit fordern.

Wie wird der neue Ort von der Öffentlichkeit angenommen?

Viele Menschen aus der Region kamen in den ersten Wochen vor allem aus Neugierde – und viele kommen nun wieder mit ihrem Besuch an Wochenenden oder den Ferien. Verstärkt haben wir Firmgruppen und Schulklassen zu Gast, die unsere Ausstellung für den Geschichts-, Ethik- oder Religionsunterricht nutzen. Ein anderer Multiplikator sind unsere Ehrenamtlichen aus Dinklage, die in den Öffnungszeiten für Fragen zur Verfügung stehen.

Es gibt dabei schon ungewöhnliche Projekte in der Ausstellung, wie den Nachbau der Burgkapelle als V 8-Motor …

Das irritiert einige Besucher im ersten Moment. Ein junger Architekturstudent aus Oldenburg baute die Burgkapelle, die sich vis-a-vis von der Wassermühle befindet, als V 8-Motor um – also dem schnellsten Motor der Formel I. Er interpretierte damit die Kraftquelle Kirche von Kardinal Clemens August als Kraftmaschine. Genau darum geht es uns: Nicht nur historische Objekte anzuschauen, wie das hier präsentierte Taufkleid der Familie von Galen – sondern anzuregen, selbst nachzudenken. In diesem Falle: Was ist der Motor, die Kraftquelle meines Lebens? Die Öffnung des historischen Ortes reicht nicht aus, sondern braucht Programm: Hier diskutieren wir gerade eine Vortragsreihe zum Thema Euthanasie oder der sozialen Gerechtigkeit oder auch darüber, den Ort für Führungsseminare zur Verfügung zu stellen. Uns ist es auch wichtig, Menschen anzusprechen, die mit Kirche gar nichts zu tun haben.

Sie halten den Besucher in der Ausstellung wörtlich einen Spiegel vor...

Neben der historischen Ebene von Objekten und Texten kann sich der Besucher inspirieren lassen und sein eigenes Leben in die Ausstellung hineinholen. In Kurzform: Informieren – Inspirieren – Innehalten. Auf einem Spiegel steht ein Text des Kardinals. Ich sehe mich und bin dann real im Text. In der oberen Etage gibt es eine kleine Leseecke mit Fachliteratur auch zu seinen berühmten Predigten aus dem Sommer 1941 sowie einem kleinen „Werkstattraum“ für Interaktionen. Bei einem Memory Spiel mit Zitaten zum Thema Mut wird das in der ersten Etage präsentierte noch einmal erinnert und erweitert. Auf einer Wäscheleine können Besucher ihre Ansichten zum Thema Mut auf Zetteln hinterlassen. Hier erfahre ich was Kinder oder Erwachsene mutig macht oder für sie heute Mut bedeutet.

Mut ist für Sie aber nicht an die Religion oder Konfession gebunden...

Genau. Mut betrifft alle Menschen und ist konfessionsunabhängig. Wir wollen auch niemanden in eine vorgedachte Richtung bewegen, sondern Sozialleben, Gerechtigkeit und Humanität einbeziehen. Dazu gehören auch die kleinen Orte des Mutes im familiären Kreis unter Freunden oder auf der Arbeit. Ehrlich miteinander umzugehen, sich mal entschuldigen – wenn wir da besser werden, wird Mut sich auch nach oben auswirken.

Themen & Autoren

Kirche

Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann