Die Grabeskirche der SED

30 Jahre danach: Die Leipziger Nikolaikirche, einst das Epizentrum der Friedlichen Revolution in der DDR, ist heute ein Anziehungspunkt für Christen aus aller Welt
Nikolaikirche in Leipzig
Foto: Peter Endig (imago stock&people) | Die zum Friedensgebet gefüllte Nikolaikirche in Leipzig an einem Dienstagabend im Jahre 2018.

Noch immer ist er spürbar. Der Geist von 1989. Als sich in Leipzig die Welt veränderte und der Countdown zum Sturz der verhassten SED seinen Anfang nahm. Seit 1986 steht am Eingang der Nikolaikirche das metallene Schild mit der Aufschrift „Offen für alle“. So wie es der frühere Pfarrer Christian Führer immer gewollt hat. Und nicht nur das. Am Ende stand die Entwaffnung der SED und das Ende der roten Diktatur. Die Menschen, die in den achtziger Jahren hier Zuflucht fanden, hatten genug von den Lügen der Partei und ihren ferngesteuerten Medien. „Christian Führer wollte eine Kirche der Begegnung und offenen Streitkultur“, sagt Pfarrer Bernhard Stief, der die Nikolaikirche seit 2015 leitet und sich dem „Lebenswerk seines Amtsvorgängers verpflichtet“ fühlt, wie er sagt. Noch immer gibt es hier die Junge Gemeinde, in den fünfziger Jahren das Feindbild der SED schlechthin. 2014 verstarb Christian Führer nach einem Krebsleiden. In den Wendetagen ging sein Name durch die Weltpresse, nachdem es ihm, dem einfachen Pastor und Familienvater, gelungen war, die allmächtig scheinende DDR-Einheitspartei mit friedlichen Mitteln in die Knie zu zwingen. Ein David, der ohne Schleuder und allein auf das Wort Gottes bauend, Goliath zu Fall gebracht hatte. In der ZDF-Romanverfilmung „Nikolaikirche“ von 1995, nach dem gleichnamigen Roman von Erich Loest, wurde Führer vom 2006 verstorbenen Oscarpreisträger Ulrich Mühe verkörpert.

Die Protestbewegung war sehr bunt

„Die DDR ist hier weiter ein Thema“, sagt Pfarrer Stief. Allein der vielen Besucher wegen, die die Nikolaikirche als „historischen Ort“ wahrnähmen und Mitarbeitern Fragen stellten. Auch der kleine Verkaufsshop im Seitenschiff hat sich darauf eingestellt, indem er Revolutionssouvenirs, Loest-Romane und DVDs anbietet. Eine Ausstellung in den Kirchenräumen lässt noch einmal die Ereignisse von 1989 Revue passieren. Was damals geschah, steht dort auf Plakaten, Pamphleten und Bildern. Auch der Nikolaiküster, zu Beginn der achtziger Jahre im Visier der Staatssicherheit, hat Teile seiner Opferakte für die Ausstellung zur Verfügung gestellt.

Nachdem sich die Lage in der DDR zum vierzigsten Jahrestag ihrer Gründung zugespitzt hatte und immer mehr Menschen den selbst ernannten „Arbeiter- und Bauernstaat“ gen Westen verließen, war die Nikolaikirche das Epizentrum einer bunt gemischten Bürgerrechtsbewegung geworden. Am 9. Oktober 1989 war sie auf siebzig- bis hunderttausend Menschen angeschwollen, die protestierend über den Leipziger Ring zogen. Nur wenige Tage später entfernten SED-Genossen im fernen Ostberlin ihren Generalsekretär Erich Honecker aus Amt und Würden, bevor die Ereignisse auch sie hinwegspülten, und die DDR am 3. Oktober 1990 Geschichte war.

In den vergangenen Jahrzehnten erlebte die Nikolaikirche Höhen und Tiefen, sagt Pfarrer Stief. Vor allem der starke Mitgliederschwund mache ihm Sorgen, sagt er. Jeden Nachmittag lädt die Gemeinde zu Kaffee und Gebäck in ihr kleines Café am Nikolaikirchhof. Neben Höherbetagten und Müttern mit kleinen Kindern tummeln sich dort auch ausländische Studenten. „Die reden meist über ihr Studium, und wie es zu Hause läuft“, sagt Stief. Nicht alle kämen mit dem Leben in Deutschland zurecht, sagt er. Betroffen seien vor allem Studenten aus Entwicklungsländern, von denen erwartet werde, dass sie neben ihrem Studium jobbten und Geld nach Hause schickten.

Heute ist in der Nikolaikirche eher weniger los. Es duftet nach Kuchen und frisch aufgebrühtem Kaffee. Auf den Tischen brennen Kerzen und jemand übt Gitarre. Ehrenamtliche Helfer legen Zeitungen aus und suchen das Gespräch mit den ersten Besuchern, die nun nach und nach eintrudeln. Am Abend ist das Friedensgebet, diesmal mit einem jüdisch-russischen Musikduo. Die Sängerin Luba Meyer ist im Oktober vergangenen Jahres knapp dem Anschlag auf ihre Synagoge in Halle entkommen, wird sie später berichten.

Wichtig sind Toleranz und Gedankenfreiheit

Bis heute sieht sich die Nikolaikirche den Werten Freiheit und Toleranz verpflichtet, heißt es sinngemäß auf ihrer Homepage, was grundsätzlich auch vor parteipolitischer Gesinnung keinen Halt macht. An diesem Nachmittag sitzen im Café zwei Herren Mitte vierzig, die offen ihre Sympathie zur AfD bekennen und eine hitzige Debatte mit der freundlichen Dame am Tresen beginnen. „Das freie Wort hat bei uns, in der evangelischen Kirche eine lange Tradition“, sagt Pfarrer Stief, ohne zu sagen, ob er die Ansichten der beiden Herren nun teilt oder nicht. Für Stief ist es wichtig, dass seine Gemeinde niemanden ausschließt, dass Menschen sich auf Augenhöhe begegnen und einander tolerieren. Nicht umsonst bedeutet „tolerieren“ die Meinung des anderen ertragen, so anders und abwegig sie auch sein mag.

Unabhängig von Herkunft, Konfession oder politischer Gesinnung ist die Nikolaikirche längst zum Anziehungspunkt für Christen aus aller Welt geworden, wohl auch wegen ihrer zentralen Lage in der Leipziger Innenstadt. „Und wohl auch, weil Leipzig ein internationaler Hotspot ist“, meint der russische Jurist Ivan Timirev (39), der zu Forschungszwecken regelmäßig nach Deutschland fährt und die Veränderungen in Leipzig deutlich wahrnimmt.

Die zunehmende Internationalisierung spürt indes auch die katholische Pfarrei Sankt Trinitatis, nur wenige Straßenzüge weiter. Vor wenigen Jahren zogen Leipzigs Katholiken in ein neues Gebäude, errichtet im Bauhausstil. Für die Pfarrei war es der dritte Umzug nach Ende des zweiten Weltkrieges. Zu DDR-Zeiten war sie auf ein außerhalb der Stadt gelegenes Sumpfgelände zwangsumgesiedelt worden, weil die atheistische SED mit der Nikolaikirche schon genug christliches Gedankengut in der Innenstadt verortet hatte. „Bis heute ist es für die katholische Kirche Leipzigs ein PR-Manko, dass sie nicht unmittelbar in den Wendeherbst 1989 involviert war“, glaubt der Historiker Karsten Krampitz, der über den DDR-oppositionellen Pastor Oskar Brüsewitz promoviert hat. Ein Umstand, dem die Gemeinde jedoch auch viel Gutes abgewinnen kann. „Menschen, die zu uns kommen, wollen ihren Glauben praktizieren und nicht Geschichte nacherleben“, sagt die katholische Publizistin Jenny Krämer. Sie ist gebürtige Bonnern. In Potsdam hat sie Geschichte studiert. Und in Sankt Trinitatis ist sie gern zum Gebet. Krämer, geboren 1974, gehört zu jenen gut ausgebildeten Akademikerinnen, die sich nach dem Ende der SED-Diktatur bewusst für den Osten entschieden und in den neuen Bundesländern, der vermeintlichen Diaspora, eine neue, auch religiöse Heimat gefunden haben.

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