Die Frage nach dem, was trägt

Eine erste Wertekonferenz in der Akademie Schwerte betont die Notwendigkeit ethisch fundierter Unternehmen. Von Anja Kordik

Mit zahlreichen Akteuren aus Wirtschaft, Politik, Kirche, Kultur und Sport startete in der Katholischen Akademie Schwerte die erste Wertekonferenz für die Regionen Südwestfalen und östliches Ruhrgebiet: „Was trägt – und was bleibt?“ Im Mittelpunkt stand die Frage nach einem gültigen Wertefundament für Verantwortungsträger der verschiedenen gesellschaftlichen Bereiche. „Allein die Tatsache, dass es gelungen ist, Unternehmer verschiedener Standorte zusammenzubringen, die sonst eher für sich agieren, ist ein sichtbares Zeichen dafür, dass diese Frage über die Region hinaus Bedeutung und Ausstrahlung hat“, betonte Akademiedirektor Prälat Peter Klasvogt.

Beim Auftakt des Projekts der beiden kirchlichen Akademien in Schwerte und des Initiativkreises „Mitten in Westfalen“ wurde deutlich, dass eine nachhaltig erfolgreiche Wirtschaft weiterhin einer ethisch fundierten Unternehmensführung bedarf. „Gerade nach den jüngsten Skandalen im Wirtschaftsleben bleibt eine funktionierende Marktwirtschaft mehr denn je auf ehrbare Unternehmer und einen Wertegrundkonsens angewiesen“, betonte Regierungspräsident Gerd Bollermann. „Entscheidend ist: Dem, was an Werten verkündet wird, muss das Handeln der Betreffenden entsprechen – da darf es keine Diskrepanz geben. Eine Kultur der Wertschätzung und des konstruktiven Dialogs ist letztendlich Grundlage für den Erfolg eines jeden Unternehmens.“

Die Frage nach dem, was trägt, stellt sich in Zeiten eines früher unbekannten Spektrums an Wahlmöglichkeiten und zugleich radikaler wirtschaftlich-sozialer Umbrüche drängender denn je. Dies jedenfalls hob der ehemalige ARD-Indendant Fritz Pleitgen hervor: „Diese Umbrüche zusammen mit dem internationalen Terrorismus drohen, die globale Ordnung zu destabilisieren.“ Hier hätten die Religionsgemeinschaften eine wesentliche Aufgabe als „Mittler von Gesellschaft stiftenden Wertmaßstäben“. Insgesamt gelte, dass „es zwar eine rasante Transformation in allen Bereichen der Gesellschaft gibt, die notwendigen Grundwerte dennoch dieselben bleiben“, so Pleitgen. „Wir haben zum Beispiel die Bergpredigt – und die ist weiterhin gültig.“ An welchen Maßstäben orientieren sich Unternehmer heute in ihrem Alltag? Und wie werden diese Werte in den Betrieben konkret gelebt? Diese Frage beschäftigte viele der anwesenden Unternehmer in ihren Gesprächen im Verlauf der Konferenz. „Ein fairer und respektvoller Umgang mit unseren Mitarbeitern ist wesentliche Leitlinie unseres Unternehmens“, so der Leiter einer Autofirma. „Das zeigt sich beispielsweise im Umgang mit unseren Auszubildenden, wenn wir in unserem Unternehmen junge Menschen bei ihrem Start ins Berufsleben begleiten, stützen und fördern.“ Auch die Beteiligung von Mitarbeitern auf allen Ebenen an den wichtigen Entscheidungsprozessen, gehört für die meisten Unternehmer heute, das ergaben die Gespräche in Schwerte, zu einer guten Unternehmensführung. In den meisten Betrieben sind regelmäßige Mitarbeiterversammlungen üblich, um anstehende Entscheidungen zu diskutieren und das Unternehmen auch als Gemeinschaft zu stärken. Ebenso ist „fairer Wettbewerb“ ein Grundmaßstab, über den eigentlich Konsens besteht. Allerdings können immer wieder auch Konflikte entstehen, wie die Äußerung des Leiters einer Dortmunder Dienstleistungsgesellschaft zeigte. „Ein Unternehmen muss sich im Wettbewerb mit anderen auch profilieren, um bestehen zu können und damit die Zukunft des Betriebes, der Mitarbeiter und – im Falle von Familienunternehmen – auch der nächsten Generation sichern zu können.“ Entscheidend ist heute in Zeiten der Globalisierung auch, die internationalen Zusammenhänge im Blick zu behalten. Als Reaktion auf die mit der globalen Entwicklung verknüpften Unsicherheiten ist jedoch aktuell zunehmend ein Rückfall in nationale Egoismen zu beobachten. Auch dieses Phänomen wurde bei der Konferenz in Schwerte diskutiert. Ein älterer Unternehmer äußerte: „Ich bin manchmal entsetzt, mit welcher Leichtfertigkeit heute über die Europäische Union und das Gemeinschaftsprojekt des Euro öffentlich gesprochen wird: dass der doch besser aufgegeben werden sollte – ein solcher Wettbewerbsvorteil auf internationaler Ebene! Wir Deutschen schimpfen auf die Griechen, diese würden unsere Zukunft ruinieren. Auch in der Berichterstattung steht das Nationale mehr und mehr im Vordergrund, das ist ein geistiger Rückschritt mit negativen Konsequenzen für die Wirtschaft, dem es entgegenzuwirken gilt.“

Hier hat die katholische Kirche als „global player“ eine wesentliche Aufgabe, die Bedeutung weltweiter Zusammenhänge hervorzuheben. Akademiedirektor Klasvogt, zugleich auch Direktor des Sozialinstituts Kommende Dortmund, verdeutlichte diesen Aspekt am konkreten Beispiel der vor sechs Jahren von der Kommende ins Leben gerufenen Sozialakademie „Europa eine Seele geben“, ein Programm für Seminaristen aus verschiedensten Ländern Osteuropas. Inzwischen hat sich daraus ein länderübergreifendes Netzwerk von Absolventen gebildet, die zum Beispiel neue Sozialprojekte in Slowenien und Rumänien und andernorts auf den Weg bringen. Die Sozialakademie setzt ein Zeichen dafür, dass Europa nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch geistige Größe ist.

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