Die Feuerwehr im Dschungel

In Angkor Wat kämpfen deutsche Experten gegen den Verfall der riesigen Tempelanlage. Von Robert Luchs
Foto: Luchs | Blick auf den riesigen Tempelbezirk von Angkor Wat im Nordwesten Kambodschas.
Foto: Luchs | Blick auf den riesigen Tempelbezirk von Angkor Wat im Nordwesten Kambodschas.

Auch nach Jahrhunderten ist das Rätsel um Angkor Wat nicht gelöst. Die akribische Arbeit ganzer Forschergenerationen aus vielen Ländern hat es nicht vermocht, die Bauweise des riesigen Tempelbezirks im Nordwesten Kambodschas zu entschlüsseln. Auch wenn den Experten heute modernste Computertechnik zur Verfügung steht, um das Geheimnis der „asiatischen Akropolis“ zu lüften, so stoßen sie immer wieder an ihre Grenzen.

Die Metropole des versunkenen Khmer-Reiches, vom Dschungel überwuchert, war mit unvorstellbarem Aufwand entstanden, mit Tausenden von Arbeitskräften und den primitiven Mitteln der damaligen Zeit. Die Geschichte Angkors, als dem zentralen Siedlungsgebiet des historischen Kambuja, ist auch die Geschichte der Khmer vom 9. bis zum 15. Jahrhundert. Kriege, Belagerung und Plünderung, der Abzug des Königshauses vor den herannahenden Thai, die den Khmer Stück für Stück ihres Landes entrissen haben, die unaufhaltsame Rückkehr der Natur mit ihren Baumriesen und dem undurchdringlichen Dickicht – all das traf die Bauwerke von Angkor in ihrem Nerv. Wer oder was aber versetzte dem Königreich, in dem zur Blütezeit bis zu einer Million Menschen gelebt haben sollen, endgültig den Todesstoß? Forscher konzentrieren sich heute vor allem auf zwei Möglichkeiten: Weniger feindliche Mächte als vielmehr tiefgreifende Klimaveränderungen zwangen die Bewohner von Angkor zur Aufgabe. Die zweite Möglichkeit wäre eine Summe von Gründen, an deren letzter Stelle der Verfall des heutigen Weltkulturerbes steht, nachdem die Menschen die immer unwirtlicher werdende Region bereits verlassen hatten.

Französische Historiker und Archäologen haben in der Tradition der „Ecole Francaise D'Extreme Orient“ (EFEO) jahrelang geforscht und glauben, dem Niedergang der Tempel auf die Spur gekommen zu sein. Um die einzigartigen Anlagen zu errichten, wurde auf einer Gesamtfläche von mehr als 200 Quadratkilometer der Urwald gerodet. Allein diese Sisyphus-Arbeit muss viele Jahrzehnte gedauert haben. Die Forscher gehen davon aus, dass die Natur – ursprünglich noch weitgehend im Gleichgewicht – diese schwerwiegenden Eingriffe nicht verkraftet hat. Ungewöhnlich lange Trockenheit war die Folge und ließ schließlich den Wasserspiegel der Kanäle, Barays genannt, rund um die Tempelanlagen von Angkor rapide absinken. Erlaubte die künstliche Bewässerung anfangs noch drei Ernten pro Jahr und einen Ertrag von schätzungsweise 2,5 Tonnen Reis pro Hektar, so muss die zunehmende Trockenheit sich verheerend ausgewirkt haben. Schon damals, so Forschungsergebnisse, haben viele Bewohner die Region um die heutige Stadt Siem Reap verlassen, um sich weiter im Süden des Landes niederzulassen.

Schriftliche Aufzeichnungen aus den Tempelbezirken, auf die sich die Historiker stützen könnten, sind nicht vorhanden. So stammt das heutige Wissen über die Khmer-Zivilisation vor allem aus archäologischen Ausgrabungen, Rekonstruktionen, Inschriften an Säulen und auf Steinen in den Tempelanlagen, in denen von den politischen Taten der Könige berichtet wird, Reliefs an einer Reihe von Wänden mit Darstellungen von Kriegszügen, dem Leben am Hof, Marktszenen. Unter dem letzten der bedeutenden Könige von Angkor, Jayavarman VII., entstand unter anderem die heute als Angkor Thom („Große Stadt“) bekannte neue Hauptstadt. Im Zentrum ließ der König, selbst ein Anhänger des Mahayana-Buddhismus, als Haupttempel den Bayon mit seinen 49 Türmen mit meterhohen, aus dem Stein gehauenen Gesichtern errichten. Weitere wichtige Tempel, die unter Jayavarman VII. gebaut wurden, sind der fast wieder vom Dschungel überwucherte Ta Prohm, Banteay Kdei und Neak Pean, sowie das Wasserreservoir Srah Srang. Außerdem wurde ein umfangreiches Straßennetz angelegt, das alle Städte des Khmer-Reiches miteinander verband. Entlang dieser Straßen entstanden 121 Rasthäuser für Händler, Beamte und Reisende; gleichsam Vorläufer der späteren Karawansereien.

Jahrhunderte sind seitdem vergangen, und die Zeit hat an den Tempeln tiefe Spuren hinterlassen. Das Vermächtnis der Khmer-Zivilisation an die Welt sind die herausragende Architektur ihrer Bauwerke und die exzellenten Steinmetz- und Bildhauerarbeiten. 1995 begann das „German Apsara Conservation Project“ (GACP) mit seiner Arbeit. Wenige Jahre zuvor war der Tempelbezirk in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen worden. Ein Team von der Fachhochschule Köln unter Leitung von Professor Hans Leisen versucht gemeinsam mit kambodschanischen Experten, die reich verzierten Sandsteinmauern der Tempelanlage vor Verwitterung und Zerfall zu retten. Bei einer ersten Übersicht stellte sich heraus, dass über 600 der insgesamt 1 850 steinernen Apsaras (Tempeltänzerinnen) so stark geschädigt waren, dass täglich größere Teile verloren gingen. Oder sie waren schon so verwittert, dass sie nur noch in Teilen erhalten waren. „Zunächst haben wir allen Apsaras Noten gegeben“, berichtet Leisen. Eins heißt „sehr gut erhalten“, eine Fünf steht für „extrem gefährdet“, eine Sechs für „vollkommen verwittert“. Dann wurde eine Karte erstellt, damit die Restauratoren wussten, wo sie mit der Konservierung anfangen mussten. Nach diesem Gefährdungsplan wurden viele Reliefs erst einmal notgesichert. So hatte das Team um Leisen Zeit gewonnen für die notwendigen Untersuchungen. Die „Konservierungs-Feuerwehr“ von Angkor, wie sie der Professor nennt, ging Schritt für Schritt vor: mit Ultraschall wurde die Festigkeit der Reliefs gemessen. Dann mussten die Oberflächen von Algen, Moosen, Zement und Kurzharz befreit werden. Die Schalen wurden mit dünnen Glasfaserstiften, die in kleine Löcher eingeklebt werden, vor dem Herabfallen gesichert, und die mürben Stellen mit flüssigem Festiger stabilisiert. Schließlich bekommen die Apsaras Mörtel gespritzt, ein Vorgang, der mehrfach wiederholt werden muss.

Am meisten haben es dem Forscherteam die Apsaras und Devatas, die steinernen Tempeltänzerinnen und Göttinnen angetan. Auch nach fast 20-jähriger Arbeit vor Ort lässt das Staunen der Experten nicht nach, zu welcher filigranen Kunst die Steinmetze der Khmer fähig waren. Keine Tänzerin gleicht der anderen. Und doch tragen inzwischen viele untrügliche Anzeichen des Verfalls.

Neben der natürlichen Verwitterung hat die Gier von Forschern, Kunsthändlern und Abenteurern die Tempel an Angkor Wat bis ins Mark getroffen. Statuen, Skulpturen und auch herausgebrochene Stücke von Reliefs wurden in Kisten verpackt und nach Europa verschifft, wo sie in Museen und privaten Sammlungen landeten. Kunsträuber brechen auch heute noch Tafeln aus Reliefs und schlagen Apsaras die Köpfe ab, um sie auf dem Schwarzmarkt in Europa, den USA und Japan zu verkaufen. Unwiederbringliche Kunstschätze gehen so verloren, ein unermesslicher Wertverlust, dem die um Rettung bemühten Restauratoren wenig entgegensetzen können.

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