Erfurt

Der ungeklärte Aufstand

Vor 30 Jahren: Wie christliches Leben in Rumänien den Weg in die Freiheit ebnete.

Rumänien
Fröhliche Gesichter in Rumänien. Dabei sind die sozialen Verhältnisse auch 30 Jahre nach der Revolution keinesfalls besser geworden. Foto: Vallendar

Was nur wenige wissen: Bis heute sind die Rumänen ein tief religiöses Volk; vielleicht sogar das religiöseste in ganz Europa, noch vor den Polen, Franzosen und katholisch geprägten Iren. 95 Prozent aller Einwohner Rumäniens bekennen sich laut einer Erhebung von 2011, die an der Universität Regensburg ausgewertet wurde, zu einer christlichen Kirche. Was auffällt: Rumänien ist geradezu übersät mit Kirchen, Klöstern und christlich-orthodoxen Pilgerstätten.

Und was noch weniger wissen: Die tiefe Verwurzelung im christlichen Glauben bildete in den 1980er Jahren den entscheidenden Nährboden, um dem verhassten Kommunismus den Garaus zu machen. „Es war nicht zuletzt der zivile Ungehorsam vieler Christen im Land und deren gute Organisiertheit in Pfarreien und familiären Zirkeln, die den kommunistischen Apparat erodieren und am Ende ins Leere laufen ließen“, sagt Matthias Wanitschke, katholischer Theologe und Historiker aus Erfurt.

Aufstand begann in einer Kirche

Doch diesen Umstand ignorierten die damals Mächtigen beharrlich: Das Diktatorenehepaar Nicolae Ceausescu und seine Ehefrau Elena hätte noch einige Jahre leben können. Wären sie nicht fünf Tage vor ihrer Hinrichtung am 25. Dezember 1989 von einem Staatsbesuch im Iran nach Rumänien zurückgekehrt. Dort brodelte es bereits, nachdem Sicherheitskräfte in Timisoara an der Grenze zu Ungarn bei einer Kundgebung von Regimegegnern in die Menge geschossen hatten, mit am Ende mehreren Dutzend Toten.

Der Aufstand begann in einer Kirche. Auslöser war der Widerstand der reformierten ungarischen Gemeinde gegen die Zwangsversetzung ihres Pfarrers László Tökés gewesen, gegen die seit dem 14. Dezember 1989 Mahnwachen liefen. Der Aufstand von Timisoara war der Funke, der zum Flächenbrand führte und eine Ereigniskette in Gang setzte, die den Rumänen, nach einigen Stolpersteinen, bis zum Herbst 1990 die lang ersehnte Freiheit bescherte.

Den Menschen den Glauben geraubt

Und doch gibt es Zweifel. „Es ist eine relative Freiheit“, sagt Philipp Rasche (39), der seit mehr als zehn Jahren in Rumänien lebt und sich mit seiner Ehefrau in der Nähe von Sibiu um bedürftige Romakinder kümmert. „Ich würde sogar sagen, dass die Revolution vielen Menschen überhaupt nichts gebracht hat, da hier alles so ist, wie vorher“, sagt der gebürtige Sachsen-Anhaltiner und Vater von vier Kindern. Als Streetworker sieht Rasche tagtäglich das Elend in den Romasiedlungen, wo Menschen ohne Strom und Wasser in verdreckten Hütten vor sich hinvegetieren. Das Problem: Damals wie heute sind die rumänischen Roma nur Zuschauer bei dem, was in ihrem Land passiert.

Doch 1990, nach dem Sturz der Diktatur, war die Euphorie groß. In blutigen Kämpfen mit mehr als tausend Toten hatten Bürger die kommunistische Diktatur in ihrem Land beendet. In den Jahren der atheistischen Diktatur war es den Mächtigen nicht gelungen, den Rumänen ihren christlichen Glauben zu rauben, anders als in der früheren DDR, wo Christen heute als Minderheit leben. Bis heute debattieren Historiker und Publizisten darüber, ob die rumänische Revolution von 1989/90 ein Volksaufstand oder eine vom Geheimdienst angezettelte Revolte gegen die Machthaber gewesen ist. „Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte“, sagte der 2014 verstorbene Historiker Hagen Schulze von der FU Berlin schon zu Beginn der neunziger Jahre.

Armes Volk – reicher Diktator

Unbestritten war die Unzufriedenheit im Land am Vorabend der Revolution groß, und das nicht nur in der normalen Bevölkerung, sondern auch im Sicherheitsapparat, dessen mittlere und untere Chargen die Mangelsituation seit Beginn der 1980er Jahre immer mehr zu spüren bekommen hatten. Von fehlendem Heizmaterial über Stromsperren bis hin zu leeren Ladentheken, gleichwohl die staatlich gelenkten Medien Rumäniens tagtäglich das Gegenteil behaupteten, und Ceausescu als selbst ernannter „Conducator“ noch Anfang 1989 den „Import von zweitausend Rindern“ angekündigt hatte, um die Versorgungskrise zu lindern.

In seinen Privaträumen fanden sich später die buchstäblichen Wasserhähne aus Gold, derweil sich Frau Elena, eine gelernte Textilfacharbeiterin, mit einem geschenkten Doktortitel in Chemie geschmückt hatte. Die Karriere der Ceausescus endete kläglich auf einem Gemüseacker, wo sie ein Hubschrauber abgesetzt hatte, bevor sie von übergelaufenen Militärs verhaftet wurden.

Staatsstreich statt Wende

Derweil das Töten weiterging. Die rumänische Revolution war mit tausend Toten die mit Abstand blutigste in ganz Osteuropa. Viele von denen, die den Mut aufgebracht hatten, ihr Land von der kommunistischen Tyrannei zu befreien, starben im Kugelhagel der Sicherheitskräfte, ohne dass die Fronten immer eindeutig waren, was typisch ist für jeden Bürgerkrieg. Bezeichnenderweise wurden die meisten Menschen erst nach dem Sturz Ceausescus getötet. Doch warum verlief die Wende nicht so friedlich und fast geordnet ab wie in der DDR, wo Erich und Margot Honecker ein ähnliches Schicksal wie den Ceausescus erspart blieb? Zweieinhalb Monate zuvor, am 7. Oktober 1989 hatten die roten Diktatoren im Ostberliner Palast der Republik noch zusammen den Gründungstag der DDR gefeiert.

Im Nachhinein entpuppte sich diese Feier als Abschiedsparty. Und 30 Jahre danach ist weiter unklar, was wirklich in Rumänien geschehen ist. Eine der deutschen Stasiunterlagenbehörde vergleichbare Einrichtung gibt es dort erst seit 1999. Das Land, das seit 2004 Mitglied der Europäischen Union ist, hat die Verantwortlichen noch immer nicht identifiziert und noch weniger zur Rechenschaft gezogen.

Trotz zahlreicher Gemeinsamkeiten mit den Umbrüchen in anderen Ostblockstaaten weist die rumänische Revolution einige Besonderheiten auf. In Rumänien gab es am 22. Dezember 1989 keine „Wende“, sondern einen Staatsstreich, im Zuge dessen das Diktatorenehepaar Ceausescu im Innenhof einer achtzig Kilometer außerhalb von Bukarest gelegenen Kaserne ein gewaltsames Ende fand.

Schuldenfrei in den Putsch

Immerhin: Im Gegensatz zu anderen Ostblockstaaten war Rumänien am Abend der Revolution schuldenfrei, was die Bevölkerung mit hohen Entbehrungen bezahlte. Rund 18 Milliarden US-Dollar hatte Rumänien noch im April 1989 an seine westlichen Gläubiger überwiesen. Bis das Fass wenige Tage vor Heiligabend 1989 überlief.

Nicht wenige Historiker vertreten daher die These, dass sich hinter der vermeintlichen Revolutionsfront in Wirklichkeit Militärs und Geheimdienstleute verbargen, die die Ceausescus ermorden ließen, um sich selbst an die Macht zu putschen und bis heute im Hintergrund die Geschicke des als korrupt geltenden Landes bestimmen.

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