Der Traum vom eigenen Staat

Kurdistan: Das Referendum am 25. September wird zeigen, ob Kurdistan den Weg in die Unabhängigkeit einschlägt. Von Sabine Ludwig
Foto: Enric Boixadós | Familienvater Mustak lebt seit drei Jahren im Exil in Erbil.

Wenn die Sonne im beginnenden Herbst kurz vor 19 Uhr Ortszeit hinter dem Horizont verschwindet, beginnt das Leben im nordirakischen Erbil, der Hauptstadt Irakisch-Kurdistans. Auf dem historischen Burgberg, der Zitadelle, versammeln sich Familien und Liebespaare, machen Fotos oder Selfies und im Basar mit den vielen Gässchen und Straßen werden Lebensmittel eingekauft. Auf dem großen Platz in der Mitte der Stadt sitzen Männer beim Tee zusammen, rauchen Sheesha – Wasserpfeife – und palavern, was das Zeug hält. Frauen und Familien sitzen auf den Parkbänken zwischen Brunnenanlagen, sehen den spielenden Kindern zu, plaudern und lachen. Die älteren Frauen tragen Kopftücher, die jungen zeigen Frisur und Make-up. Mädchen halten Lippenstifte in den Händen, andere holen Mascaras und Kajal-Stift aus der Handtasche. Teenager, wie sie an jedem Ort der Welt zu finden sind.

Nichts weist in diesem friedlichen Szenario darauf hin, dass nicht mal 100 Kilometer entfernt immer noch Krieg tobt. Zwischen dem „Islamischen Staat“ (IS) und der Peschmerga, der Armee Kurdistans. Die Region um Erbil hat Ölfelder, Grund genug für den IS, Kurdistan einnehmen zu wollen. Doch heute wird darüber nicht gesprochen. Es gibt ein interessanteres und topaktuelles Thema für die Männer und Frauen: Am 25. September 2017 ist ein Referendum zur Unabhängigkeit Irakisch-Kurdistans geplant.

Die Welt darf gespannt sein. Nach vergeblichen Bemühungen, einen eigenen Staat während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu gründen, versucht das als „größte Nation ohne Land“ bezeichnete kurdische Volk erneut, unabhängig zu werden. Bereits 2005 wurde eine Volksabstimmung durchgeführt, die jedoch informell war. Ursprünglich sollte das Referendum bereits 2014 stattfinden, was jedoch aufgrund des Konflikts mit dem IS verschoben werden musste. Schon heute wird erwartet, dass die Mehrheit für eine Loslösung stimmen wird. Das würde zum ersten Mal seit 1948 – das Jahr der Gründung Israels – bedeuten, dass die Grenzen im Nahen Osten verschoben werden.

„Unsere Väter und Großväter kämpften schon für die Unabhängigkeit Kurdistans. Sie brachten viele Opfer. Als Kurde möchte ich mein Land frei sehen, denn jede Nation hat das Recht dazu“, sagt Baki Ali. Der Student hat einen Nebenjob im Textilmuseum in der Altstadt, der sogenannten Zitadelle. Der 22-Jährige teilt die Meinung eines Großteils der Bevölkerung. Hier oben wirkt die Hauptstadt von Kurdistan wie ein Märchen aus 1001 Nacht. Nach Angaben der UNESCO ist die Zitadelle der älteste durchgängig bewohnte Ort der Welt. In 8 000 Jahren lebten hier, in diesem entlegenen Winkel im Norden Iraks Sumerer, Babylonier, Assyrer, Perser, Römer, Mongolen, Araber, Ottomanen. Vor knapp 800 Jahren waren es die Männer Dschingis Khans, die die Zitadelle einnehmen wollten. Es gelang ihnen nicht und sie zogen unverrichteter Dinge wieder ab. Alexander der Große schlug im Jahr 331 vor Christus den persischen König Dareios III. in der Nähe des heutigen Erbil. Später wurde „Die Schlacht von Arbela“ von Jan Brueghel dem Älteren 1602 auf Leinwand gemalt und verewigt. Noch immer dominiert die Zitadelle auf einem Plateau mit ihren hoch aufragenden und teils von Fenstern durchsetzten Mauern die Stadt. Einen Besuch wert ist hier das kleine aber feine kurdische Textilmuseum, in dem Ali arbeitet. Vor einigen Jahren hat das Kulturinstitut ein Programm für die Schaffung von Beschäftigungsmöglichkeiten für Frauen ins Leben gerufen. Es ging dabei um die Wiederbelebung der traditionellen kurdischen Webkunst. Ältere und erfahrene Weberinnen gaben die Muster ihrer Stämme sowie ihre Webkunst an jüngere Frauen weiter. Ziel war es, den Jüngeren dadurch einkommensschaffende Möglichkeiten zu bieten und gleichzeitig die traditionelle kurdische Handarbeit wiederzubeleben und die Textilien zu verkaufen. Leider gibt es dieses Engagement nicht mehr. Im Museum ist ein Nomadenzelt aufgebaut, in dem man Cay – Tee – trinken kann. Baki Ali bereitet den Tee in der kleinen Küche vor und serviert ihn den Besuchern, die sich auf bunten Sitzkissen niedergelassen haben. Ein weiterer Besuchsmagnet und die perfekte Kulisse für Hochzeitsfotos ist der Minara-Park mit dem Choli-Minarett. Der Turm ist 36 Meter hoch und wurde zwischen 1190 und 1232 aus Ziegelsteinen gebaut. Die Bezeichnung „Minara“ bedeutet Leuchtturm und ist dem markanten Wahrzeichen gewidmet. In unmittelbarer Nähe befindet sich eine Statue des berühmten kurdischen Autors und Historikers Ibn al-Mustawfi al-Irbili. Er wurde in der Zitadelle im Jahr 1169 geboren und prägte später auch als Politiker die Geschicke des Landes. Noch heute wird er als Weiser vom kurdischen Volk verehrt. Orientalisch geheimnisvoll geht es im Basar zu. Das ist der Ort, um in den irakischen Alltag einzutauchen. Geschwungene Eingänge laden ein, das enge Wirrwarr an Gassen zu erkunden. Hier versorgen sich die Einwohner mit Lebensmitteln, Kleidung und Schmuck. Es gibt eine Gasse, in der nur Honig angeboten wird, in einer anderen die für den Orient so typischen Süßigkeiten. Weiter hinten in der „Schneidergasse“ türmen sich die Stoffe bis zur Decke, Nähmaschinen rattern und Bügeleisen laufen heiß. Der Kontrast zum modernen Erbil könnte nicht größer sein. Die angebotene Kleidung stammt jedoch meist aus China oder der Türkei, und die Henna-Paste ist indischen Ursprungs.

Der Gast kann probieren, kann sich an den lokalen Mandeln in Zuckerhülle laben oder orientalische Gewürze in Großhandelsmengen kaufen. Und was der Ort für den Touristen so ganz besonders macht: Es gibt noch keine aufdringlichen Verkäufer. Denn auch Souvenirs sind äußerst rar und man muss sie lange suchen. Dafür gibt es fremde Laute und den Duft nach Patchouli und Rosenwasser.

An einem fahrbaren Teestand trinkt Mustak seinen Cay. Er kommt jeden Abend kurz nach Sonnenuntergang, um sich zu unterhalten und auf Menschen zu treffen. Mustak ist aus Bagdad. Der Familienvater arbeitet seit drei Jahren als Mechaniker in Erbil. Er zeigt auf sein Handy, wischt die Bilder durch und deutet nacheinander auf seinen Sohn, seine Tochter, seine Frau. Tränen steigen ihm in die Augen. Das Leben in Bagdad sei schwer, die Lage unübersichtlich, zurück könne er nicht. Mehr sagt er nicht, will er nicht sagen. In Erbil geht es vielen so wie Mustak. Sie kommen zusammen, um zu reden, auch wenn sie das Heimweh plagt. Ihre Zukunft ist ungewiss, ebenso wie die Zukunft des Landes und die von Irakisch-Kurdistan.

Erbil ist ein fast noch unberührter Ort. Postkarten von der Stadt gibt es keine. Doch die Metropole will Touristen herbeilocken und wappnet sich mit neuen Geschäften, Shopping Malls und dem Bau von Luxusherbergen. Das Potenzial dazu hat sie: Freundliche Bewohner und viel Historie. Und Deutsche sind in Erbil gern gesehene Gäste. Auch oder gerade weil die Bundeswehr hier die Peschmerga, die kurdische Armee, im Kampf gegen den IS, ausbildet und unterstützt.

Noch rät das Auswärtige Amt „wegen der anhaltend erhöhten Gefahr von Terroranschlägen von nicht notwendigen Reisen in die Region ab“. Von Kämpfen in den westlichen und südlichen Nachbarprovinzen sei sie allerdings nicht unmittelbar betroffen. Die Sicherheitslage sei aufgrund der Nähe zum IS-kontrollierten Gebiet jedoch weiterhin angespannt.

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