Münster

Der Glaube muss sich bewähren

„It?s help“: Der Theologiestudent Johannes Jakobs ist „Miterfinder“ einer Nachbarschaftshilfe.

J. Jakobs, Miterfinder von „It?s help“
J. Jakobs Foto: Felder

Einem virtuellen Semester, wie es in Münster gerade angelaufen ist, kann er nichts abgewinnen. „Das Studentenleben mit seiner Geselligkeit und dem Austausch mit den anderen Studenten und den Professoren fehlt mir“, bekennt Johannes Jakobs. „Zu Hause zu sitzen, das ist langweilig.“ Vor diesem Hintergrund ist es kein Zufall, dass der Münsteraner Theologiestudent zusammen mit acht Mitstreitern eine Form der bundesweiten Nachbarschaftshilfe „erfunden“ hat, bei der Hilfesuchende und Helfer von Kiel bis Konstanz und von Aachen bis Görlitz per Zettel zueinander finden können.

Katholisch geprägt

Der umgängliche Student ist 1995 in Kleve am Niederrhein geboren und in einem katholischen Elternhaus aufgewachsen. „Ich war unter anderem Messdiener und Pfadfinder und habe schon als Jugendlicher mit Freunden darüber diskutiert, warum und wie ich glaube“, berichtet der 25-Jährige freimütig. Insofern stand es für ihn auch früh fest, dass er Katholische Theologie studieren wollte. Jakobs ging als Priesteramtskandidat ins Collegium Borromaeum, das Priesterseminar des Bistums Münster, zog aber dort nach anderthalb Jahren wieder aus.

„Ich wollte nicht nur herumsitzen, sondern aktiv dazu beitragen, die Krise zu überstehen.“ Johannes Jakobs

Sein aktuelles Berufsziel ist noch nicht klar, aber gut vorstellen kann er sich eine Tätigkeit als Religionslehrer oder in der Gefängnis- oder Krankenhausseelsorge, eventuell auch bei einem Hilfswerk wie der Caritas oder Misereor. Derzeit schreibt er an seiner Magisterarbeit; bis zum Ende des Semesters hat er noch vier Prüfungen vor sich. Danach hat er ein Auslandsjahr oder -semester an der Loyola-Universität der Jesuiten in Chicago geplant, wenn die Corona-Krise das zulässt.

Idee entstand beim „Hackathon“

Bei einem bundesweiten digitalen „Hackathon“ unter dem Motto „Wir gegen das Virus“ wurde die Idee zur Nachbarschaftshilfe geboren. „Ich wollte nicht nur herumsitzen, sondern aktiv dazu beitragen, die Krise zu überstehen“, erläutert Jakobs seine Motivation zur Teilnahme. Über 40 000 Teilnehmer aus ganz Deutschland und dem Ausland, die sich normalerweise mit Computer-Programmen und digitalen Lösungen beschäftigen, waren im März ein ganzes Wochenende lang zu einem Wettbewerb eingeladen, bei dem die besten und effektivsten sozialen Projekte in der Corona-Krise ausgewählt und prämiiert wurden.

Johannes Jakobs fand sich mit acht Mitstreitern zu einer Video-Konferenz zusammen, in der das Projekt „It?s help“ geboren wurde (www.itshelp.info). „Den Anstoß dazu gab der Produktdesigner Robin Weidner, ein Deutscher, der in Utrecht lebt“, führt Jakobs aus. Der Grundgedanke war, nicht noch eine Nachbarschaftshilfe ins Leben zu rufen, wie es sie schon vielfach gibt, sondern denen, die Hilfe brauchen, ein einfaches, analoges Werkzeug, nämlich einen Aktions-Zettel, zur Verfügung zu stellen, den jeder selbst ausdrucken oder von Verwandten und Bekannten ausdrucken lassen kann.

Hilfe für Einsame und Alleinstehende

Hilfesuchende – „und vor allem die Leute, die man jetzt auf der Straße nicht sieht und die keinen Computer haben“ (Jakobs) – können unter der Überschrift „Ich benötige Hilfe“ vermerken, was sie brauchen, Helfer unter „ich kann helfen“ ankündigen, was sie an Hilfe übernehmen und leisten könnten. Name und Telefonnummer können hinzugefügt, der Zettel an Fenstern, an Bushaltestellen oder Briefkästen aufgehängt werden. „Damit signalisieren wir den einsamen und alleinstehenden Menschen: Sie werden gesehen und nicht übersehen“, hebt Jakobs hervor. „Derzeit sind wir dabei, die Post, die bekanntlich überallhin kommt, stärker mit ins Boot zu holen.“ Mit Hilfe eines Spezialcodes soll auch die Möglichkeit geschaffen werden, Hilfsbedürftige sofort an eine Nummer der Caritas weiterzuleiten.

Mit offenen Augen durch die Gegend

Darüber hinaus ist es denkbar, die Zustellung von Zeitungen mit dem Vertrieb des Zettels zu kombinieren, was aber eine erhebliche finanzielle Unterstützung voraussetzen würde. „Unsere Aktion muss so bekannt werden, dass möglichst viele mitmachen und sie nutzen“, unterstreicht der Theologiestudent. „Mit anderen Worten: Das muss zum Selbstläufer werden.“ Menschen sollten mehr mit offenen Augen durch die Gegend laufen und stärker auf die Nöte anderer achten, auch über die Corona-Krise hinaus, wünscht sich der junge Mann, „und das gilt nicht nur für Alte und Einsame, sondern auch für Häftlinge, Migranten und Obdachlose.“

Jakobs räumt ein, dass er unter den neun „Erfindern“ der Aktion wohl der einzige ist, der seine Motivation aus dem christlichen Glauben bezieht, „aber die anderen stehen dem nicht total ablehnend gegenüber, denn wir reden häufig über das Christentum“. Dass in Corona-Zeiten öffentliche gemeinsame Gottesdienste verboten sind, stört ihn sehr.

„Kirche ist nicht digital herstellbar"

„Kirche ist von ihrem Wesen her Gemeinschaft, und die ist nicht digital herstellbar“, ereifert er sich. „Ich finde es sehr schade, dass die Bischöfe das so lange hingenommen haben, denn wir sind systemrelevant.“ Er habe selbst vorher nicht gedacht, dass ihm die Gemeindegottesdienste so sehr fehlen würden, räumt der engagierte Theologiestudent ein. „Messen sind eben etwas ganz anderes als ein gesellschaftlicher Event, und wir müssen das hinkriegen, Gottesdienste auch unter gewissen Auflagen wieder zu ermöglichen“, fügt er mit Nachdruck hinzu. Die Gesundheit werde von der Gesellschaft als Wert an sich und heilige Kuh betrachtet.

„Sie ist natürlich ein ganz hohes Gut, aber für uns Christen nicht das höchste“, erklärt Jakobs. „Das ewige Leben steht für uns höher.“ Deshalb dürfe die Kirche sich nicht zu sehr dem Zeitgeist ausliefern und sozusagen „Körpersorge“ betreiben, sondern sie müsse sich um die Seelsorge kümmern. „Vorsicht ja, aber keine Angst!, muss unsere Parole lauten“, mahnt der 25-Jährige. „Denn wann, wenn nicht jetzt, kann sich unser Glaube bewähren? Das ist eine Zeit, für die unsere Botschaft wie gemacht ist.“

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