„Der Glaube gibt mir Kraft für den Alltag“

Städtetags-Präsident Markus Lewe ist stolz auf den Katholikentag in „seiner“ Stadt Münster. Von Gerd Felder
Münster - Oberbürgermeister Markus Lewe
Foto: Foto: | Fairness first: Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe (CDU).dpa

Vor wenigen Wochen noch hat er die deutsche Öffentlichkeit durch sein besonnenes Auftreten anlässlich der Amokfahrt in Münster beeindruckt, seit gestern ist „seine“ Stadt Gastgeberin des 101. Deutschen Katholikentags. Woraus er seine Energie zieht, daraus macht Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe (CDU) kein Hehl. „Der Glaube hilft mir aus meiner christlichen Verantwortung heraus zu handeln und gibt mir Kraft für den Alltag“, sagt er ebenso selbstverständlich wie unprätentiös.

Lewe wurde 1965 in Münster geboren und wuchs in einer katholisch geprägten Familie auf. Dass er sich sowohl als Messdiener wie auch in der Jugendarbeit seiner Heimatpfarrei St. Norbert im Stadtteil Coerde engagierte, kann von daher nicht überraschen. Lewe besuchte das Ratsgymnasium seiner Heimatstadt und legte 1984 das Abitur ab. Er studierte zunächst zwei Jahre lang an der Universität Münster, bevor er von 1986 bis 1990 an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung den Vorbereitungsdienst für die Laufbahn des gehobenen nicht-technischen Verwaltungsdienstes beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe absolvierte. Als Diplom-Verwaltungswirt wurde er zunächst Sachbearbeiter beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe und ab 1992 beim Bischöflichen Generalvikariat Münster. 1999 übernahm er dort als Controller und Prüfer die Leitung des Referats Innenrevision und stieg 2007 zum Leiter der Fachstelle Organisationsentwicklung und zentrale Steuerungsunterstützung auf. Als Lewe 2009 erstmals zum Oberbürgermeister der Stadt Münster gewählt wurde, schied er aus dem Kirchendienst aus. „Mein Glaube begleitet mich aber weiter bei meinem täglichen Tun“, versichert der umgängliche, sympathische OB glaubhaft, „heutzutage bei der Findung der richtigen Perspektive als Oberbürgermeister.“ Seine grundsätzliche Einstellung schlägt sich vor allem auch in seinem Umgang mit dem politischen Gegner nieder: Fairness in der Auseinandersetzung ist für ihn oberstes Gebot, übertriebene Polemik, Kämpfe mit Haken und Ösen, Schläge unter der Gürtellinie sind ihm total fremd. Das heißt allerdings nicht, dass er nicht in der einen oder anderen Ratssitzung – etwa als es um den Katholikentag ging – auch einmal ein klares Wort sprechen kann, wenn es ihm geboten erscheint.

Münster, seine Geburts- und Heimatstadt, ist Lewe ein Herzensanliegen. Für ihn ist die Dom- und Universitätsstadt mehr als Weihrauch und Pumpernickel, das legendäre westfälische Schwarzbrot. „Ich sehe es als meinen Auftrag, die Errungenschaften des Westfälischen Friedens, der im Jahr 1648 in Osnabrück und hier geschlossen wurde, in Gegenwart und Zukunft zu übersetzen“, betont er. Die Stadt Münster besteht aus seiner Sicht aus den beiden wichtigen Bestandteilen Identität und Verwurzelt-Sein auf der einen sowie Offenheit für die Zukunft auf der anderen Seite. Für diese beiden Pole steht auch Lewe selbst: Traditionsbewusst, überzeugter und praktizierender Katholik, der sich als Kommunionhelfer und Lektor in der Kirchengemeinde St. Bernhard (Angelmodde) engagiert, und auf der anderen Seite alles andere als verknöchert-konservativ, sondern offen für die kulturelle Vielfalt der Stadt. „Dazu tragen Menschen aus über 160 Nationen mit unterschiedlichsten Religionen und Lebensweisen bei, die in unserer Stadt friedlich zusammenleben und sie bereichern“, hebt er mit Nachdruck hervor. „Wir sind stolz auf diese Vielfalt. Internationalität wird hier nicht verwaltet, sondern gelebt.“

Doch so stark ausgerichtet Lewe auch auf seine Stadt ist und so sehr er auch sein Amt lebt, so großen Wert legt er andererseits auch auf Familie und Freizeit. Er sei schließlich keine Polit-Maschine und brauche deshalb Erholung und Entspannung, gibt er gern zu. Der 53-jährige ist mit einer ebenfalls kirchlich engagierten Lehrerin verheiratet und hat fünf Kinder, die er trotz seiner vielen dienstlichen Termine und Verpflichtungen nicht zu kurz kommen lassen will. In seiner freien Zeit kocht er gern, sucht aber manchmal auch die Biergärten Münsters auf. Seine Idealvorstellung von einem freien Tag ist ein Wandertag in den Bergen mit Brot, Wein und Käse: für einen Ur-Westfalen aus dem flachen Münsterland, der mit der „Leeze“, dem Fahrrad, zu seinen Terminen fährt, erstaunlich.

Ganz ernst wird der Oberbürgermeister, wenn er an die Amokfahrt im Zentrum der Bilderbuchstadt denkt, die vor wenigen Wochen weltweit Schlagzeilen machte. Das schockierende Ereignis hat ihn tief betroffen gemacht. Aus seiner Sicht hat sich aber dadurch erneut erwiesen, wie wichtig für eine Stadtgesellschaft ein Gefühl von Zukunft und Zusammenhalt ist. „Keine noch so hohen Sicherheitsmaßnahmen können uns vor Einzeltätern dieser Art schützen“, bleibt er realistisch. „Das einzige, was uns stärken kann, ist, immer wieder den Geist der Verständigung und Besonnenheit zu suchen, dafür ein Beispiel zu geben und Zeugnis abzulegen.“

Seit Anfang des Jahres ist Lewe auch Präsident des Deutschen Städtetages und hat sich für diese verantwortungsvolle Tätigkeit viel vorgenommen. „Ganz gleich, ob nun Zuwanderung, die Herausforderungen des gesellschaftlichen Zusammenhalts oder das zurzeit über allem schwebende Thema der Digitalisierung: Die Städte spüren die großen gesellschaftlichen Herausforderungen direkt“, stellt er nüchtern fest. „Da müssen wir ran.“ Der Münsteraner OB will sich vor diesem Hintergrund vor allem dafür einsetzen, den Zusammenhalt in den 3 400 Städten, die im Städtetag organisiert sind, zu stärken und ein tägliches Miteinander zu ermöglichen, das durch Respekt und Toleranz geprägt ist. „Das ist beileibe keine Selbstverständlichkeit“, urteilt er realistisch. „Wenn wir hier ein Stück weiterkommen, ist schon viel gewonnen.“

Und der Katholikentag zum Thema „Suche Frieden“, der gestern gestartet ist? Die Diskussion im Vorfeld über die finanzielle Unterstützung des Großtreffens im Stadtrat hat ihn fassungslos gemacht; er hat sich stets dafür eingesetzt, die Veranstalter mit einem großen Zuschuss der Stadt Münster zu unterstützen und lässt keinen Zweifel an seiner Wertschätzung dieses Ereignisses. „Wir sind in Münster voller Stolz auf so eine herausragende, den Frieden feiernde Veranstaltung“, bekennt der OB voller Überzeugung. „Es ist ein tolles Signal und freut mich ungemein, dass sich so viele Menschen hier dafür engagieren, dass diese fünf Tage ein Erfolg werden. Sie tragen gleichzeitig das Bild Münsters als freundliche und offene Stadt weiter in die Welt hinaus.“

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