Halberstadt

Der Diskos von Halberstadt

Eine zweifellos byzantinische „Weihbrotschale“: Warum der Vierte Kreuzzug und die Plünderung von Konstantinopel dem Harzvorland einen Schatz beschert haben.

Domschätze wollen mehr Besucher anziehen
In Kontakt mit dem Mittelalter: Die Weihbrotschale, die im Jahre 1205 nach Halberstadt gelangte, schmückt Halberstadt und den Domschatz.dpa Foto: Foto:

Drei Kirchenbauten prägen bis heute das Panorama der im nördlichen Harzvorland gelegenen, sachsen-anhaltinischen Kreisstadt Halberstadt. Neben der romanischen Liebfrauenkirche sind es vor allem die in gotischen Formen errichteten Großbauten von Martinikirche und Dom, die wie Kronen über der Altstadt thronen, deren von den Weltkriegsbomben verschonte Reste beim folgenden „Wiederaufbau in sozialistischem Bauverständnis“ geplant dem Verfall preisgegeben und großflächig abgerissen wurden. Die wenigen Fachwerkgebäude, welche die Wende 1989 noch erlebten und inzwischen liebevoll restauriert wurden, bezaubern zwar, lassen aber das Verlorene umso schmerzlicher vermissen.

Bischofskirche in den Wirren der Zeit

Anders als die umgebende Bürgerstadt hat die alte Bischofskirche St. Stephanus und Sixtusdie Wirren der Zeiten recht gut durchgestanden; sowohl die zwölf amerikanischen Bombentreffer und den DDR-Denkmalschutz, als auch die Reformation, denn das komplizierte Regelungswerk des Westfälischen Friedens schuf in Halberstadt ein Kuriosum früher Ökumene.

Zwar wurde das schon vor dem Dreißigjährigen Krieg bikonfessionelle Bistum aufgehoben, aber das noch bis 1810 fortbestehende Domkapitel war mit zwölf Protestanten und vier Katholiken besetzt. Da die Evangelischen die Versuchungen der Moderne, von Renaissance und Barock, als sinnebetörendes Teufelszeug ablehnten, blieb die mittelalterliche Domausstattung ohne spätere Überprägungen erhalten. Sogar der riesige, von einer großartigen spätgotischen Triumphkreuzgruppe überhöhte Lettner steht noch, während diese Chorschranken in katholischen Kirchen mit der tridentinischen Liturgiereform überflüssig und meist abgebrochen wurden, da man neuerdings von der Kanzel herunter predigte.

Gemischtkonfessionelles Domkapitel

Auch der weit über 600 mittelalterliche Preziosen umfassende Domschatz dürfte seine europaweit einzigartige Erhaltung dem gemischtkonfessionellen Halberstädter Domkapitel verdanken. Einesteils waren viele liturgische Gerätschaften durch Einführung des evangelischen Bekenntnisses 1591 nutzlos geworden, ins Depot gewandert und somit vor Abnutzung geschützt, andererseits hielten die Katholiken die venerablen Stücke in Ehren und verhinderten deren Verkauf. Zu den Werken von Weltrang zählen eine Anfang des 5. Jahrhunderts in Ravenna entstandene, reliefgeschmückte Konsular-Schreibtafel aus Elfenbein und natürlich die drei monumentalen, romanischen Bildteppiche; vor allem der zehn Meter breite Christus-Apostel- und der ebenso große Abraham-Engel-Teppich.

Neben Prunkstücken finden sich aber auch Gegenstände, die ein Schlaglicht auf das Alltagsleben im Mittelalter werfen; etwa die vergoldeten Metallkugeln, die – mit heißen Steinen befüllt – die Hände der Kanoniker wärmen sollten. Den Grundstock zum Halberstädter Heiltum legte Konrad von Krosigk, der von 1201 bis 1209 in Halberstadt als Bischof wirkte. Aus politischen Gründen fiel Konrad bei Papst Innozenz III. in Ungnade. Dem mit dem Kirchenbann belegten Kirchenmann blieb daher nichts anderes übrig, als sich zum Vierten Kreuzzug zu melden, einem päpstlichen Prestigeprojekt, das die seit dem Verlust Jerusalems arg gebeutelten Kreuzfahrerstaaten im Heiligen Land entlasten sollte. Das Unternehmen war zum Scheitern verurteilt, denn die Venezianer hatten zwar die Schiffe bereitgestellt, die Kreuzfahrer aber nicht genügend Geld, um die Überfahrt auch zu bezahlen.

1204: Plünderung von Konstantinopel

Nach einigem Hin und Her endete das Unternehmen schließlich 1204 mit der Plünderung von Konstantinopel. Drei Tage lang wurden in der bis dahin reichsten Stadt der Christenheit die Kaiserpaläste, Kirchen und Klöster durchwühlt und eine ungeheure Menge an kostbaren Textilien, juwelenbesetzten Ikonen, antiken Bronzestatuen, köstlichen Elfenbeinschnitzereien und Geräten aus Edelmetall zusammengerafft.

Unermesslich war der Schatz an Heiltümern, die durch diese schon damals als Schreckenstat angesehene Plünderung in den Okzident gelangten. Splitter vom Wahren Kreuz und heilige Gebeine wurden über ganz Westeuropa verteilt und auch das heute in Turin verehrte Grabtuch Christi soll damals geraubt worden sein. Ein nicht unerheblicher Teil dieses heiligen Goldglanzes fiel dabei auch auf Halberstadt, als der vom Bann gelöste Bischof Konrad am 16. August 1205 mit seinem Anteil an der byzantinischen Beute wie ein Triumphator in der Stadt einzog. Alljährlich wurde das Datum der Reliquienankunft als „Adventus Reliquarum“ im Festkalender des Bistums gefeiert. Eine auf das Jahr 1208 datierende Schenkungsurkunde zählt die von ihm mitgebrachten Schätze auf – sieben Gefäße aus Gold und Silber, vier metalldurchwirkte Messgewänder, 21 edle Tücher und über fünfzig, teils kostbar gefasste Reliquien, darunter das Haupt Jakobus' des Jüngeren, die Schädelkalotte des gesteinigten Erzmärtyrers Stephanus sowie die in ägyptischem Glas eingefangenen Tropfen von der Milch der Gottesmutter.

„Nehmt, esst, das ist mein Leib, der für euch gebrochen wird zur Vergebung der Sünden.“

Eines der Prunkstücke im Domschatz lässt sich leider keinem der in dieser Liste aufgeführten Objekte zweifelsfrei zuordnen, obwohl es zweifellos byzantinisch ist: die sogenannte „Weihbrotschale“. Es handelt sich um eine kreisrunde, vergoldete Schüssel von 41, 4 Zentimetern Durchmesser aus gegossenem und ziseliertem Silber, zu der es weltweit kein vergleichbares Gegenstück gibt. In den flachen Schalenrand schneiden die acht Rundbögen der abgeschrägten Wandung ein. Dort und abwechselnd am Rand sind 16 plastisch gearbeitete Büstenmedaillons mit Brustbildern heiliger Bischöfe und Märtyrer platziert. Zwischen den Heiligenporträts und in den Feldern der acht Zirkelschwünge der Wandungsbögen winden sich überall üppige Blattranken und leiten zu einem kreisrunden Inschriftenband über, welches die zentrale Kreuzigungsgruppe am Schalenboden umrahmt. Diese zeigt Maria und Johannes unter, sowie die Erzengel Michael und Gabriel über dem Kreuz. Die griechische Umschrift mit den Einsetzungsworten Christi „Nehmt, esst, das ist mein Leib, der für euch gebrochen wird zur Vergebung der Sünden“ lässt darauf schließen, dass das Gefäß ursprünglich als „Diskos“ gedacht war, in dem die in der orthodoxen Liturgie gebräuchlichen großen Brotlaibe mit einer Lanzenspitze zerteilt wurden.

Ein Rätsel bleibt, wozu die Schüssel diente

Unbestritten ist, dass der Diskos aus Konstantinopel stammt, dort wohl zwischen 1050 und 1190 entstand und somit Teil von Konrads Beute gewesen sein könnte. Da im Stiftungsinventar aber keine solche Schale erwähnt wird, bleibt letztlich unklar, wie der Diskos in die Halberstädter Domschatzkammer gelangte. Als Stifter wurden deswegen schon Kaiser Otto II. in Erwägung gezogen oder dessen byzantinische Gattin Theophanu. Rätselhaft ist auch, wie die Schüssel in den römisch-katholischen Ritus eingebettet wurde oder wozu sie diente – als Hostienschale ist sie jedenfalls viel zu groß und will man einen Kelch daraufstellen, stört das Kreuzigungsrelief. Einen Lösungsansatz für diese Fragen bieten aber womöglich die nachträglichen Bohrungen am Schalenrand und in deren Zentrum. Sie wurden bei einer Restaurierung verschlossen und die Fehlstellen ergänzt. Die Löcher am Rand dienten der Befestigung von vier Statuetten. Diese zeigten in Richtung des Schalenzentrums gewandte, steinewerfende Juden, die man – als ursprünglich nicht zugehörig – im 19. Jahrhundert entfernte und im Depot aufbewahrte.

Stimmt die Theorie, so wäre die Weihbrotschale demnach noch zu Konrads Lebzeiten zu jenem Stephanus-„Cyborium“ umgearbeitet worden, das in der Schenkungsliste von 1208 aufgeführt wird. Zumindest finden sich auch in der Mitte des Diskos Bohrlöcher, mittels derer man den Schädelknochen des gesteinigten Erzmärtyrers hätte befestigen können. Trotz oder gerade mit diesen Geheimnissen bleibt die Weihbrotschale ein Schatz des Christentums von Weltrang und lohnt einen Besuch im Halberstädter Dom, der noch immer zu Unrecht im Schatten des berühmteren Quedlinburg dämmert.

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