Der Aprilscherz steckt in der Krise

Spaghetti will heute keiner mehr ernten – Comedy-Sendungen lassen Kreativität vertrocknen – Kann die Wirtschaftskrise helfen?

Eindrucksvolle Bilder von einer Spaghetti-Ernte in der Schweiz flimmern am 1. April 1957 über den Bildschirm. Hunderte Briten rufen bei der BBC an und fragen, wo denn diese Spaghetti-Büsche zu kaufen seien. Auf den Gag der BBC würde heute wohl keiner mehr reinfallen. Man ist anderen Humor gewohnt. „Der Aprilscherz ist heute etwas in der Krise“, sagt der Kulturanthropologe Gunther Hirschfelder von der Universität Bonn. „Es dominiert heute oft die Angst, sich zu blamieren“, führt er als Grund dafür an. „Man denkt, die ganzen Komiker im Fernsehen seien sowieso viel lustiger und die eigene Idee nicht gut genug.“ Aus Angst, der eigene Streich gerate zum Flop, werde der Scherz von Angesicht zu Angesicht oft gescheut.

Aber ausgerechnet die Wirtschaftskrise könnte zur Entstaubung des Aprilscherzes beitragen, meint Hirschfelder. „Oft gilt das Muster: Je mehr Krise, desto mehr Witze.“ Er sei schon gespannt, was dieses Jahr passiere. Wird der persönliche Aprilscherz nach Meinung von Experten weniger, hat seine kommerzielle „Ausbeutung“ in den vergangenen Jahren zugenommen. So sollte 2008 das Buch „Sommer, Sonne, Nackedeis - FKK in der DDR“ bei einer Nacktlesung vorgestellt werden. „April, April“, hieß es – aber das Buch war in aller Munde. Die Post teilte 1998 mit, dass 100 000 Briefträger Dienstwürstchen bekommen sollten – zur Abwehr bissiger Hunde. Für das Unternehmen war es eine gelungene Image-Kampagne, die Sympathiepunkte brachte.

In Frankreich, wo der Brauch des „In den April schicken“ im 16. Jahrhundert entstanden sein soll, wird gerade der Möbelriese Ikea eines Aprilscherzes verdächtigt. Im Internet wird für ein billiges Öko-Auto geworben, das demnächst bei Ikea Frankreich zu kaufen sei. Internetnutzer rätseln, ob das Auto selbst zusammengeschraubt werden müsste. Ein Sprecher von Ikea Deutschland dementiert, dass dies ein Aprilscherz sei.

Mediale Reizüberflutung sorgt für Mutlosigkeit

Der Betreiber der Webseite „www.aprilscherze.net“, Dietmar Koch, sieht im Medienkonsum einen Grund für weniger Aprilscherze unter Freunden, Kollegen und Schülern. „Die Leute früher waren noch nicht der Reizüberflutung der Medien ausgesetzt und sind selbst kreativ geworden“, meint Koch und konstatiert eine gewisse Mutlosigkeit beim Thema Humor: „Heute will ja keiner mehr andere Manschen in die Verlegenheit bringen, auf einen Scherz hereinzufallen.“ Hirschfelder meint, dass die Fähigkeit zum Witzemachen an eine „professionelle Humor-Elite“ delegiert worden sei. Er sieht den Brauch untergehen in einem Meer an Witzen und Comedy-Sendungen.

Der Humor hat sich gewandelt – vielleicht von den Dänen lernen

Vielleicht braucht es einfach nur prominente Vorbilder, die den Brauch wieder stärker in den Blickpunkt rücken. So wie 1986, als der dänische Ministerpräsident Poul Schlüter der internationalen Presse eröffnete, Dänemark wolle sich in der Europäischen Gemeinschaft für eine Abschaffung des Linksverkehrs in Großbritannien einsetzen.

Die Krise des Aprilscherzes hänge auch damit zusammen, dass sich der Humor gewandelt habe, führt Brauchtumsforscher Hirschfelder als weiteren Grund an. „Zu Willy Brandts Zeiten haben alle noch über das gleiche gelacht.“ Hirschfelder nennt das Stichwort „Nivellierte Mittelstandsgesellschaft“. Deshalb konnte eine Serie wie „Ein Herz und eine Seele“ mit Ekel Alfred (Heinz Schubert) in den 1970ern auch zum Straßenfeger werden, meint er. Es gab einen Humor-Konsens. An ein langsames Aussterben des Brauchs glaubt der Forscher aber nicht. „Der 1. April ist schließlich einer der wenigen kulturellen Marksteine, der von der frühen Neuzeit bis heute eine gewisse Konstanz aufweist.“.

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