La Crosse

James Altman: Der Anwalt des Herrn?

Der amerikanische Geistliche James Altman sieht die katholische Wählerschaft in den USA im Dilemma. Der ehemalige Anwalt meint, als Katholik könne man nicht die Demokratische Partei wählen.

Joe Biden
Ist Joe Biden für Katholiken wählbar? Seine Positionen zum Lebensschutz verunsichern. Foto: Andrew Harnik (AP)

„Man kann kein Katholik und gleichzeitig auch Demokrat sein. Punkt.“ Ein Satz, der den US-Wahlkampf in seiner heißen Phase erschüttert. Die langanhaltende Kontroverse um das katholische Erbe der Demokratischen Partei hatte mit der Nominierung Joe Bidens einen Höhepunkt erreicht. Biden, der sich selbst als gläubiger Katholik versteht, hat sich vom Abtreibungsgegner zum Relativierer gewandelt. Das demokratische Establishment, das seit Bill Clintons Abgang von einer moderat linksliberalen Position immer mehr in linksradikalen Gefilden fischt, machte es ihm gar nicht anders möglich. Die katholische Stammwählerschaft befindet sich im Dilemma.

Demokraten gegen die Lehre der Kirche

In diese offene Flanke stieß der Pfarrer James Altman. Ein Video, rund zehn Minuten lang, ging im Internet viral. Das Programm der Demokraten sei „gegen absolut alles, was die Katholische Kirche lehrt“. Katholiken müssten dafür Reue zeigen, die Demokraten gewählt zu haben, oder ihnen drohten „die Feuer der Hölle“. Dabei bediente sich Altman biblischer Bilder, wenn er verkündete, dass den Demokraten 60 Millionen getöteter Babys an den Pforten zum Himmel im Weg stehen würden, um ihnen den Eingang zu versperren.

Pfarrer James Altman
Die Predigten von James Altmann sind umstritten. Foto: St. James

„Man kann nicht katholisch sein, und für intrinsisch böse Dinge sein.“ James Altmann

Es war zugleich eine Sprache, die das politisch-korrekte Lager, ob nun demokratisch oder katholisch, zutiefst verstörte. Altman gehört nicht nur zum Typus Priester, der die Hölle wiederbelebt („wenn ihr glaubt, dass die Hölle leer ist, dann sorry Leute, muss ich euch enttäuschen“) und Worte wie „gottlose Gesellschaft“ in seinem aktiven Wortschatz verwendet. Altmann nutzt ein ganzes Vokabular an ehemals typisch-katholischen Gebrauchsvokabeln vorrevolutionärer Zeit, zu der im Zweifelsfall auch Exkommunikation, Häresie, Sakrileg und Anathema gehören.

Der Wolf im Schafspelz

Ein Hauptangriffsziel ist dabei auch der Jesuitenpater James Martin, der mit der LBGTQ-Ideologie hausieren geht und auf der Wahlveranstaltung der Demokraten ein Gebet sprach. Im Video griff er ihn aber nicht nur verbal an – das Video zeigte das Bild eines Wolfes. Die Ikonographie ist klar: Es handelt sich um einen Wolf im Schafspelz, um einen falschen Propheten. Der Angegriffene meldete sich auf Facebook zu Wort – und warf Altman vor, sich homophob geäußert zu haben. Martins Umgang mit der Causa entsprach dem Medientenor: Zwar hatte Altman in seinem gesamten Video keine einzige homophobe Äußerung getätigt, aber das hielt die Empörungswelle nicht auf.

Dass Altman den Klimawandel als „hoax“ einstufte, wurde ihm ebenso zum Verhängnis wie ein Gleichnis über Nächsten und Fernstenliebe, weil er das Beispiel vorführt, warum er keine Menschen aus Borneo lieben könne – er kenne schlicht niemanden dort. „Du kannst nicht jemanden lieben, den du nicht kennst.“ Klimawandelleugnung, Migrationsfeindlichkeit – Altman schafft es zum Medienphänomen. Fast eine Million Klicks hat sein Video mittlerweile erreicht.

Dabei sieht der Mann mit dem schmalen Gesicht und dem kurzen, dunkelblonden Haar eigentlich nicht so aus, wie man sich einen Hassprediger vorstellen würde. In La Crosse in Wisconsin, einem klassischen „blue state“, leitet er die Pfarrei Saint James the Less. La Crosse ist auch Sitz des gleichnamigen Bistums mit rund 200 000 Katholiken. Von 1995 bis 2004 war Kardinal Leo Burke, zu dessen Anhängern sich Altman zählt, Bischof der Diözese. Die Bewertungen für die Pfarrei sind gut. Schon vor dem „Skandalvideo“ bedankten sich zahlreiche User für Altmans inspirierende und „wahre“ Predigten, einer schreibt, dass er nach 30 Jahren Abstinenz wieder zum Sonntagsgottesdienst zurückgefunden hätte. Altmann hält Messen im ordentlichen und im außerordentlichen Ritus. Seit dem 25. März lädt die Pfarrei ihre täglichen Messen auf YouTube hoch.

Er thematisiert immer wieder den Lebensschutz

Bereits bei den Livestream-Messen fällt auf, dass sich Altman genauso klar und hart wie im berühmt gewordenen Video äußert. Aber er redet keine zehn Minuten, sondern lässt sich doppelt so lange, manchmal eine halbe Stunde für seine Homilie Zeit, um zu differenzieren, zu belegen, auszuführen. Der Inhalt unterscheidet sich jedoch nicht sonderlich. „Schweigen bedeutet Komplizenschaft“, sagte er am 26. Juli. Es ist eine Predigt, in der er auch Erzbischof Carlo Maria Vigano verteidigt. Wahrheit, das ist das Stichwort, das Altman leitet. Nachdem er im September zum bekanntesten katholischen Pfarrer der USA avancierte, macht er das immer wieder in Gesprächen und Interviews deutlich. „Man kann nicht katholisch sein, und für intrinsisch böse Dinge sein“, unterstreicht er. „Das ist nicht meine Meinung. Das ist die Lehre der Katholischen Kirche: du darfst keine Babys töten.“

Altman kommt immer wieder darauf zu sprechen. Er zeigt sich skeptisch gegenüber den Pandemie-Maßnahmen, verteidigt Donald Trump als den Präsidenten, der Amerika wieder zu einem lebenswerten Land gemacht habe, er greift James Martin und die „Feiglinge“ in der Kirchenhierarchie an – aber das Thema, über das Altman immer wieder referiert, ist der Lebensschutz. Über ihn selbst erfährt man dabei kaum etwas.

Zehn Sekunden änderten sein Leben

Nur einmal, im Gespräch mit dem Konvertiten Taylor Marshall, wird es persönlich – auch, wenn sich Altman zuerst scheut. Marshall ermutigt ihn, und dann erzählt Altman von einem anderen, einem vergangenen Leben. Mit 41 Jahren arbeitete Altman noch als Anwalt. Er hatte alles, was man sich wünschen konnte: die Zahl der Mandanten stieg, das Leben war gut, er hatte ein schönes Auto und „unglaubliche Urlaube“. Seinen Glauben hatte er dabei nie verloren – in seiner Kindheit hatte er eine katholische Schule besucht, die von Nonnen geleitet wurde. Sein Leben blieb katholisch geprägt: Altmann ging zur Eucharistischen Anbetung und wünschte sich eine gläubige Frau und 13 Kinder. „Ich hatte alles“, sagt er. Bis zu dem Tag, an dem Altman zum ersten Mal einer Priesterweihe beiwohnt. Im Moment der Handauflegung fühlt er sich „zutiefst gerührt“ und sagt, anschließend eine „Stimme göttlicher Liebe“ vernommen zu haben. Bei dem Anwalt stellt sich ein tiefes Gefühl der eigenen Undankbarkeit an. „Ich habe dir alles gegeben, was du wolltest – und du dienst mir nicht!“, erklärt Altman die Schuldigkeit gegenüber Gott, die er in diesem Moment spürt. Von den „300 Millionen Sekunden“ seines Lebens ändern diese zehn sein Leben. Im Jahr 2008 wird er selbst zum Priester geweiht.

„Wir hatten 47 Jahre des Dialogs, der Dialog ist vorbei.“ James Altmann

Jetzt steht der spätberufene Pfarrer aus La Crosse immer noch im Mittelpunkt der Öffentlichkeit. Neben vielen Attacken gab es auch Unterstützung – so vom texanischen Bischof Joseph Strickland, der sein Video empfahl. Doch angesichts der vielfachen Forderungen der Öffentlichkeit, etwas gegen den eigensinnigen Altman zu unternehmen, sah sich zuletzt auch die Heimatdiözese zum Handeln gezwungen. In einer Mitteilung des Bistums gestand dieses zwar Altman zu, dass er die Wahrheit in vielen Dingen sage; aber der Tonfall sei „wütend und verdammend“ und lasse „jede Nächstenliebe vermissen“. Die Kirche müsse sich für Dialog einsetzen, statt Gruppen zu verurteilen. Man werde mit „brüderlicher Zurechtweisung“ agieren, Livestream-Messen wurden dem Pfarrer vorerst verboten.

Altman reagiert im Interview mit Unverständnis. „Wir hatten 47 Jahre des Dialogs, der Dialog ist vorbei“, sagt er. „Schauen Sie in die Bibel, was die dazu sagt, was das Töten von Babys im Bauch einer Frau betrifft. 10 000 Babys werden in Abtreibungskliniken getötet – jeden Samstag!“ Doch Altman beugte sich dem Druck des Bischofs. Seit dem 11. September hat die Pfarrei kein Video mehr hochgeladen.

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