Moskau

Denkmalstreit am Schreckensort

Das Lubjanka-Gebäude ist ein Synonym für Terror, Folter und grausame Tortur. In Moskau wird jetzt darum gerungen, wem auf dem gleichnamigen Platz ein Denkmal gesetzt werden soll.

Im Kino wurde Alexander Newski schon gefeiert
Im Kino wurde Alexander Newski schon gefeiert – bald auch als Denkmal? Foto: https://artinvestment.ru/content/download/news_2016/20
Früherer Sitz des KGB - heute beherbergt das Gebäude den Inlandsgeheimdienst FSB
Synonym des Schreckens: In dem langgezogenen gelben Gebäude am Lubjanka-Platz, war früher der KGB. Heute sitzt dort der ... Foto: Imago

Seit einigen Wochen beherrscht eine mit Vehemenz geführte kontroverse Debatte die russische Hauptstadt. Eine Debatte, die vor allem ein Gradmesser ist für den Zustand der russischen Gesellschaft seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Es geht schlicht um die Statue einer Persönlichkeit aus der russischen Geschichte, die auf dem Moskauer Lubjanka-Platz errichtet werden soll: Zur Auswahl steht der heilige Nationalheld Alexander Newski, Fürst von Nowgorod und Großfürst von Kiew. Newski, der seinen Namen nach einer großen Schlacht im Juli des Jahres 1240 gegen die Schweden am Fluss Newa trägt, aus der er siegreich hervorging, gelang es zwei Jahre später wiederum als erfolgreicher Heerführer, den Deutschen Orden vernichtend zurückzuschlagen.

Seit der Revolution Sitz der Geheimdienste

Und ein Name aus der jüngeren Geschichte kam ins Spiel, Felix Dserschinski, der Vater aller sowjetischen Geheimdienste. Für den Lubjanka-Platz ist er ein alter Bekannter, seine Statue stand dort seit 1958 anstelle eines alten Brunnens bis zu ihrer Schleifung durch aufgebrachte Moskowiter während der Augustunruhen des Jahres 1991. Die Lubjanka, das ist ein Name, der auch heute noch synonym für Terror, Folter und grausame Tortur steht. In einem weitläufigen Gebäude, erbaut in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts und ehemals Sitz einer großen Versicherungsgesellschaft, brachten die Bolschewisten nach der Revolution zunächst den „WtschK“ unter, die „Außerordentliche Allrussische Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution, Spekulation und Sabotage“, praktisch die sowjetische Staatssicherheit. Bereits kurz nach 1918 gegründet, verzeichnete die „Tscheka“ im Jahre 1921 schon 300 000 Mitarbeiter. Zu diesem Zeitpunkt befand sich in der Lubjanka nicht nur die Behörde, sondern auch ein eigenes Gefängnis. Hinrichtungen fanden statt.

Hier herrschte einst der KGB

In den 50er Jahren entstand dann der sowjetische Inlands- und Auslandsgeheimdienst KGB mit dem berühmten Wappen „Schild und Schwert der Partei“, ebenfalls mit Sitz im gelben Gebäude: Wer als Westler Solschenizyn gelesen hat, dem ist der Name Lubjanka mehr als geläufig. Auch der jüdischstämmige Dichter Ossip Mandelstam lernte den Bau von innen kennen, denn er hatte im November 1933 ein Gedicht geschrieben, welches Josef Stalin nicht gerade schmeichelte und worin er dessen Schnauzbart mit Schabenfühlern vergleicht. „Wie Himbeeren“ schmecke „dem Osseten“ das Töten, dichtete Mandelstam, und verunglimpfte die ganze speichelleckerische Entourage des Diktators gleich noch mit dazu. Dafür wurde er in der Lubjanka inhaftiert, verhört und gefoltert, danach von 1934 bis 1937 nach Woronesch in die Verbannung geschickt. Heute residiert der FSB, der Inlandsgeheimdienst der russischen Föderation, in dem langgezogenen gelben Gebäude.

Felix Dserschinski Staue
Stand schon mal auf dem Lubjanka-Platz: Felix Dserschinski. Foto: Imago

Die düstere Aura ist geblieben

Nach dem Sturz der alten Dserschinski-Statue blieb es lange ruhig um die Lubjanka. Doch ihre düstere Aura ist sie nie mehr losgeworden. Vor zehn Jahren versammelten sich auf dem Platz davor zahlreiche Gläubige zu einer Licht- und Gebetsaktion, die zur Erinnerung und Mahnung an die Installierung des ersten Gulag der Sowjetunion, der „Mutter aller Gulags“, einem ehemaligen Kloster auf den Solowezki-Inseln im Weißen Meer. Die rund um den Gedenkstein versammelten Gläubigen, der bereits 1990 dort platziert wurde, hatten die Moskauer Behörden darum gebeten, ein orthodoxes Kreuz und eine Kapelle auf dem Lubjanka-Platz aufstellen zu dürfen. Während der Andacht zum Gedenken der heiligen Neumärtyrer, die auf Solovki wegen ihres Glaubens interniert, gefoltert und umgebracht wurden, erschien ein großes Kreuz am Himmel über der Lubjanka und war für gut 20 Minuten zu sehen. Nach diesem Ereignis wurde es wieder still um den Platz.

Iwan III. als Alternative

Bis der Weltverband der orthodoxen Altgläubigen erklärte, dass man die Absicht von rund 30 Historikern, Journalisten und Prominenten unterstütze, ein Denkmal für Iwan III. (1440–1505) auf der Lubjanka zu errichten. Der Großfürst von Moskau, auch als Iwan der Große bekannt, sei der spirituelle Vater aller Altgläubigen, denn „er repräsentiere das Erbe der Rus, bevor das Schisma vollzogen wurde und bevor die Romanows an die Macht kamen“. Außerdem seien die ersten Geheimdienste in Russland lange vor Dserschinski etabliert gewesen, just Iwan der Große hätte nämlich den ersten Nachrichtendienst des Reiches überhaupt begründet.

Dserschinski soll zurück

Es mehrten sich die Stimmen, die nun partout wieder Felix Dserschinski an der alten Stelle sehen wollten, auch für dieses Vorhaben fanden sich prominente Unterstützer, von denen der klingendste Name der des Schriftstellers Zakhar Prilepin sein dürfte. Nun schaltete sich, wir schreiben den Februar dieses Jahres, der Zentralrat der Juden in Russland ein und plädierte dafür, doch einfach wieder einen Brunnen, vielleicht mit Fontänen, dort zu erbauen. Ein Denkmal für Dserschinski, an dessen Händen das Blut von zehntausenden Menschen klebe, sei auf jeden Fall unpassend. Die Kontroverse schaukelte sich weiter auf. Die Weltversammlung des russischen Volkes, eine internationale Organisation, die von Patriarch Kirill begründet wurde, um die Einheit der Russen weltweit zu stärken, plädierte nun ebenfalls für Iwan III., der das russische Volk geeint habe und für den es bislang noch gar kein Denkmal gebe.

Im Laufe des vergangenen Monats kam, wie bereits erwähnt, dann noch der heilige Alexander Newski ins Spiel, außerdem Juri Andropov. An diesem Punkt schlug der Sprecher der Moskauer Stadtduma vor, man möge doch ein Referendum abhalten, wohingegen der Chefarchitekt der Stadt vor jeder Hast bezüglich der künftigen Gestaltung des Lubjanka-Platzes warnte. Ab 25. Februar konnten die Moskauer Bürger und Bürgerinnen nun über die Gestaltung des Platzes abstimmen – mit Einschränkungen, denn es stehen nur die Namen Dserschinski oder Newski zur Auswahl.

Tiefe Gräben

Die Optionen „keiner von beiden“ oder „Springbrunnen“ gibt es hingegen nicht. Zuletzt hatte sich der Bürgermeister der Stadt gemeldet mit dem Vorschlag, die Lubjanka doch einfach so zu belassen, wie sie im Moment ausschaue, während aus dem Kreml verlautbart wurde, man werde keinen Kommentar zur Debatte um die Gestaltung des Platzes abgeben. Die hat schon jetzt tiefe Gräben in der russischen Gesellschaft wieder aufgerissen.

 

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