Brienz/Schweiz

Dauererfolg Christnacht

Viele Kinder und auch Erwachsene lieben sie noch inniger als den Weihnachtsbaum: Die Krippe darunter. In Brienz in der Schweiz werden welche von Hand aus Holz geschnitzt – seit mehr als 100 Jahren.
Christnacht aus Lindenholz
Foto: Huggler AG Brienz | Das von Hans Huggler-Wyss im Jahre 1915 kreierte Krippenensemble Christnacht aus Lindenholz wird seit mehr als hundert Jahren nachgeschnitzt.

Auch Papst Franziskus hat sie in seiner Geschenke-Sammlung: Die ,Christnacht‘. Sie wurde ihm vor drei Jahren vom Schweizer Bundesrat überreicht. Er bekam das Starterset geschenkt; es umfasst das Kind in der Krippe, Maria- und Josefsfigur, den Esel und ein Schaf. Der Holzbildhauer Hans Huggler-Wyss (1877–1947) hatte das Krippenensemble „Christnacht“ im Jahre 1915 entworfen. Diese ersten handgeschnitzten Krippenfiguren, die in der Schweiz in Serie hergestellt wurden, sind auch heute noch erhältlich

Flachschnitt als eigener Stil

Der junge Hans Huggler, aus einer Schnitzer-Familie stammend, hatte Ende des 19. Jahrhunderts an der Kunstgewerbeschule München studiert. Nach seiner Rückkehr in die Werkstatt des Vaters im Berner Oberland entwickelte er allmählich seinen eigenen Stil, Flachschnitt genannt. Den Figuren wird dabei durch den Schnitt die Form gegeben.

Flachschnitt heißt auch, dass der Schnitt des Messers sichtbar bleibt. Winzige Details wurden zugunsten von Ausdrucksstärke und Charakter weggelassen. Es wurde nicht mehr an den Figuren geraspelt, gestichelt, gefeilt und poliert, wie es früher in Brienz üblich war. Aber der junge Künstler legte viel Wert darauf, dass Anatomie und Proportionen stimmten. An den Holzschnitzer stellte die neue Arbeitsweise große Anforderungen – musste doch nun jeder Schnitt genau sitzen.

Lesen Sie auch:

Bis heute werden die Figuren von Hand nach Hugglers Modellen geschnitzt. Die Kunst wurde von Generation zu Generation sorgfältig weitergegeben. Heute schaffen 17 Personen in der Huggler-Werkstatt direkt am Brienzersee die Krippenfiguren im Cache der vor mehr als hundert Jahren entwickelten Prototypen. Um das Jahr 1900 herum waren in der Region Brienz noch weit über tausend „Schnitzler“ – wie sie im lokalen Dialekt heißen – in diesem Beruf gemeldet.

Die Geschichte begann damit, dass im 19. Jahrhundert die Giessbachfälle am Brienzersee erschlossen wurden. Es strömten nun Scharen von Touristen aus aller Herren Länder durch das arme Fischer- und Bauerndörfchen am Brienzersee. Ein paar frühe Holzschnitzler verkauften den Besuchern rudimentäre Holzgebilde, die Bären darstellen sollten – für schöne Batzen. Die Nachfrage nach solchen sorgte dafür, dass überall im Dorf mit Schnitzen begonnen wurde. Bald wurde das Bären-Sortiment erweitert – um geschnitzte Jäger, Älpler, Willhelm-Tellen, Adler, Gämse und Steinböcke in allen Posen.

Lindenholz wird drei Jahre luftgetrocknet

Neben Gekonntem stand auch viel Dilettantisches und Kitsch in den Regalen. Anno 1884 wurde die Schnitzlerschule Brienz gegründet. Sie ist die einzige Ausbildungsstätte für Schnitzen, beziehungsweise Holz-Bildhauerei in der Schweiz. Sie sorgte dann für eine Qualitätsverbesserung, nicht zuletzt dank Hans Huggler-Wyss, der da später als Lehrer tätig wurde.

In der Huggler-Holzbildhauerei werden heutzutage nicht nur und ausschließlich Krippenfiguren gefertigt. Auch die Tierwelt der Alpen und Figuren in Trachten, wie sie die Souvenir-suchenden Touristen gerne mögen, werden aus Holz gekerbt. Für die Krippenfiguren ist das Hauptabsatzgebiet jedoch nicht der ausländische Tourismus, sondern immer noch die Schweiz. Exporte gehen vor allem nach Deutschland und in die USA. Allerdings fand die lange Huggler-Familientradition vor vier Jahren ein Ende: Die Holzbildhauerin Ruth Fischer und ihr Geschäftspartner Heinz Linder übernahmen den Traditionsbetrieb.

Der neue Chef, Heinz Linder, führt das richtige Holz für die Krippenfiguren gleich in seinem Namen: Lindenholz ist das ideale. Vor der Verarbeitung muss dieses drei Jahre im Holzlager luftgetrocknet werden. Zwei Wochen bevor es unter das Schnitzmesser kommt, wird es in die Werkstatt genommen. Ein Säger stellt dann mit der handgesteuerten Kopierfräse vierkantige Rohlinge her, welche die grobe Form der Figur bereits aufzeigen.

CNC-Fräse könnte die Figuren billig klonen

Für das Herausarbeiten einer Krippenfigur brauchen die geübten Holzschnitzerinnen und Schnitzer dann zwischen eineinhalb und zweieinhalb Stunden, je nach Größe und Schwierigkeitsgrad. Dass das weiche Lindenholz für figürliche Darstellungen ideal ist, ist nicht eine Entdeckung der Neuzeit. Schon im Mittelalter entdeckten die Kunsthandwerker dieses Laubholz, das sich durch seine rosa-weiße bis hellgelbe Färbung und wenig Äste auszeichnet, als exzellentes Schnitzholz.

Die„,Christnacht“-Figuren aus Brienz sind wie erwähnt etwa 14 cm hoch. Die Brienzer Künstler haben aber auch noch Ensembles für weihnachtlich geschmückte Gotteshäuser im Angebot. Diese Serie heißt „Navidad“ – und die Figuren sind bei dieser Variante 41 bis 63 cm hoch – und nicht ganz billig.

„Die Kunden schätzen es, zu wissen, dass wir alles von Hand machen. Auch wenn jeder der Holzschnitzer nach Vorlagen arbeitet, behält doch jeder Schnitzer die eigene, künstlerische Handschrift. Dafür zahlen die Kunden gerne ein bisschen mehr.“

Das Kopieren von Figuren aus Holz wäre mit den heutigen technischen Möglichkeiten ein Leichtes geworden. Statt der Kopierfräsmaschine könnte auch eine computergesteuerte benutzt werden. In spezialisierten Werkstätten erfolgt ein Abtasten des Originals berührungsfrei durch einen Laserstrahl. So wird die Figur dreidimensional digital erfasst. Dann werden die elektronischen Daten bearbeitet und einer CNC-Fräse übermittelt. Hochpräzise trägt ein rotierender Stahlstichel dann auf einem neuen Werkstück das Holz ab, bis – wie von Zauberhand geschaffen – sich der perfekte Klon aus dem Holz schält.

Das Endprodukt wäre so dank weniger Arbeitsstunden deutlich billiger. Warum wird nicht zu dieser Methode gewechselt? – Heinz Linder sagt: „Die Kunden schätzen es, zu wissen, dass wir alles von Hand machen. Auch wenn jeder der Holzschnitzer nach Vorlagen arbeitet, behält doch jeder Schnitzer die eigene, künstlerische Handschrift. Dafür zahlen die Kunden gerne ein bisschen mehr.“

Selbst unsere Sprache zeigt ja in Sprichwörtern und Redensarten, dass menschliche Qualitäten gern mit Holz abgeglichen werden. Wer „aus gutem Holz geschnitzt“ ist, hat alle Sympathien auf seiner Seite.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe

Weitere Artikel
Predigt des Antichristen, Freskenzyklus von Luca Signorelli, 1499-1502, Capella Nuova oder Cappella di San Brizio, Dom S
Orvieto
Ein Blick auf die Apokalypse Premium Inhalt
Die Erwartung des sicheren Untergangs: Unter welchen Umständen Luca Signorelli die Cappella Nuova im Dom von Orvieto ausmalte.
30.08.2021, 07  Uhr
Georg Blüml
St. Moritz
Die Blumen des Pfarrers bleiben Premium Inhalt
Ein Pfarrer, die Berge und der Nobelskiort: Eine Geschichte über einen baltischen Seelsorger in St. Moritz und über die erste reformierte Kirche unweit des Bernina-Massivs.
10.09.2021, 19  Uhr
Sabine Ludwig
Themen & Autoren
Karl Horat Deutscher Bundesrat Digitaltechnik Elektronik und Elektrotechnik Kunsthandwerker Künstlerinnen und Künstler Papst Franziskus Päpste Ruth Fischer Tiere und Tierwelt Touristen

Kirche

Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann