Das Gedächtnis der Nation

Im Internet öffnet ein Portal für Zeitzeugenberichte deutscher Geschichte Von Josefine Janert
Foto: DT | Auf diese Internetseite kann jeder Bürger seine Erinnerungen an die Zeitgeschichte notieren.
Foto: DT | Auf diese Internetseite kann jeder Bürger seine Erinnerungen an die Zeitgeschichte notieren.

Berlin (DT) „Unsere Geschichte. Das Gedächtnis der Nation“ ist ein neues Online-Archiv. Es bewahrt persönliche Erinnerungen an mehr als 100 Jahre deutscher Geschichte auf und macht sie der Öffentlichkeit zugänglich. Nicht nur Prominente wie die Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt und Helmut Kohl sind darin vertreten, sondern auch die sogenannten kleinen Leute. Jeder kann sich als Zeitzeuge interviewen lassen und dem gemeinnützigen Projekt seine Berichte zur Verfügung stellen. Das Archiv soll Schülern, Studenten, Wissenschaftlern, Journalisten dienen – und jedem, der sich für die Vergangenheit interessiert.

Seit Donnerstag ist das Archiv online. Auch auf dem Internet-Videoportal Youtube ist ein Kanal eingerichtet worden. Das Archiv enthält jetzt schon etwa 1 600 Interviews aus den Beständen des ZDF. Sie sollen fortlaufend ergänzt werden. Bis zum 2. Dezember fährt außerdem der „Jahrhundertbus“ durch Deutschland. Vier Journalisten und ein Kamerateam wollen weitere Zeitzeugen befragen. Diese können sich spontan vor Ort oder nach einer Terminabsprache über die Webseite befragen lassen. Die Gespräche sollen sich zunächst auf zwei Themen konzentrieren: Erinnerungen an den Widerstand gegen das Hitler-Regime und Erlebnisse während der deutschen Teilung und nach der Wiedervereinigung. Später sollen weitere Themen folgen. Von der Kaiserzeit bis zur Eurokrise will das Projekt alle Kapitel deutscher Geschichte abdecken, für die es noch Zeitzeugen gibt – auch Alltag, Kultur und Sport. Es widmet sich auch Themen, über die es bislang kaum Zeitzeugenberichte gibt. Dazu gehört etwa die Einwanderung nach Deutschland.

Der Publizist Professor Guido Knopp vom ZDF und Stern-Redakteur Hans-Ulrich Jörges sind die Initiatoren des Projekts. Sie begannen schon 2006 mit der Arbeit daran. Die Schirmherrschaft hat Bundespräsident Christian Wulff übernommen. Knopp und Jörges sind nun Vorsitzende des gemeinnützigen Vereins „Unsere Geschichte. Das Gedächtnis der Nation“, der hinter dem Online-Archiv steht. Die Interviewer und Rechercheure, die für das Projekt tätig sind, können auf den Sachverstand eines hochkarätig besetzten wissenschaftlichen Beirats zurückgreifen. Unterstützung kommt ferner von Google, das die technische Plattform zur Verfügung stellt, und von Medienpartnern und Sponsoren aus der Wirtschaft. Vom Staat hat das „Gedächtnis der Nation“ bislang keinen Cent erhalten. Jedoch hat es das Wohlwollen von Kulturstaatsminister Bernd Neumann. Er war am Donnerstag in Berlin dabei, als das Online-Archiv vorgestellt wurde. „Gerade für junge Leute sind Zeitzeugenberichte eine hervorragende Möglichkeit, sich der Geschichte zu nähern“, sagte Neumann.

„Das Gedächtnis der Nation“ folgt der Idee der Shoah Foundation des US-amerikanischen Regisseurs Steven Spielberg. Diese sammelt seit 1994 Erinnerungen von Überlebenden des Holocausts. Schon seit den neunziger Jahren hätten auch Mitarbeiter des ZDF überlegt, wie sie Berichte über die schlimmsten Jahre der deutschen Geschichte für die Nachwelt bewahren könnten, sagte Guido Knopp. Ihm sei rasch klar geworden, „dass es nicht ausreicht, 30 bis 40 Zeitzeugen vor die Kamera zu bringen“. Die Erinnerungen tausender anderer Menschen an den Holocaust wären bald unwiederbringlich verloren gegangen.

Das Projekt will ausdrücklich jeden ansprechen, der meint, etwas Interessantes über die deutsche Vergangenheit erzählen zu können. Auch Menschen, die während der NS-Zeit zu Tätern wurden oder in der DDR leitende Positionen inne hatten, sollen sich äußern. Die Redaktion wird alle Berichte vor der Veröffentlichung auf die sachliche Richtigkeit prüfen und Beiträge aussortieren, in denen jemand gegen andere hetzt oder radikale politische Ansichten vertritt. Berichte über Gewalt, etwa über die Vergewaltigungen deutscher Frauen gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, sollen so aufbereitet sein, dass auch Jugendliche sie ansehen können.

Schon jetzt enthält das Online-Archiv packende Schilderungen. Eine alte Dame erzählt, wie sie 1943 als Studentin an der Münchner Uni ein Flugblatt der Widerstandsgruppe „Die weiße Rose“ fand. Eine Berlinerin erinnert sich an die Nacht der Maueröffnung. Auch für weniger spektakuläre Ereignisse gibt es Zeitzeugenberichte. In die wichtigsten Kapitel der deutschen Geschichte führt jeweils ein kurzer Filmbeitrag ein. Darüber hinaus findet der Nutzer der Seite jeweils rund einstündige Interviews mit „Jahrhundertzeugen“. Dazu gehören der FDP-Politiker Hans-Dietrich Genscher, der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, der Schriftsteller Stefan Heym und die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich.

In ein weiteres Segment des Online-Archivs können Nutzer ihre eigenen Interviews mit Zeitzeugen einstellen. Jeder, der möchte, kann also vor einer Kamera seine Großmutter befragen und den Film hinterher im Internet hochladen. Die Redaktion wird ihn ebenfalls vor der Veröffentlichung überprüfen. In den kommenden Wochen wird sie sich wohl viel mit DDR-Geschichte befassen. Der „Jahrhundertbus“ ist bis November in Ostdeutschland unterwegs. „Wir haben noch große Lücken in der Wahrnehmung der DDR-Geschichte“, sagte Hans-Ulrich Jörges.

Im Internet: gedaechtnis-der-nation.de und youtube.com/unseregeschichte

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