Das Florianswunder von Adendorf

Vor 65 Jahren stürzte ein Bomber in den Garten eines Wasserschlosses – und nichts wurde zerstört

Bonn (DT) Der 14. Oktober 1943 endete für die Burg Adendorf glücklich und für die US-amerikanische Luftwaffe in einem Desaster. Die Dramatik dieses Tages hat ein Besucher der malerisch im Drachenfelser Ländchen zwischen Bonn und Meckenheim gelegenen Wasserburg im Gästebuch des Hauses ebenso nüchtern wie treffend mit den Worten zusammengefasst: „Flugzeug war auf wilder Bahn, Lob und Dank Sankt Florian, kam es doch vorm Hause an.“ Hinter diesen prägnanten Worten verbirgt sich eine jener Geschichten aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, die die Unmenschlichkeit und Zerstörungen in dieser Zeit ebenso plastisch wiedergeben wie ihre Hoffnung und den Glauben an ein normales Leben und himmlische Mächte. So beziehen sich zwar auch andere Gästebucheinträge auf das Ereignis vor 65 Jahren. „Es ist bewundernswert, mit welch einer Nüchternheit die Menschen in dem ganzen Kriegselend um sie herum offenbar den Vorfall aufgenommen und bei der Beseitigung der Folgen geholfen haben“, berichtet Adendorfs Hausherrin Gabriela Freifrau von Loe und mutmaßt: „Was uns heute als so außerordentliches Ereignis mitten im Krieg vorkommt, war seinerzeit wohl Teil des alltäglichen Lebens.“ Was war damals geschehen?

Es muss kurz nach 14 Uhr gewesen sein, als eine der „Fliegenden Festungen“ in den Innenhof der Vorburg krachte und in Flammen aufging. „Fliegende Festungen“ – „Flying Fortress“ wurden die schweren viermotorigen US-amerikanischen B 17-Kampfbomber genannt. 291 dieser Maschinen der „305th Bombardment Group“ waren am Vormittag von ihrer Basis Chelveston im Osten von Großbritannien gestartet. Ziel des Luftwaffengeschwaders: die kriegswichtige deutsche Kugellagerindustrie im fränkischen Schweinfurt. Um 13.58 Uhr wurde über Bad Godesberg durch Flak und ein deutsches Jagdflugzeug dann jener B 17-Bomber abgeschossen, der kurz darauf in Adendorf einschlug. Zwei Besatzungsmitglieder wurden bereits beim Beschuss der Maschine getötet, die acht weiteren Insassen retteten sich mit dem Fallschirm aus der abstürzenden Maschine. Später gerieten sie in unterschiedlichen Lagern in Kriegsgefangenschaft.

Der „schwarze Donnerstag“ für amerikanische Bomber

Schon zwei Monate zuvor war Schweinfurt das Ziel eines massiven Bombardements durch einen US-amerikanischen Bomberverband gewesen. Zwar gelang es den Amerikanern bei ihrer Operation „Double Strike“ dabei auch, die Stadt und die Industrieanlagen erheblich, aber nicht entscheidend zu beschädigen. Aber der relative Erfolg wurde bitter erkauft: Zahlreiche Maschinen wurden abgeschossen oder konnten nicht wieder eingesetzt werden, viele Soldaten verloren ihr Leben. Der erneute Angriff endete noch verheerender: 60 „Fliegende Festungen“ wurden von der deutschen Luftwaffe oder durch Flakbeschuss abgeschossen, weitere 121 so schwer getroffen, dass sie nicht mehr in Dienst gestellt werden konnten. Hunderte Soldaten der US-Army Air Force starben. Der 14. Oktober 1943 ging später als „Black Thursday“, als „Schwarzer Donnerstag“, in die Geschichte der US-amerikanischen Luftwaffe ein.

Fast 40 Jahre später gelang es Felix Freiherr von Loe, einem der Söhne des Hauses Adenorf, zum damaligen Co-Piloten und zum Heckschützen der abgeschossenen Maschine, John E. Lindquist und Edwin E. De Vaul, Kontakt aufzunehmen. Über zahlreiche Anfragen an Archive war Loe schließlich an die Seriennummer der B 17 gekommen und erhielt dann über das Nationalarchiv der USA auf der Grundlage des sogenannten „Missing Air Crew Report“ die Namen der zehn Besatzungsmitglieder. „Lindquist sandte mir später noch eine umfangreiche persönliche Abhandlung zu, in der er, mit eigenen Zeichnungen illustriert, die Erinnerungen an seine Kriegsjahre aufgeschrieben hat“, berichtet von Loe und fügt hinzu: „Ich hatte durch den Kontakt mit den beiden Soldaten den Eindruck, dass sie sehr dankbar dafür waren, dass sich jemand aus Deutschland für diesen Teil ihrer Biografie interessierte und sie so dieses Kapitel nochmals aufarbeiten konnten.“

Bomber zu Füßen einer großen Muttergottesfigur eingeschlagen

In Adendorf mit seiner mittelalterlichen Burg verbindet sich mit diesem Datum zudem bis heute auch der Dank an höhere Mächte. Allein schon der Umstand, dass die Maschine damals genau so in den Hof abgestürzt war, dass die umstehenden Gebäude, die Burg selbst oder weitere Menschen nicht zu Schaden gekommen waren, grenzte an ein Wunder. Ein noch größeres Wunder war es aber wohl, dass die scharfen Bomben an Bord des Bombers – sechs je 500 Pfund schwere Sprengbomben – weder beim Aufprall noch beim Brand der Maschine explodierten und geborgen werden konnten. Ob es daran lag, dass der Bomber zu Füßen einer lebensgroßen Muttergottesfigur eingeschlagen war, die 1904 als Beschützerin der Burg Adendorf aufgestellt worden war? Nach dem Absturz ließ Therese Freifrau von Loe, eine tief gläubige Tante der heutigen Besitzer, jedenfalls ein Gemälde für die Kapelle anfertigen, das den heiligen Florian über der Burg Adendorf zeigt. Mit der einen Hand löscht der Heilige, der im Gebet gegen Feuer- und Brandgefahren um Hilfe angerufen und als Schutzpatron der Feuerwehrleute verehrt wird, die brennende Maschine, mit der anderen Hand vertreibt er heranfliegende Flugzeuge.

„Für mich ist die Geschichte wirklich auch ein Florianswunder“, sagt Felix von Loe, „ein Wunder wie die deutsch-amerikanische Freundschaft, die trotz des grauenvollen Krieges entstanden ist“. Von daher verpflichtet der Jahrestag des 14. Oktober 1943 einerseits zum Gebet. Andererseits mahnt er zeitlos aktuell, im Bemühen um Verständigung und Frieden nicht nachzulassen.

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