Berlin

„Das Fenster zur Außenwelt“

Einsamkeits-Telefon in der Corona-Krise: Die Malteser bauen ihre „Redezeit“ aus.

Ellen Ladnorg telefoniert zu Hause vom Sofa aus mit einsamen Menschen
Ellen Ladnorg telefoniert zu Hause vom Sofa aus mit einsamen Menschen bei der „Redezeit“ der Malteser.Oliver Gierens Foto: Foto:

Neben dem Sofa im Wohnzimmer von Ellen Ladnorg fällt ein Gerät sofort ins Auge: das große, weiße Telefon. So ein ganz altes Modell mit Wählscheibe, wo der Hörer noch richtig auf der Gabel liegt. Dieses Telefon ist wirklich so alt, wie es aussieht – und es versprüht den Charme einer gemütlichen Zeit. „Das funktioniert noch“, erzählt Ellen Ladnorg.

Allerdings wurde es vor kurzem abgeklemmt, weil es mit ihrer neuen Fritz-Box absolut nicht mehr kompatibel ist. So finden sich bei Ellen Ladnorg auch ein ganz modernes schnurloses Telefon und ein Handy. Und die braucht sie dringend: Denn Ellen Ladnorg telefoniert, um anderen Menschen Trost und Hilfe zu geben. Die 73-Jährige ist ehrenamtliche Mitarbeiterin bei der „Redezeit“ des Malteser Hilfsdienstes in Berlin.

Per Telefon zur Freundschaft

Mindestens einmal wöchentlich telefoniert sie mit Zuzana Henkel – so lautet die Vorgabe. Da sich die beiden inzwischen gut kennen, sprechen sie meistens öfter, in Ausnahmefällen sogar täglich. Die Dame ist schwer lungenkrank, zugleich pflegt sie ihren Mann, der vor gut zehn Jahren einen Schlaganfall erlitten hat und mittlerweile auch an Demenz leidet. Bis vor kurzem brachte sie ihren Mann zweimal wöchentlich in die Tagespflege. Seitdem das Corona-Virus kursiert, ist die Einrichtung geschlossen. Jetzt ist ihr Mann rund um die Uhr zu Hause. Manchmal erkennt er aufgrund der Demenz seine eigene Frau nicht mehr. „Wer bist Du?“, fragt er manchmal.

„Ellen, leih' mir mal Dein Öhrchen.“

In solchen Situationen greift Zuzana Henkel zum Hörer, ruft Ellen Ladnorg an. „Ellen, leih' mir mal Dein Öhrchen“, sagt sie dann. Und Ellen leiht es ihr seit fast drei Jahren. Aus dem Telefonkontakt ist mittlerweile eine Freundschaft geworden. Über eine Zeitungsannonce der Malteser wurde Zuzana auf das Angebot der „Redezeit“ aufmerksam. Ihr schwerkranker Mann, der Kummer über ihren Sohn, der nichts mehr von den Eltern wissen will, dazu die Freunde, die sich abgewendet haben: „Ich brauchte jemanden zum Reden“, erzählt Zuzana Henkel im Gespräch mit der „Tagespost“. „Mit Ellen spreche ich über alles. Sie ist für mich das Fenster zur Außenwelt.“

Redezeit in der Krise

Das Angebot der „Redezeit“ scheint wie geschaffen für die Corona-Krise. In diesen Wochen, in denen gerade älteren und gesundheitlich vorbelasteten Menschen nahegelegt wird, zu Hause zu bleiben, kann ein regelmäßiger Telefonkontakt ein gutes Mittel gegen Vereinsamung und soziale Isolation sein. „Viele, die bisher beim Besuchsdienst dabei waren, nutzen jetzt die Redezeit“, hat Ellen Ladnorg beobachtet, die sich für beide Angebote engagiert. So verwundert es nicht, dass die Malteser in Berlin vor kurzem vermeldet haben, dass das Angebot ausgeweitet wird. Und das hat mehrere Gründe, erläutert die Koordinatorin des Projekts, Stephanie Wegener von Tengg. „Das Netzwerk ist innerhalb der Stadt weit gespannt. Wir sind auf allen Kanälen präsent, werden innerhalb der Kirche, aber auch vom Berliner Senat als Ansprechpartner genannt.“ Und auch die Nachfrage sei in letzter Zeit stark gestiegen, „weil die Menschen jetzt die Not spüren“, sagt Wegener von Tengg.

Corona macht einsam

„In der Einsamkeit fühlen sich viele Menschen jetzt noch mehr allein, und das ist wirklich spürbar“, so das Fazit der Projekt-Koordinatorin. Gerade die diffuse Bedrohung durch die Corona-Krise komme viel mehr zum Tragen, wenn man sich nicht mit anderen austauschen könne, nicht sagen könne, was einem Angst mache. „Das ist viel besser zu ertragen, wenn man eingebunden ist in einen Freundes- und Bekanntenkreis und in eine Familie.“

Die Malteser-Familie

Und die Malteser sind für viele Menschen eine Familie – vor allem, wenn sie keine eigene mehr haben. Auch Ellen Ladnorg spricht von ihrer „Malteser-Familie“. Sie ist der Ort, wo sie Hilfsbedürftigen Menschlichkeit und Liebe zuwenden kann. Einige Jahre hat sie in den USA gelebt. Im dortigen Krankenhaus gehörte sie zu den „Pink Ladys“, die sich um die Patienten kümmern und ihnen die Zuwendung geben, für die den Krankenschwestern oft die Zeit fehlt. Dieses Engagement hat sie tief beeindruckt. „Die Menschen dort sind sehr sozial eingestellt, auch weil der Staat sich nicht um alles kümmert“, schildert sie ihre Eindrücke.

Nach Berlin zurückgekehrt, fand sie beim Malteser Hilfsdienst die Möglichkeit, an diese Erfahrungen anzuknüpfen – zunächst beim Besuchsdienst, der einsame oder kranke Menschen zu Hause besucht, mittlerweile vorwiegend bei der „Redezeit“. Für die Malteser nimmt sie an der Freiwilligenbörse im Berliner Rathaus teil, begleitet Ehrenamtliche bei der Ausbildung. Gerade jetzt in Corona-Zeiten hätten sich viele Menschen gemeldet, die unbedingt mithelfen wollten, erzählt Ellen Ladnorg. Doch die Erfahrungen sind nicht immer positiv, auf anfänglichen Enthusiasmus folgt manchmal die baldige Ernüchterung. „Das versickert dann im Sand, nach einem Vierteljahr melden die sich nicht mehr“, erzählt sie von ihren Erfahrungen.

Kontinuität ist wichtig

Dabei sei gerade beim Umgang mit einsamen oder kranken Menschen Kontinuität besonders wichtig. „Wenn sich Ehrenamtliche plötzlich nicht mehr melden, denken die Angerufenen, sie seien daran schuld.“ Neue Mitarbeiter würden vorher von einer Psychologin darauf vorbereitet, mit schwierigen Gesprächssituationen umzugehen. Wichtig sei vor allem, Geduld zu haben und mit Menschen reden zu können.

Auch wenn nicht jeder neue Ehrenamtliche dabeibleibt, zeigt die Corona-Krise offenbar eins: Die Menschen rücken wieder näher zusammen, die Hilfsbereitschaft vieler Bürger ist in diesen Wochen groß. „Wir haben einen massiven und wunderbaren Neuzugang von Menschen, die sich engagieren wollen“, unterstreicht Projekt-Koordinatorin Stephanie Wegener von Tengg. Es sei allerdings schwierig, hier konkrete Zahlen zu nennen, denn manche möchten sich engagieren, würden aber nicht sogleich den passenden Telefonpartner finden.

Telefonpartner müssen passen

Denn darauf wird bei der „Redezeit“ wie auch beim Besuchsdienst Wert gelegt, dass Ehrenamtlicher und die betreute Person zueinander passen. Schließlich, so Wegener von Tengg, sei die Redezeit keine Telefonseelsorge, sondern ein Dienst, der Telefonpartnerschaften, ja Freundschaften vermitteln wolle. Das sei ein langfristiger Prozess, und der Dienst ziele auch darauf ab, längerfristige Kontakte zu knüpfen. „Wir wollen kein Akut-Notdienst sein, sondern wir vermitteln Menschen an Menschen.“ Und weil manch einer davor Hemmungen hat, ergänzt sie: „Niemand muss sich dafür schämen, dass er einsam ist. Man darf, man soll um Hilfe bitten.“ Jeder Angerufene hat seinen fixen Ansprechpartner, und jeder Ehrenamtliche hat maximal drei Personen, die er anruft. Solche Kontakte gingen oft über Jahre – manchmal sogar bis zum Tod.

Bei Ellen Ladnorg und Zuzana Henkel hat es drei Jahre gedauert, bis sich die beiden auch persönlich getroffen haben. Der Anlass war kein schöner: Zuzana musste ins Krankenhaus, und Ellen Ladnorg brachte ihr Wäsche vorbei. Wenn die Corona-Krise vorbei ist, haben sich die beiden dasselbe vorgenommen, was sie damals nach dem Krankenhausaufenthalt getan haben: „Dann gehen wir ein großes Eis essen.“

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