„Dann sind wir ja gut geschützt“

Spirituell-abenteuerliche Ostern mit 150 000 Menschen: Unterwegs als Pilger in Jerusalem. Von Renardo Schlegelmilch
Foto: schlegelmilch | Auf den Spuren Jesu: Jerusalem fasziniert viele Touristen und Pilger.

Für viele Gläubige ist es ein Höhepunkt ihres Lebens: einmal das Heilige Land und die Heilige Stadt sehen. Jerusalem ist der Ort von Tod und Auferstehung Christi, aber auch ein heiliger Ort für Juden und Muslime. Was bewegt die Menschen hier? Palmsonntag ist in vielen Gemeinden der traditionelle Tag für die Palm-Prozession. Für Christen in Jerusalem ist das jedes Jahr auch der Anlass, den Weg nachzugehen, den Jesus bei seinem Einzug in die Stadt vor 2 000 Jahren genommen haben soll. Auf einer Eselin ist er vom Ölberg in die Altstadt eingezogen. Tausende Christen aus aller Welt folgen ihm dabei Jahr für Jahr. Das Problem: Der Ölberg liegt heute im palästinensischen Ostjerusalem. Es geht also auf dem Weg zur Prozession auch vorbei an der Grenzmauer zwischen Israel und dem Westjordanland, sowie den umkämpften israelischen Siedlerhäusern, wo es regelmäßig zu gewaltsamen Zusammenstößen kommt. Die Sicherheitsvorkehrungen bei der Prozession sind hoch. Seit dem neuesten Siedlungsbau und mehreren Messerattacken in Jerusalems Altstadt ist die Lage angespannt. Über der Pilgergruppe kreist ein Hubschrauber. Hinter der Gruppe marschiert eine Abordnung von Polizisten mit Maschinengewehr. „Dann sind wir ja gut geschützt, wenn die Jungs direkt hinter uns laufen“, bemerkt eine Pilgerin, die extra aus Deutschland angereist ist.

Für die Pilger ist die Sicherheit kein großes Thema. Oder doch? Immer wieder hört man das Argument: Christen und Ausländer seien nicht wirklich Teil des Konfliktes. Die Gewaltausbrüche zwischen Israelis und Palästinensern seien in erster Linie Ausdruck einer politischen Auseinandersetzung zwischen Besatzern und Besetzten, der religiöse Konflikt zwischen Juden und Muslimen spiele dabei nur eine kleinere Rolle. „Die Altstadt von Jerusalem ist für Ausländer nicht unsicherer als jede andere Großstadt in Europa“, erklärt Georg Röwekamp vom Heilig-Land-Verein in Jerusalem. Die Altstadt ist auch nachts durchweg ausgeleuchtet und mit Kameras überwacht, ein Gefühl der Unsicherheit kommt hier tatsächlich nicht auf. Trotzdem. Das Auswärtige Amt hat strikte Sicherheitshinweise für Jerusalem: Nach Dunkelheit nicht die Unterkunft verlassen, Menschenmassen und Bushaltestellen meiden. Für viele unverständlich, auch für Annika Zöll. Die 20-jährige Theologiestudentin lebt seit acht Monaten in Jerusalem. „Wenn ich von A nach B muss, nehme ich natürlich den Bus, und laufe nicht drei Stunden, nur weil das Auswärtige Amt das so will. Die ersten Monate hat man schon ein mulmiges Gefühl, aber dann merkt man: Für die Menschen hier gehört Busfahren wie für uns ganz selbstverständlich zum Alltag.“

Dabei merkt man einen klaren Unterschied zwischen Touristen und Pilgern. Am Karfreitag, nach dem Messerattentat eines verwirrten Mannes auf eine junge Britin wirkt die Altstadt von Jerusalem auf einmal wie ausgestorben. Die Touristen haben die Gassen und Geschäfte verlassen und sind zurück in ihre Hotels. Die Pilger sind trotzdem da. Gegen Sonnenuntergang ziehen jüdische Großfamilien auf dem Weg zum Gottesdienst durch die Altstadt. Es wird nicht nur Ostern gefeiert, sondern auch das jüdische Pessach-Fest. Christen sind auch unterwegs und strömen zur Via Dolorosa, dem Leidensweg Christi. Die meisten einheimischen Christen halten am Karfreitag allerdings Abstand von der Via Dolorosa. Das große Spektakel mit lebensgroßen Holzkreuzen und künstlichem Blut (das auch einige Gruppen verwenden), entspricht nicht ihrer Frömmigkeit. Viele sprechen von einer großen Show für die Fernsehkameras, die auch in Massen zum Kreuzweg pilgern, aber nicht von einem Ausdruck ernst gemeinter Religiosität.

Die Osternacht wird in Jerusalem schon einen Tag früher begangen als in den meisten anderen Gemeinden. Vor über 100 Jahren wurde geregelt, wer in der Grabeskirche wann welche Gottesdienste feiert; daran darf heute nichts mehr verändert werden. Die Kirche wird ökumenisch von fünf verschiedenen Konfessionen verwaltet. Als das zweite vatikanische Konzil die Osternacht wieder auf den Ostersonntag verlegt hat, durfte in der Grabeskirche diese Änderung nicht übernommen werden. Der Ostersonntag ist deshalb ein vergleichsweise ruhiger Tag in der Grabeskirche. Viele einzelne Gläubige und kleine Gruppen bevölkern die Kirche. Jeder betet und gedenkt auf seine ganz persönliche Weise. Manche sitzen oder stehen still in der Ecke, andere beten, wieder andere singen oder tanzen direkt vor dem Jesusgrab.

Als Abschluss der Feierlichkeiten wird in Jerusalem, wie in vielen anderen Gemeinden, am Ostermontag der Emmaus-Gang veranstaltet. Der Unterschied: Die Gruppe, die von Franziskanern geleitet wird, macht sich auf ins historische Emmaus. Der Ort al-Qubeibe liegt 15 km, 60 Stadien, nördlich von Jerusalem, heute im politisch umkämpften Westjordanland. Die Pilger müssen vorher ihre Personalien angeben, da auch ein Checkpoint der israelischen Armee passiert wird. Das Grenzgebiet wird dabei von grünen Wiesen, Olivenhainen, Bergen und Tälern geprägt. Fünf Stunden dauert der Marsch von Jerusalem aus. Über Stock und Stein, durch ausgetrocknete Flussbetten, mitten über Weiden und Felder, vorbei an Schafen und Eseln. Den Weg nehmen Menschen allen Alters und verschiedener Nationalitäten auf sich. Der jüngste ist sechs Jahre alt, die älteste 86. Eine Ordensfrau, die Probleme mit dem Gehen hat, wird von Fremden rechts und links eingehakt. Das geht gut. Der Franziskaner-Bruder Gregor Geiger veranstaltet den Gang seit 15 Jahren, seitdem hat sich nur einmal jemand ein Bein gebrochen. Angekommen in Emmaus werden die Pilger von deutschen Ordensschwestern mit einem Buffet und kalten Getränken empfangen. Den Abschluss der Tage im Heiligen Land macht ein wahrhaft ökumenischer Gottesdienst: Mit verschiedenen Konfessionen, Sprachen, und auch einem Hund und einer Katze, die in der Ecke sitzen.

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