Berlin

Georg Maas sorgt sich in der Pandemie um die Kinolandschaft

Regisseur und Drehbuchautor Georg Maas sorgt sich in der Pandemie um den Erhalt der Kinolandschaft.
Georg Maas bei der Filmpremiere Zwei Leben im Cinenova Kino. Köln, 10.09.2013 Foto:xgbrcix/xFuturexImage
Foto: Imago Images | Nach dem Tod kommt etwas: Georg Maas.

Spätestens seit seinem Erfolgsfilm „Zwei Leben“, der reihenweise internationale Preise abgeräumt hat und auf vielen Festivals gelaufen ist, zählt der Aachener und Wahl-Berliner Georg Maas nicht mehr nur zu den Geheimtipps der Kino-Szene. „Momentan ist für mich aber, verschärft durch Corona, eine schwierige und ernste Zeit“, erläutert der Regisseur und Drehbuchautor. „Ich habe mehrere Filme entwickelt, die demnächst realisiert werden könnten. Im Moment sind die Produzenten und Verleiher allerdings sehr zurückhaltend.“ Trotzdem bleibt er optimistisch, dass er nach der Krise zumindest ein Projekt davon verwirklichen kann.

Geschichten erzählen

Geboren 1960 in Aachen, absolvierte Georg Maas nach dem Abitur zuerst eine Zimmermannslehre. Zwei Jahre Zivildienst schlossen sich an, bevor er sich zu einem Studium entschloss. Germanistik hätte nahegelegen, erschien ihm aber als zu analytisch. Ihn interessierte allerdings auch die Ethnologie, die unter anderem in Berlin gelehrt wird. Durch einen großen Zufall stieß er dort auf die Deutsche Film- und Fernsehakademie, machte sich mit deren Aufnahmebedingungen vertraut und bewarb sich– mit Erfolg. „Dadurch konnte ich meinen Wunsch, das Geschichtenerzählen zu meinem Beruf zu machen, realisieren.“ Maas schaut mit Genugtuung auf diese Zeit zurück, die ihn mit vielen kreativen Köpfen in Kontakt brachte. „In Berlin habe ich neue Freunde gewonnen und bin nach der Filmhochschule quasi hier hängengeblieben.“

Vorbild Stanley Kubrick

Maas' großes Vorbild ist nicht etwa Ingmar Bergman, obwohl er sich vor dem Dreh von „Zwei Leben“ dessen Oeuvre komplett angeschaut hat und ihn sehr schätzt, sondern der Perfektionist Stanley Kubrick, der sich in sehr unterschiedlichen Genres hervorgetan hat. „Die Kameraführung und die filmischen Elemente bei ihm haben etwas Suggestives“, schwärmt er. Nach wie vor begeistert ist er allerdings von der Zusammenarbeit mit Bergmans früherer Lebensgefährtin Liv Ullmann bei „Zwei Leben“. „Auf Anraten meines norwegischen Produzenten habe ich dieser legendären Schauspielerin das Drehbuch geschickt und mich sehr gefreut, dass sie die Rolle in meinem Film übernahm“, berichtet Maas nicht ohne Stolz. „Sie ist sehr freundlich und zugänglich. Allerdings hatten wir es nicht ganz leicht miteinander. Wir hatten unterschiedliche Vorstellungen von der Rolle.“ Immerhin war das Verständnis zwischen den beiden Künstlern am Ende so gewachsen, dass Maas hinterher noch einen Dokumentarfilm über die große Norwegerin drehte.

Deutsche Geschichte

„Zwei Leben“ erzählt eine Geschichte, in der sich die deutsche Nazi- und Stasi-Vergangenheit auf diabolische Weise miteinander verknüpfen. Neben den kaum bekannten historischen Fakten war es dem Aachener in diesem Film auch wichtig, die Zuschauer zu überraschen: Sie müssen ihre Einstellung gegenüber der Hauptfigur während des Films immer wieder verändern. „Anfangs identifiziert man sich stark mit der Hauptfigur“, erklärt der Aachener. „Dann aber muss man sich immer wieder revidieren, während man begreift, dass diese Frau ein Doppelleben führt.“ Überhaupt ist das Spiel mit Identitäten ein Hauptmotiv bei Maas, ähnlich wie bei seinem Lieblingsschriftsteller Max Frisch.

Hat Corona etwas an seiner Arbeitsweise verändert? Eher wenig, weil er ohnehin sehr viel von zu Hause arbeitet und vieles telefonisch regelt. „Manche Leute, mit denen ich zusammenarbeite, habe ich noch nie gesehen“, gesteht er, „und solange ich noch dabei bin, ein Drehbuch zu entwickeln, tangieren Kontaktbeschränkungen und Lockdowns mich kaum.“ Privat allerdings betrifft die Gefährdung durch die Pandemie ihn durchaus, denn mit einer Vorerkrankung und seinen 60 Jahren zählt er zu den Risikopatienten. „Ich gehe wenig aus und habe meinen Geburtstag und meine Hochzeit nur klein gefeiert. Das hat mir aber letztlich sogar ganz gut gefallen“, erzählt er. Trotz seiner Angst vor einer möglichen Ansteckung, zu der er sich offen bekennt, geht er gelassen mit dem Risiko um. Darüber hinaus ist klar, dass man im Filmgeschäft nicht alles vom Schreibtisch aus machen kann. „Die physische Präsenz ist beim Drehen natürlich unabdingbar. Aber da der Prozess der Finanzierung eines Films mindestens ein Jahr braucht, denke ich, dass die Pandemie überstanden ist, bis ich wieder am Set stehe.“

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Kino und Ängste

Beschäftigt das Kino sich viel direkter mit den Ängsten als andere Kunstformen, wie kürzlich Schauspieler Matthias Brandt behauptet hat? Wenn er an viele Filmdramen denke, die er im Kino gesehen habe und bei denen seine Frau sich oftmals im spannendsten Moment Augen und Ohren zuhält (und bei brutalen Szenen sogar rausgeht), dann treffe das wohl zu, meint Maas. Krimis im Fernsehen schaut er dagegen gar nicht, weil sie ihm zu viele Klischees und Wiederholungen enthalten, ist sich aber darüber im Klaren, dass sie sich gut verkaufen und beim Publikum bestens ankommen. Faszinierend sei jedoch, dass der Film häufig die Themen Seuchen, Viren und Weltzerstörung zusammengebracht habe, etwa in Filmen wie „Contagion“, „Walking Dead“ oder „Wall-E“.

Doch dass das Kino in der gegenwärtigen Krise nicht als systemrelevant betrachtet wird und nicht ausreichend Unterstützung von Seiten der Kulturpolitiker erhält, bereitet ihm Sorgen. „Obwohl viele Kinobetreiber sich Mühe gegeben haben, Hygienekonzepte erfolgreich umgesetzt und sogar Filter- und Klimaanlagen eingebaut haben, müssen sie jetzt während des zweiten Lockdowns wieder schließen“, meint er nachdenklich. „Und das, obwohl es keine Hinweise auf nennenswerte Covid-19-Infektionen in Kinos gibt. Das ist bitter.“ Gerade die kleinen Programmkinos hofften jetzt darauf, dass die Politik ihnen unter die Arme greife, sonst sei die Vielfalt der Kinolandschaft in Deutschland akut bedroht. Der Film sei ein Kulturgut, das erhalten werden müsse, und kein Handelsgut, wie es in den USA oft gesehen werde. Streamingdienste, die in der Pandemie-Zeit zur großen Konkurrenz des Kinos aufgestiegen seien, könnten das Gemeinschaftserlebnis im Kino nicht ersetzen. „Und doch ist es auch unsere Bequemlichkeit, die ihnen in die Hände spielt, kann man doch inzwischen Filme auf sehr großen Bildschirmen zu Hause anschauen, ohne sich vom Sofa erheben zu müssen.“

„Wir sind ja auch noch mitten drin in der Krise, da fehlt mir die nötige Distanz, um die Sache auch von außen, aus einer anderen Perspektive, betrachten zu können.“ Georg Maas

Wäre Corona ein Film-Thema für ihn? Georg Maas winkt ab: Ihm erscheint das als zu früh, dauert die Themenfindung bei ihm doch stets etwas länger. „Wir sind ja auch noch mitten drin in der Krise, da fehlt mir die nötige Distanz, um die Sache auch von außen, aus einer anderen Perspektive, betrachten zu können.“ Für bemerkenswert hält der ruhige, nachdenkliche Analytiker Maas, dass die ganze Welt von der Corona-Krise betroffen und mit demselben Problem konfrontiert ist, dass sich also niemand einfach ins Flugzeug setzen und vor der Seuche in eine andere Weltregion fliehen kann. Was ihn stört, ist die monothematische Berichterstattung in allen Medien. „Das ist ähnlich wie zuvor beim Klimawandel oder der Finanz- und Migrationskrise und erinnert mich an endlose, ermüdende Serien“, unterstreicht der Regisseur.

Schicksal und Zufall interessieren ihn

Obwohl der Fanatismus der Religionen und ihre fundamentalistischen Auswüchse ihn abschrecken und er sich nicht mehr als praktizierenden Christen bezeichnet, sieht er sich doch als gläubigen Menschen, der darauf baut, dass „nach dem Tod noch etwas kommt. Wobei wir weder wissen noch begreifen können, was.“ In diesem Glauben findet er durchaus Halt. Mit spirituellen Fragen beschäftigt sich auch sein Dokumentarfilm „PfadFinder“, in dem es um die Frage von Schicksal und Zufall geht. Der Film erzählt die Geschichte von zwei Aachenern, die sich zufällig begegnen und sofort das Gefühl haben, dass da zwischen ihnen eine tiefe Verbindung ist. Und dann ereilt sie auf einer kleinen Sandpiste in Südafrika – unabhängig voneinander und mit acht Jahren Zeitdifferenz – das gleiche tragische Schicksal. Möchte Maas durch seine Filme eine Botschaft vermitteln? Eher will er die Menschen dazu einladen, eigene Urteile und Haltungen zu überdenken. Womit wir wieder bei Max Frisch und seinem Thema wären: Du sollst Dir kein Bildnis machen.

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