Burma – ein Land im Umbruch

Gespannt werden die nächsten Wahlen erwartet. Kann Hoffnungsträgerin Aung San Suu Kyi siegen? Von Sabine Ludwig
Foto: Enric Boixadós | Die 21-jährige Nyo Nyo hofft auf Aung San Suu Kyi (Mitte) als neue Präsidentin.
Foto: Enric Boixadós | Die 21-jährige Nyo Nyo hofft auf Aung San Suu Kyi (Mitte) als neue Präsidentin.

An der Bo Gyoke Road, einer der quirligsten Straßen von Rangun, kann man Tassen kaufen mit ihrem Porträt. Das Konterfei von Aung San Suu Kyi, der burmesischen Friedensnobelpreisträgerin, ist allgegenwärtig. Auf Taschen, Feuerzeugen und T-Shirts. Noch vor wenigen Jahren wäre diese Art von Propaganda undenkbar gewesen.

Wie in jenem Frühsommer im März 1996. Als Journalist konnte man nach Burma damals nur inkognito einreisen, dieser Beruf hätte sonst Scherereien wenn nicht sogar Haft eingebracht. Aung San Suu Kyi war nur über Briefe zu erreichen. Sie hatte gerade einen mehrjährigen Hausarrest hinter sich gebracht und stand kurz vor dem nächsten.

Heute pendelt „The Lady“, wie sie von der Bevölkerung bewundernd genannt wird, als Parlamentarierin und Chefin der größten Oppositionspartei zwischen ihrem Wohnort Rangun und der neuen Hauptstadt Naypyidaw. Die zierliche 68-Jährige hat sich in den knapp 20 Jahren kaum verändert. Nach wie vor trägt sie täglich eine frische Blüte im dunklen Haar. In den vielen Jahren ihres Hausarrests ist sie zur Symbolfigur für eine demokratische und zivile Bewegung gegen die Militärjunta geworden. Für viele gilt sie als Hoffnungsträgerin auf eine bessere Zukunft des maroden Landes.

Die aggressiven Politslogans in den Straßen Ranguns sind verschwunden. Vielmehr versucht sich die Stadt durch bunte Reklameschilder für westliche Konsumgüter einen modernen Anstrich zu geben. Vor vier Jahren übernahm Thein Sein, Ex-General und einst größter Widersacher Suu Kyis, die Macht. Seine Reformen in Myanmar, wie die Junta Burma heute nennt, sind allgegenwärtig. Kräne und Bauplätze zeugen vom neuen Boom der Stadt. Unzählige Hotels, Einkaufszentren und schicke Wohnanlagen werden gebaut. Das Verkehrschaos hat einen Namen: Die Marken deutscher und japanischer Automobile. Denn die Importbeschränkung für Autos wurde längst aufgehoben. In der Nähe des Hafens am Hlaing-Fluss soll über kurz oder lang eine Sonderwirtschaftszone entstehen. Für die Tagelöhner und einfachen Arbeiter ist soweit alles beim Alten geblieben. Gerade mal 1,50 Euro verdienen sie am Tag, falls sie überhaupt eine Arbeit finden. Armselige Behausungen, notdürftig aus Strohmatten, Wellblech und Holz zusammengezimmert, beherbergen viele von ihnen. Sie kommen aus den ärmeren Regionen des Landes, mit der großen Hoffnung, in Rangun viel Geld zu verdienen. Es werden immer mehr, die arbeiten wollen, und die sich stundenlang anstellen, um einen der begehrten Jobs zu ergattern. Wenn es auch nur für einen Tag ist.

Die Angst, offen zu reden, ist immer noch da. Aber längst nicht mehr so prekär wie früher. Anwälte, Künstler und Oppositionelle sprechen über die miserablen Zustände in ihrem Land, von Landvertreibungen und der vielerorts herrschenden Korruption. Sie sind skeptisch, denn immer noch sei mehr Rechtsstaatlichkeit nicht in Sicht und ungeliebte Journalisten würden nach wie vor verhaftet.

„Die buddhistische Regierung gibt uns Moslems keine Jobs“, bringt es ein Taxifahrer auf den Punkt. „Fünf Prozent der Bevölkerung in Burma gehören dem islamischen Glauben an. Sie werden ständig diskriminiert.“ Dramatisch sind die ethnischen Konflikte in vielen Gegenden des Staates. „Spannungen werden von Teilen des Militärs und buddhistischen Kreisen nur noch geschürt“, sagt der Mittdreißiger, der seinen Namen nicht nennen will. Mehrfach haben Hetzparolen in den vergangenen zwei Jahren zu anti-islamischen Pogromen geführt. Im Parlament wurde vor einiger Zeit ein Gesetzentwurf eingebracht, der Ehen zwischen Buddhisten und Muslimen verbieten will. Auch Nichtregierungsorganisationen bekamen den Hass zu spüren, als sie den bedrängten muslimischen Rohingyas im Westen des Landes helfen wollten.

Nur vier Prozent der Einwohner Burmas sind Muslime, davon rund 750 000 Rohingya. Sie leben zum großen Teil in Rakhine an der Grenze zu Bangladesh. Obwohl diese Volksgruppe seit Generationen in Burma lebt, verweigert ihnen die Regierung die Staatsbürgerschaft. Eine eindeutige Position zur Situation der Unterdrückten nimmt Aung San Suu Kyi nicht ein. Denn sie könnte die Unterstützung der gesellschaftlich und politisch sehr einflussreichen Mönche verlieren. Und das könnte die Wahlen negativ beeinflussen.

Außerdem fehlen junge und qualifizierte Kandidaten, die danach politische Ämter übernehmen könnten. Nach vielen Jahren Militärregime ist die demokratische Opposition noch zu geschwächt. Burma hat rund 300 Städte und 65 000 Dörfer und Wahlkreise. Min Nan Thu heißt einer dieser Orte in der Nähe von Bagan. Hier ist Nyo Nyo zuhause. Die 21-Jährige hat ihr Dorf nie verlassen und nur die Grundschule besucht. Das politische Geschehen verfolgt sie trotzdem regelmäßig. „Ich hoffe, Aung San Suu Kyi gewinnt nächstes Jahr die Wahlen und wird unsere Präsidentin. Alle Menschen in meinem Dorf unterstützen die NLD, ihre Partei.“

Doch die Verfassung könnte verhindern, dass Suu Kyi jemals Staatsoberhaupt ihres Landes wird. Eine Klausel verbietet Politikern mit ausländischen Familienangehörigen, Präsidentin oder Präsident zu werden. „The Lady“ hat zwei Söhne mit britischer Staatsbürgerschaft.

„Ich möchte reisen. Dazu brauche ich einen Pass, den ich mir im Moment nicht leisten kann. Er kostet 200 Dollar und ist nur vier Jahre gültig. Aber die Zeiten werden besser“, ist Tun Tun überzeugt. Der Taxifahrer spricht hervorragend Englisch. „Jeden Samstag und Sonntag höre ich mir den Unterricht im Radio an, jeweils für eine Stunde.“ Er deutet auf sein T-Shirt und macht das Siegeszeichen. Touristen haben es ihm geschenkt. Es trägt das Porträt von Burmas charismatischer Heldin. Die Shirts werden übrigens auch an der Bo Gyoke Road verkauft.

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