Biosprit verschärft Landkonflikt

In Guatemala werden Ureinwohner vertrieben – Klima des Terrors und der Angst – Wahlkampf erschwert Lösung. Von Matthias Knecht
| Dieses Bild veröffentlichte der Lateinamerika-Internetdienst Quetzal und zeigt nach dessen Angaben ein Opfer der Vertreibung der Ureinwohner in Guatemala, die für Zuckerrohrplantagen Platz machen sollen: Antonio Beb ...
| Dieses Bild veröffentlichte der Lateinamerika-Internetdienst Quetzal und zeigt nach dessen Angaben ein Opfer der Vertreibung der Ureinwohner in Guatemala, die für Zuckerrohrplantagen Platz machen sollen: Antonio Beb ...

Guatemala Stadt (DT) Der Angriff auf das Dorf Agua Caliente in Guatemalas nordöstlichem Departement Alta Verapaz startete um 8.30 Uhr morgens. 30 bewaffnete Mitarbeiter des Zucker-Unternehmens Chabil Utzaj gingen mit Macheten und Gewehren gegen die Familien vor, die sich der gerichtlichen Räumung ihres Dorfes widersetzt hatten. Drei Hubschrauber unterstützten die Angreifer und bombardierten die Maisfelder des Dorfes. Die Kleinbauern konnten sich glücklicherweise vor den Granaten retten. Doch die Ernte war zerstört, ebenso die Häuser.

Detailliert berichtet Enrique Corral von brutalen Vertreibungen und abgebrannten Feldern, von Morddrohungen und Auftragskillern. Die Szenen, die auch auf dem Videoportal youtube dokumentiert sind, erinnern an Guatemalas früheren Bürgerkrieg (1960–1996). Doch sie spielen sich seit März dieses Jahres im Polochic-Tal ab, und ein Ende ist nicht in Sicht. Bisherige Bilanz: 660 hungernde Familien ohne Obdach, drei ermorderte Indioführer und ein Klima des Terrors und der Angst. „Die Situation ist dramatisch“, warnt Corral, Vorsitzender der Stiftung Guillermo Torrielos (FGT), die die Opfer unterstützt.

Schon 1888 wurden Ureinwohner enteignet

Die Ursachen des Konflikts sind dieselben, die einst zum Bürgerkrieg führten, nämlich die ungleiche Verteilung des Landes. Nur geht es diesmal nicht um Viehweiden oder Kaffeeplantagen, denn die lohnen sich längst nicht mehr. Angeheizt durch die weltweite Nachfrage nach Biosprit explodiert auch in Mittelamerika der Anbau von Zuckerrohr. Im Polochic-Tal sind davon 14 Siedlungen der Q'eqchi-Ureinwohner betroffen. Deren Land beansprucht der deutschstämmige Unternehmer Walter Widmann, Chef von Chabil Utzaj.

Der Landkonflikt schwelt schon seit Jahren. 2005 beschloss Widmann, ebenfalls vom Zuckerboom zu profitieren. Der Schwager des damaligen Präsidenten Oscar Berger kaufte 5 000 Hektar Weideland im Polochic-Tal auf und pflanzte Zuckerrohr. Er versprach Aufschwung, Arbeit und Einkommen, und kündigte gegenüber der Presse eine Ethanol-Raffinerie an. Doch auf den Zuckerplantagen war kein Platz mehr für die Siedlungen der Kleinbauern, die von den früheren Besitzern noch geduldet wurden.

Zunehmend gewalttätig verläuft der Konflikt seit dem 15. März. Da begann ein 800 Mann starkes Aufgebot an Polizisten und Soldaten, die als illegal erachteten Siedlungen zu räumen. Die Kleinbauern widersetzten sich und versuchen seither immer wieder, zurückzukehren, um wenigstens ihre Felder zu ernten. Sie fühlen sich historisch im Recht. „Die Dorfgemeinschaften haben schon immer dieses Land für ihre Aussaat genutzt“, betont der Politologe Corral, der einst am Friedensvertrag Guatemalas mitarbeitete.

Formal ist Unternehmer Widmann im Recht. Ein lokaler Richter erließ die Räumungsbefehle. „Die Vertreibungen sind legal“, betont Alberto Alonso, Forschungsleiter bei Guatemalas Institut für ländliche Agrarforschung (CONGCOO), Kritisch fügt er hinzu: „Die andere Frage ist, ob die Vertreibungen legitim sind.“ Denn ganz offensichtlich werde hier den Interessen der Großgrundbesitzer Vorrang vor der Ernährung der Ureinwohner gegeben.

Ganz klar „menschenrechtswidrig“ ist gemäß Alonso die Art und Weise, wie die Dörfer geräumt wurden. Viele Hütten und Felder wurden zerstört. Drei Bauern wurden ermordet, zuletzt Anfang Juni María Che, Führerin des Dorfes Parana. Hinzu kommen zahlreiche anonyme Todesdrohungen gegen Kleinbauern und deren Helfer. Die Stiftung FGT vermutet dahinter den privaten Sicherheitsdienst von Widmanns Unternehmen, der laut Zeugen auch frühere Paramilitärs aus dem Bürgerkrieg beschäftigt.

Historisch betrachtet geht der Streit auf das Jahr 1888 zurück. Damals privatisierte Guatemalas Regierung kurzerhand das Land der indigenen Dorfgemeinschaften und verscherbelte es an die damals vornehmlich deutschen Einwanderer, die Vorfahren der heutigen Großgrundbesitzer.

Diese „historische Enteignung der Ureinwohner“ erkläre bis heute Unterernährung und Armut, so Alonso. Viele Ureinwohner leben seither als sogenannte Colonos auf den Fincas, geduldet als billige Arbeitskräfte, aber rechtlos.

Guatemalas Friedensvertrag von 1996, der einen blutigen, 36-jährigen Bürgerkrieg beendete, sieht darum auch eine Landreform auf dem Marktweg vor. Mithilfe staatlicher Kredite sollen Kleinbauern das Land aufgegebener Fincas günstig kaufen können. Die nun vertriebenen Bauern im Polochic-Tal versuchten das seit Jahren, und scheiterten immer wieder an der langsamen Bürokratie und kaufkräftigen Unternehmern, die ihnen das Land vor der Nase wegschnappten. „Im Kontext der Oligopole funktioniert die Markt-Agrarreform nicht. Sie ist komplett gescheitert“, kritisiert Alonso. Verschärft wird die historische Ungleichheit durch den Biosprit-Boom.

Seit 2003 beobachtet Alonso vermehrte Investitionen in Zuckerplantagen und afrikanische Palme, die wiederum die Rohstoffe für den Ethanol-Treibstoff liefern. Das gehe ganz klar „zu Lasten der Ernährungssicherheit“, mahnt der Agrarforscher.

Keine gute Figur macht dabei Guatemalas linksgerichteter Präsident Álvaro Colom. „Die Regierung ist abwesend. Sie überlässt die Dorfgemeinschaften sich selbst“, klagt Corral von der Stiftung FGT, und kritisiert: „Es gibt keinerlei Pläne für die Neuansiedlung der Kleinbauern.“

„Sozialdemokratie mit Antlitz der Maya“ gescheitert

Dabei hatte Colom noch bei seinem Amtsantritt 2008 eine „Sozialdemokratie mit Antlitz der Maya“ versprochen, in Anspielung auf die mehrheitlich indigene Bevölkerung Guatemalas. Doch das zentralamerikanische Land ist bereits wieder im Wahlkampf. Im September will der rechtsgerichtete General Otto Perez Molina mit seiner Politik der „harten Hand“ die Macht zurückgewinnen. Colom versuche jetzt daher zunehmend, sich gegenüber den herrschenden Unternehmerfamilien des Landes als harter Mann zu profilieren, vermutet Corral.

Gesamtwirtschaftlich und armutspolitisch ist das katastrophal. „Es gibt immer weniger Fläche, auf denen die Menschen ihre Grundnahrungsmittel anbauen können“, sagt Jochen Dürr, Mitarbeiter der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Guatemala-Stadt. Er ist Koautor einer vom früheren Deutschen Entwicklungsdienst (DED) finanzierten Studie über die Auswirkungen der Plantagenwirtschaft. Sie widerlegt die Argumente von Widmann und anderen Großgrundbesitzern, der Zuckeranbau schaffe Beschäftigung und Einkommen. „Die kleinbäuerliche Landwirtschaft schafft bis zu zehnmal mehr Arbeitsplätze als die Plantagen“, betont Dürr.

In der Zuckerwirtschaft gibt es nur kurzfristige Jobs

Besonders schlecht schneidet laut Dürr die Zuckerwirtschaft ab. Anders als zum Beispiel bei Kaffeeplantagen gibt es hier nur kurzfristige, temporäre Jobs. „Die traditionelle Bindung zwischen Plantagenbesitzern und Arbeitern verschwindet zugunsten eines flexiblen Arbeitsmarktes“, mahnt Dürr. Das erklärt auch die jüngsten Vertreibungen im nördlichen Departement Alta Verapaz zugunsten von Zuckerplantagen. Bis vor wenigen Jahren betrieben die Großgrundbesitzer dort noch Viehwirtschaft und tolerierten Siedlungen von Kleinbauern auf ihrem Grund, die zugleich als Arbeitskräfte dienten – den Colonos eben. Auf Zuckerplantagen ist dafür jedoch kein Bedarf mehr.

Die FGT und weitere Kleinbauern-Organisationen Guatemalas hoffen darum jetzt auf internationale Hilfe. Sie baten die Interamerikanische Menschenrechtskommission sowie Guatemalas internationale Staatsanwaltschaft, gegen die Straflosigkeit einzugreifen. Die Vereinten Nationen schickten bereits Beobachter. FGT-Chef Corral fürchtet indessen, dass der Biosprit weitere solcher Konflikte provoziert, und warnt vor den Konsequenzen: „Das Land in Guatemala ist heute noch ungleicher verteilt als vor dem Bürgerkrieg.“

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