Tartu/Estland

Besuch bei Alexej

Am estnischen Seeufer des Peipussees leben traditionsverliebte russische Altgläubige.

Russischer Traditionalist Alexej Paschenkow
Russischer Traditionalist mit Sinn für digitale Umwälzung: Alexej Paschenkow. Leidenfrost Foto: Foto:

Der fünftgrößte See Europas, siebenmal so groß wie der Bodensee, ist schwer zu finden. Mitten durch den Peipussee zieht sich die geopolitische Konfliktlinie NATO-Russland, das Westufer gehört zu Estland, das Ostufer zu Russland. Estland ist als Musterländle der digitalen Revolution bekannt, zu einer Glaubensgemeinschaft bekennt sich nur noch wenig mehr als ein Viertel der Bevölkerung.

Altgläubiger Russe

Es überrascht daher, dass sich ausgerechnet am estnischen Seeufer eine Bastion traditionsverliebter russischer Altgläubiger – abwertend „Raskolniki“ genannt – gehalten hat. Viele der orthodoxen Gläubigen, welche die Reformen des Moskauer Patriarchen Nikon ab 1652 ablehnten, flohen an die Ränder des Zarenreiches. Bei ihrer Ankunft 1709 war das Westufer des Peipussees noch schwedisch, bald darauf herrschte aber auch hier der Zar und dann die Sowjetmacht. Im nahen Tartu, der zweitgrößten Stadt Estlands, weist nichts auf den Peipussee hin.

Die Altgläubigen bilden ein schmales Siedlungsband am See, ihre drei Dörfer Kolkja, Kasepää und Varnja sind an einer recht geraden Straße aufgefädelt. Sie heißen „Zwiebeldörfer“, nicht etwa wegen etwaiger Zwiebeltürme – die Bethäuser der Altgläubigen durften über Jahrhunderte nicht als Kirchen erkennbar sein –, sondern weil sich die Dörfler mit Zwiebelanbau etwas dazuverdienen. Wie die ganze estnische Provinz sind auch die Zwiebeldörfer entvölkert, zusammen zählen sie nur noch 500 Seelen.

Ungeheizte Hütten

An einem Samstagabend brennt nur im Tante-Emma-Laden von Kasepää Licht. Unterkunft ist auch hier keine zu finden. Zwar vermieten mehrere Dörflerinnen an Touristen, aber wegen der ausgebliebenen Eisfischer sind die Hütten ungeheizt. Die Verkäuferin, die auch Zwiebel anbaut, ist russisch-orthodox, sie entstammt einer zugewanderten Familie. Der Unterschied ist sofort zu sehen: Um die alte Registrierkasse ist ein Georgsbändchen gewickelt, seit dem Ukrainekonflikt ein Symbol großrussischer Patrioten. Die meisten Altgläubigen stehen dem Land, in dem sie einst verfolgt wurden, reservierter gegenüber. Nach drei Jahrhunderten unter Esten sprechen sie gut Estnisch und sind loyale Staatsbürger Estlands, die estnische Fahne ziehen sie an estnischen Feiertagen deswegen nicht auf. Die Kontakte mit drüben sind eher sporadisch, am russischen Ufer leben kaum Anhänger der alten Liturgie.

Dem Priestertum die Grundlage entzogen

Übernachten kann man im estnischen Nachbardorf Allatzkiwi. Die Altgläubigen in Estland sind generell „Bespopovzy“, „ohne Popen“, priesterlos. Die Anhänger der alten Liturgie fühlten sich nach Nikons Reformen verwaist, für sie gab es keine rechtgläubigen Bischöfe mehr, folglich war dem Priestertum die Grundlage entzogen. Im Volksmund der Zwiebeldörfer klingt das ein wenig anders. Fragt man eines der wenigen Mütterchen, die zum Gottesdienst gehen, nach ihrem „Batjuschka“, nach ihrem Popen, so bekommt man die Antwort: „Ja, wir haben zwei Batjuschkas, einen alten und einen jungen.“

Kolkja hat zwei kleine Raskolniki-Kirchen. Der Gottesdienst kommt dem Fremden zunächst orthodox vor, doch fehlt die Kommunion, und als Vorbeter sind popenähnliche Männer tätig und in schwarze Kutten gehüllte verheiratete Frauen. Die zwei Männer und die zwei Frauen beten oft gemeinsam, wobei einige Male kurze Debatten über den korrekten Text ausbrechen. Der, den sie den „jungen Popen“ nennen, nimmt bei Lesung und Evangelium eine besonders schöne Zuhörhaltung ein: Er spitzt mit verschränkten Armen und vorgebeugtem Kopf die Ohren – als nähme er eine gerechte Zurechtweisung entgegen.

Der "junge Pope"

Der Mann heißt Alexej Paschenkow, ist 40 Jahre alt, hat einen prachtvollen Rauschebart und lädt am Abend in das große, historisch bedeutende Heim seiner Familie. Dort steht eine Ofenbank wie aus den russischen Romanen, nur dass sie kalt ist. Seine Zuhörhaltung im Gottesdienst erklärt er so: „Die Orthodoxen wissen gar nicht, was sie mit ihren Händen anfangen sollen. Verschränkte Arme drücken keine abweisende Haltung aus, wie in der Psychologie gesagt wird, sondern Demut.“

Bis 30 hat er in Tallinn gelebt. „Die Hochburg der Altgläubigen war das Dorf, heute ist es die Stadt und die Bildungsschicht.“ Relativ gebildet seien die Altgläubigen immer gewesen; da kein Geistlicher das Beten für sie übernahm, mussten sie alle lesen können. Vor zehn Jahren zog er in das Haus seiner Vorfahren nach Kolkja. Diese waren nicht seit jeher altgläubig, jedenfalls fand er ein deutsch verfasstes Dokument, in dem neben dem Namen seines Ur-ur-Großvaters vermerkt stand: „übergegangen zum Raskol“.

Ingenieur und Geistlicher

Von Beruf ist er Ingenieur, „in einem gewissen Maße aber auch Geistlicher“. Formell nimmt der tiefschürfende Intellektuelle den niederen Rang eines „Nastawnik“ ein, eines „Mentors“. Den höheren Rang eines „Ustawschtschik“, einer „Ordnerin“, hat in Kolkja nur eine der beiden Vorbeterinnen inne. Von seinen Vorfahren war nur die Oma Ordnerin. „Meine Großeltern gingen wochenlang angezogen schlafen, da sie jeden Moment mit der Deportation nach Sibirien rechneten. Dann hatte Opa die großartige Idee, das Haus auf Oma zu überschreiben – denn einer Mutter von zehn Kindern nahmen sie nicht einmal unter Stalin das Haus weg“. Laut Paschenkow kamen die hiesigen Altgläubigen aus Weißrussland. Vielleicht reden sie den Nicht-Popen deswegen gerne als „Batzka“ („Väterchen“) an – so wird auch der altersmilde weißrussische Diktator gerufen.

Estnischer Traum

Der russische Traditionalist überrascht, als er Estlands digitale Umwälzung preist, „das ist sehr praktisch, das baut Bürokratie ab.“ Estland sei „die atheistischste Nation Europas, kulturell ist der Protestantismus aber noch in ihnen drin. Hart an sich arbeiten, etwas aus sich machen – der amerikanische Traum ist auch der estnische Traum.“ Es sei „eine falsche Vorstellung, dass die Altgläubigen einen alten Glauben haben, wir haben die alte Liturgie“. Altgläubige hätten in Russland eine führende Rolle bei der Entwicklung des Unternehmertums gespielt: „Die Basis dafür war das absolute Vertrauen innerhalb unserer Gemeinden, da wurden auf ein Ehrenwort hin Kredite vergeben.“

An Sonntagen gilt im Hause Paschenkow eigentlich Internet-Verbot, schließlich bekommt der pubertierende Sohn das W-Lan-Passwort aber doch. Die autonomen Kirchgemeinden der priesterlosen Altgläubigen zerfallen in drei Richtungen: in „Feodosijaner“, „Pomorische“ und die weniger bedeutenden Filippianer.

„Sklaven Gottes“

Im Zwiebeldorf Kolkja sind sie Feodosijaner, im Zwiebeldorf Varnja aber Pomorische. Die Pomorischen, erklärt Paschenkow, nehmen Feodosijaner ohne erneute Taufe auf. Übertrittswillige Pomorische müssen hingegen „vier bis sechs Wochen fasten“. Seine Feodosijaner, die sich auch „Sklaven Gottes“ nennen, sind also ein wenig strenger. Feodosijaner und Pomorische lieferten sich in der Geschichte einige Dispute, etwa um den Wortlaut der Inschrift auf dem Kreuz Christi oder um das Institut der Ehe, nachdem mit dem Fehlen rechtgläubiger Priester auch die Ehe aufgehoben war.

Paschenkow erklärt das alles für beigelegt, „der einzige Unterschied besteht noch darin, dass wir dass Einleitungsgebet drei Mal beten und sie zwei Mal.“ Für die Altgläubigen sei es eine „große Sünde“, Verwandte bis ins 7. Glied zu heiraten. Von den Sakramenten sind nur die Taufe und die Beichte übrig, beides darf von jedem Gläubigen vorgenommen werden. In der Praxis wird als Beichtvater aber doch Paschenkow aufgesucht. Das weitgehende Einverständnis erstreckt sich jedoch nur auf priesterlose Altgläubige, „die Taufe der Altgläubigen mit Priestern erkennen wir hingegen überhaupt nicht an.“ Diese seien, wie die Lipowaner im rumänischen Donaudelta, „Putins größte Freunde.“ Er sagt das mit Verachtung.

Russen und Russmanen

Alexej Paschenkow, ein stolzer Bürger Estlands an der russischen Grenze, findet es beklagenswert, dass viele Esten auch die Altgläubigen am Peipussee für eine fünfte Kolonne Moskaus halten. „Sie begreifen den Unterschied nicht, da ihnen jeder Glauben fremd ist.“ Seine Familie habe sich gefreut, als die Sowjetunion zerfiel, seine Eltern stimmten für Estlands Unabhängigkeit, das Vorgehen Russlands in der Ukraine lehnt er ab. Zur großen russischen Minderheit, die erst in der sowjetischen Zeit nach Estland zugewandert ist, empfinden die Altgläubigen Distanz: „Wir finden, dass wir Russen sind und die anderen Russmanen. Die wissen es nicht besser.“

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