Ball flach halten und hoch gewinnen

Der lesende Trainer Hans Meyer und der fußballernde Autor Moritz Rinke geben eine „Berliner Lektion“

Berlin (DT) Jeder fußballbegeisterte deutsche Mann kennt den Trainer Hans Meyer, und weil – mindestens! – neunzig Prozent aller deutschen Männer fußballbegeistert sind, ist Hans Meyer so bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund. In einem gewissen Lichte besehen ist er ja auch ein solcher. Nicht, weil er der einzige Fußballlehrer ist, der den ostdeutschen FDGB- und den westdeutschen DFB-Pokal gewinnen konnte (dort 1972, 74 und 80 mit dem FC Carl Zeiss Jena, hier 2007 mit dem 1. FC Nürnberg), nicht, weil er große Erfolge nach der Wende bei Twente Enschede feierte, nicht, weil er also weiß, wie man das Runde ins Eckige kriegt, sondern weil er auch als Meister der Ironie und des Kalauers zu punkten versteht. Wie man hört, wäre er nach dem endgültigen Schluss seiner Laufbahn gerne Kulissenschieber im Kabarett.

Moritz Rinke dagegen ist – mindestens – neunzig Prozent aller fußballbegeisterten deutschen Männer unbekannt. Als preisgekrönter Dramatiker, Autor und Kolumnist ist sein Publikum fein, aber so übersichtlich wie die Anzahl der Zuschauer beim Kultursender arte. Ihm jubeln keine bis in die obersten Ränge gefüllten Stadien zu. Aber mit seiner 2002 in Worms höchst erfolgreich uraufgeführten Dramatisierung der „Nibelungen“ zielt er mitten in einen anderen deutschen Mythos. Zwar waren Gunter, Siegfried und Dietrich von Bern gestern. Aber in ihnen knorrige Vorbilder unserer deutschen Rasenrecken zu sehen und in Hagens perfidem Meuchelmord das Urbild aller deutschfeindlichen Schiedsrichter bietet sich mehr als an. Hans Meyer ist der Schrecken (fast) aller Fernsehsportreporter. Wie oft hat er jene Vertreter der Zunft, deren Alleinstellungsmerkmal die Fähigkeit ist, die jeweils platteste aller möglichen Fragen im absolut falschen Moment zu stellen, mit einer pfeilgenauen Replik bis auf die Knochen blamiert.

So gesehen muss man den Heldenmut bewundern, mit dem sich Moritz Rinke gemeinsam mit Hans Meyer auf eine Theaterbühne setzt, um uns und ihm und sich selbst eine „Berliner Lektion“ zu erteilen. Denn so heißt die traditionsreiche Veranstaltung, die von den „Berliner Festspielen“ und der „Zeit-Stiftung“ ausgerichtet wird. Normalerweise strömt zu diesen Lektionen die intellektuelle Elite der Stadt. Am vergangenen Sonntag kommen auch die Jünger des runden Leders. Allerdings haben sie Tröte und Fanschal daheimgelassen.

Was Hans Meyer und Moritz Rinke miteinander verbindet und was ihren gemeinsamen Auftritt gelingen lässt, ist die Fußballpassion, die auch bei Rinke keine theoretische ist. Denn er ist aktiver und sogar treffsicherer Stürmer in der deutschen Autorennationalmannschaft und hat dortselbst auch schon unter Meyer trainiert.

Wenn Geistesarbeiter über Fußball sprechen, neigen sie gewöhnlicherweise dazu, diesen Sport auf transzendente Höhen heben zu wollen, die ihm jedoch seiner Natur gemäß ganz und gar fremd sind. Geistesarbeiter begehen diesen Kardinalfehler deshalb, weil sie glauben, sich und ihren Mitmenschen etwas beweisen zu müssen. Dieses „Etwas“ wäre ein kulturgeschichtliches Promotionsthema wert. Wir wollen es hier kurz und bündig in die Schublade Dünkel & Hochmut entsorgen.

Von Dünkel und Hochmut also bei dieser „Berliner Lektion“ keine Spur. Stattdessen ein lebensweiser Fußballlehrer, der von seinen Spielern viel, aber nicht das erwartet, was sie schlechterdings nun einmal nicht zu geben vermögen. Denn kein Mann kann nun einmal aus seiner Haut.

Wäre Moritz Rinke religiös affin (was er zumindest erkennbar nicht ist, aber bei einem aus dem 1967er Jahrgang soll man die Flinte nicht allzu früh ins Korn werfen), – er hätte mit Meyers entspannter und vorurteilsfreier Sicht auf die Natur des Menschen einen Bogen zu den Themenfeldern Paradies, Fall und Vertreibung gespannt. Schon allein die Pointe, vom runden Apfel zum runden Leder zu kommen, wäre es wert gewesen.

Hans Meyer lässt die Kirche immer im Dorf. Mit Sätzen wie: „Den Ball flach halten und hoch gewinnen“ ist eigentlich schon alles Wesentliche über den Mannschaftssport gesagt, bei dem elf gegen elf spielen und am Ende (leider nicht mehr) immer die Deutschen gewinnen.

Wie erfreulich ist es doch, wenn der Fußballtrainer den Selbstmord des Nationaltorhüters Robert Enke nicht, wie viele vor ihm, nutzt, um sich selbst einen moralischen Persilschein auszustellen. Hans Meyer, und das ist vielleicht das unerwartet schönste Fazit dieser „Lektion“, verkörpert im besten Sinne des Wortes den „neuen Gesamtdeutschen“. Als „gelernter DDRler“ weiß er, wo er herkommt, als „angelernter“ Bundesbürger weiß er, was er gewonnen hat: nämlich die Freiheit – und gerade auch die, im glorreichen Sieg und in der bittersten Niederlage er selbst sein zu dürfen.

So ließ der Achtundsechzigjährige auch dann Milde walten, wenn der Schriftsteller Rinke, sein Licht ein- oder zweimal zu oft nicht unter den Scheffel stellen wollte.

„Ich habe mich schon manchmal zum Affen machen lassen“, kommentierte Hans Meyer das seelenruhig, „aber so wie heute noch nie!“

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