Aufträge aus Paraffin

Eine kleine Wachszieherei liefert bis Jerusalem. Von Markus Kremser
Foto: KNA | Joachim Seidel mit einer seiner größten Osterkerzen.
Foto: KNA | Joachim Seidel mit einer seiner größten Osterkerzen.

Nur ein kleines Schild weist darauf hin: Hier ist die Wachszieherei beim sächsischen Kloster Rosenthal. Jörg Weber steht vor dem großen Stahltor und raucht eine Zigarette. „Ja, jetzt ist es etwas ruhiger, vor Ostern endet für uns die Saison“, sagt der frischgebackene Geschäftsführer der Wachszieherei. Von Januar bis Ostern mache die Firma zwei Drittel ihres Jahresumsatzes. Kerzen seien ein Saisongeschäft. Das erste Drittel werde bis Maria Lichtmess verkauft, dann noch mal ein Drittel bis Ostern. „Zehn Tonnen insgesamt“, wirft ein Mann mit Latzhose ein, der in diesem Moment durch das Stahltor tritt.

Es ist Joachim Seidel. 1986 kam er in den Betrieb. Bis vor wenigen Wochen führte er die Firma, jetzt übergibt der 65-Jährige an Jörg Weber. Der Betrieb ist klein. Altertümlich wirken die Kabel. Auch die Schalter und Maschinen – alles ist mindestens 40, 50 Jahre oder noch viel älter. Ein Monstrum von einer Maschine steht gleich im ersten Raum. Jörg Weber erklärt die sogenannte Zuganlage: „Auf die großen Trommeln werden Dochte gewickelt. Die Dochte laufen unten in der beheizten Zugwanne durch das flüssige Paraffin.“ Dabei setzt sich jedes Mal etwas Paraffin am Docht ab. Umdrehung für Umdrehung wachsen so die Kerzenrohlinge an einem Endlos-Docht. Bei 35 Millimeter Durchmesser ist Schluss. Die noch warmen Paraffinstangen werden in Stücke geschnitten und kühlen über Nacht ab. Danach erst werden die Rohlinge wieder und wieder in flüssiges Paraffin getaucht und wachsen jedes Mal um einen halben Millimeter im Durchmesser. Die Geschichte der eigenen Firma lässt Joachim Seidel lächeln. Es ist ein später Triumph. Die DDR gibt es nicht mehr, die Rosenthaler Wachszieherei hingegen schon. „Das war die letzte Enteignungswelle in der DDR“, erinnert er sich. Die letzte private Wachszieherei in der DDR, die Firma Marosek in Dresden, sollte 1974 verstaatlicht werden. „Da hat der Inhaber gleich ganz zugemacht, um den Kommunisten nicht sein Geschäft zu übergeben“, erzählt Seidel. Allerdings wurden in den evangelischen und katholischen Gemeinden in der DDR rasch die Kerzen knapp.

Denn Altar-, Oster, und Taufkerzen lieferten die sozialistischen Kombinate nicht. Das Bistum Meißen suchte nach einer Lösung für die eigenen Gemeinden und baute in Rosenthal eine eigene Wachszieherei auf. „Mit den Maschinen aus der Firma Marosek“, sagt Joachim Seidel und man sieht ihm die Freude an, die er noch heute daran hat, dass die Kirche damals dem Staat ein Schnippchen geschlagen hat. Nach der Wende wurde die Firma wieder privatisiert. Heute werden in den Räumen der Wachszieherei rund 50 000 Kerzen, davon 15 000 Osterkerzen pro Jahr von Hand produziert. 95 Prozent der Kunden sind Kirchengemeinden. Weber hat noch große Pläne für die kleine Firma. „Wenn alles klappt, werden wir nach Kamenz in neue Räume umziehen“, sagt Weber. Der Standort neben dem Kloster im kleinen Dorf Rosenthal sei nicht mehr ideal. Der letzte Pater ist schon vor einigen Jahren ausgezogen. Auch in den Gemeinden rundherum macht sich der Gläubigen- und Priestermangel bemerkbar. „Das hat unmittelbaren Einfluss auf unser Geschäft“, erklärt Seidel. „Wo es weniger Gottesdienste gibt, werden auch weniger Kerzen verbraucht“. Es kommen aber auch neue Kunden hinzu. So versendet die Rosenthaler Wachszieherei seit einigen Jahren jedes Jahr zu Ostern zwei Osterkerzen an ein Hospiz in Jerusalem. Ein Pfarrer aus der Umgebung sponsert dies.

Quelle: KNA

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