Auf Hochtouren

Die Telefonseelsorger der beiden Kirchen haben nach dem Weihnachtsfest viel zu tun. Von David Brehm
Foto: dpa | Rund 8 000 Telefonseelsorger gibt es in Deutschland. Die Mehrheit arbeitet ehrenamtlich. Nach Weihnachten rufen die meisten Menschen an.
Foto: dpa | Rund 8 000 Telefonseelsorger gibt es in Deutschland. Die Mehrheit arbeitet ehrenamtlich. Nach Weihnachten rufen die meisten Menschen an.

Weihnachten ist ein Fest, an dem man zusammenrückt. Es ist ein Fest der Gemeinschaft, sei es in der Familie, unter Freunden oder auch Kollegen. Es ist aber auch ein Fest, an dem es häufig zu Konflikten kommt, sowohl zu zwischenmenschlichen als auch zu persönlichen Krisen. „Gerade wenn hohe Erwartungen an das Weihnachtsfest gestellt werden, kommt es oft zu einem Punkt, an dem sich Luft verschafft wird und die Situation eskaliert“, so Olaf Meier, hauptamtlicher Leiter der Telefonseelsorge in Duisburg gegenüber dieser Zeitung. Trotz der zunehmenden Anrufe nach Weihnachten, sei aus Sicht der Seelsorger die Jahreswende jedoch dramatischer. Im Gegensatz zu Weihnachten sei nämlich der Übergang zu Neujahr nicht so sozial abgefedert. Zudem bringe der Rückblick auf das vergangene Jahr viele Geschehnisse noch einmal zu Bewusstsein.

Bundesweit arbeiten über 8 000 Telefonseelsorger in insgesamt zwölf kirchlichen Stellen, die noch einmal in kleinere Ortsstellen unterteilt sind. Von den zwölf Stellen werden sieben von der katholischen Kirche, zwei von der evangelischen Kirche und drei von beiden Kirchen gemeinsam getragen. Der größte Teil der Mitarbeiter ist ehrenamtlich im Dienst. Viele haben dieses Amt am Ende ihres Berufslebens gewählt und werden nun von hauptamtlich angestellten Psychologen ausgebildet und begleitet. Das ist nicht zuletzt deshalb wichtig, weil sich die meisten der insgesamt über 1, 5 Millionen Anrufer im Jahr aufgrund psychischer Krankheit (2011 waren es 17, 61 Prozent) melden. Das war nicht immer so. „Im Laufe meiner 16-jährigen Tätigkeit in der Telefonseelsorge im Bistum Essen habe ich wahrgenommen, dass die physischen Krankheiten von den psychischen überholt worden sind“, so Olaf Meier. Derzeit sei zu beobachten, dass psychische Probleme aufgrund materieller Engpässe zunehmen. Die Angst, eigene finanzielle Engpässe zuzugeben und als Bittsteller dazustehen, belaste immer mehr Menschen. Doch das ist noch lange nicht alles. Einsamkeit war zum Beispiel im Jahr 2011 mit 10, 02 Prozent – nach psychischer Krankheit, Beziehungsproblemen (12, 17 Prozent) und familiären Spannungen (11, 73 Prozent) – ein Hauptgesprächsthema. Eine Mehrheit der Anrufer lebt alleine (35,01 Prozent der Anrufer leben alleine, 21,70 Prozent leben in einer Familie).

Die bundesweite Telefonseelsorge ist offen für alle Menschen, die in einer Krise sind, unabhängig davon, welcher Konfession sie angehören oder aus welchem sozialen Umfeld sie stammen. Außerdem verfolgt die Telefonseelsorge mit ihrer Beratung und Begleitung keine missionarischen Ziele, obgleich ihre Hilfe vor dem Hintergrund des christlichen Glaubens und Menschenbildes gegeben wird. Dennoch sind auch Glaubensfragen nicht selten Gegenstand eines Gespräches. „Es gibt zwei Arten, wie Glaubensfragen vorkommen: direkt und indirekt“, so der Theologe und Diplompsychologe Olaf Meier. Indirekt stehe der Glaube oft zur Debatte, wenn es etwa um existenzielle Fragen gehe, wie „Wozu bin ich eigentlich da?“. Direkt werde der Glaube hingegen zwar relativ selten angesprochen aber verglichen mit früheren Zeiten doch häufiger. Das liege vor allem daran, so der leitende Telefonseelsorger, dass „ganz viele Leute keine kirchliche Sozialisation mehr mitbekommen, weder eine negative noch eine positive, und deshalb ganz unvoreingenommen fragen. Dazu kommt, dass wir anonym sind. Da ist die Hemmschwelle geringer.“

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