Schläge im Lockdown

Auch Männer sind Opfer häuslicher Gewalt

Telefonseelsorger wissen: Nicht nur Frauen werden in Corona-Zeiten Opfer häuslicher Gewalt.

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Das Bundeskriminalamt, BKA, geht davon aus, dass jedem sechsten Mann mindestens einmal in seinem Leben in einer Partnerschaft körperliche Gewalt zugefügt wird. Foto: Symbolbild: Imago Images

Seit Beginn der Pandemie wird davor gewarnt, wie bedrohlich die Maßnahmen der Lockdowns für Menschen sind, die zu Hause Gewalt erfahren. Dabei geht es fast immer um das Leid von Frauen und Kindern. Davon, dass auch Männer Opfer von Gewalt durch ihre Partnerin werden, wird nur sehr selten berichtet. Wenn Männer darüber sprechen, wie sie von ihrer Frau geschlagen werden, dann wollen sie meist nicht, dass ihr Name öffentlich bekannt wird. „Ich habe mich so geschämt“, sagt ein Mann, der Tami genannt werde möchte. „Mir war bewusst, dass ich mit niemanden in meinem Umfeld darüber sprechen konnte. Die meisten Leute haben sehr klare Vorstellungen, wie sich ein Mann zu verhalten hat.“

Tami ist einer von Hunderttausenden oder gar Millionen Männern in Deutschland, die unter der Gewalt ihrer Partnerin leiden. Das Bundeskriminalamt, BKA, geht davon aus, dass jedem sechsten Mann mindestens einmal in seinem Leben in einer Partnerschaft körperliche Gewalt zugefügt wird. „Vor Jahren habe ich auf einer Internetplattform eine Frau kennengelernt“, erzählt Tami. „Sie hat relativ schnell zu erkennen gegeben, dass sie in einer von Gewalt und Unterdrückung geprägten Ehe lebt. Das hat mich damals als unerfahrener junger Mann unheimlich getriggert. Ich dachte: ,Der Frau musst du helfen.'“

Gewalt gegen Männer

Tami wollte ihr zeigen, dass es auch hilfsbereite, freundliche Männer gibt. Männer wie ihn. Er ahnte nicht, dass er bald selber zum Gewaltopfer werden würde. Von der Konstellation, dass ein Mann von seiner Frau verprügelt wird, hatte er damals noch nie gehört. „Über die Jahre entwickelte sich eine Beziehung, in der es sehr wichtig war, dass ich ihre materiellen Bedürfnisse befriedige. Sie brauchte Luxus und Anerkennung und hatte mich dazu auserkoren, ihr diese Wünsche zu erfüllen. Darauf bestand sie mit Nachdruck und irgendwann auch mit Gewalt.“

Die wohl meistzitierte deutschsprachige Studie zu dem Thema „Gewalt gegen Männer“wurde im Jahr 2004 vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend veröffentlicht. Ansonsten wurde hierzulande nur wenig dazu geforscht. Viele Männer, die Gewalt erfahren haben, sehen in ihrer Kirche oder in der Telefonseelsorge die einzigen Institutionen, bei denen sie auf ein tröstendes Gespräch hoffen können. Ein staatlich gefördertes Angebot speziell für männliche Gewaltopfer existiert erst seit April vergangenen Jahres. Einer der Männer, die unter der neuen deutschlandweiten Nummer 0-800-1239900 beraten, ist der Sozialpädagoge Helge Rettig: „Für Männer ist es nicht leicht, ein Selbstbild zu entwickeln, das erlaubt, sich als Opfer von Gewalt zu definieren. Das widerspricht einem Jahrhunderte alten Entwurf von Männlichkeit.“

Tami musste mit Schnittwunden ins Krankenhaus

Nach und nach wurde die Gewalt in Tamis Beziehung zur Normalität. „Die Wutanfälle wurden schlimmer. Mal warf sie einen Gegenstand gegen die Wand, mal auf mich. Sie begann, mich zu treten und immer öfter zu schlagen.“

„Gerade Beziehungen, in denen auch Gewalt ausgeübt wird, sind oft sehr stabil.“
Helge Rettig.

Gerade bei akuten Gewaltsituationen sind oft konkrete Handlungsanweisungen nötig, sagt Helge Rettig: „Wir sagen den Männern, dass wir ihre Situation sehr ernst nehmen und raten ihnen, sie auch ernst zu nehmen. Sie sollen nicht zurück nach Hause gehen und brauchen eine andere Unterkunft. Gleichzeitig schauen wir, wo es die nächste Beratungsstelle in ihrer Nähe gibt, damit sie dort besprechen, wie es weitergehen kann. Und vielleicht müssen sie auch raus aus ihrer Beziehung.“ Doch genau das ist häufig die größte Angst vieler Männer. Sie wollen bei der Frau bleiben. „Gerade Beziehungen, in denen auch Gewalt ausgeübt wird, sind oft sehr stabil“, sagt Helge Rettig. „Für viele Opfer ist es enorm schwierig, sich zu trennen.“ Körperliche Gewalt ist strafrechtlich relevant.

Die Angst der Männer

Kriminalhauptkommissarin Ursula Rutschkowski hat zwanzig Jahre lang ein Kommissariat für Opferschutz geleitet. Während dieser Zeit haben sich nur wenige Männer getraut, über ihr Leid zu sprechen. „Sie erzählen von Frauen, die wirklich ausrasten, schreien, beleidigen ohne Ende, schlagen, kratzen, beißen“, sagt die Polizistin. „So ein Mann bekommt von uns Verhaltenstipps, damit er weiß, wie er eine Eskalation verhindern kann. Natürlich muss er sich abgrenzen, um Schläge zu vermeiden. Wenn er nie zurückschlägt, weil das einfach nicht seinem Wesen entspricht, hat seine Partnerin das schnell raus. Wenn sie dann versucht, ihn bis zum Äußersten zu reizen, ist es das Beste, sich der Situation zu entziehen.“ Tamis Strategie war eine andere.

Er versuchte, seiner Freundin möglichst alles recht zu machen, um Gewaltausbrüche zu vermeiden. Doch die Übergriffe wurden immer schlimmer. Mehrfach musste er mit Schnittwunden und schweren Verletzungen ins Krankenhaus. Hätte er die Übergriffe angezeigt, wären diese Beweise wichtig gewesen, erklärt die Polizistin Rutschkowski: „Er hatte ja sogar Knochenbrüche. Da zweifeln dann auch die Polizisten nicht mehr, wer in so einem Fall Opfer und wer Täterin ist.“

„Sie hat alles kontrolliert“

Tami hätte die Möglichkeit gehabt, sich Hilfe zu holen. Er tat es nicht, aus Scham und aus Angst. Sechs Jahre lang hat er es allein nicht geschafft, sich aus der Situation zu befreien. „Es war nur noch pure Angst. Ich hatte keinen eigenen Wohnraum, keinen Besitz, keine Kontrolle über mein Konto. Mir gehörte nichts mehr. Sie hat alles kontrolliert, Nahrung, Dach über dem Kopf, Kommunikation. Für mich stellte sich nicht die Frage, wo das alles hinführen wird. Da war nur noch die Frage: Wie kann ich es das nächste Mal besser machen, damit sie nicht mehr zuschlägt?“

Wenn sich Tami nach seinen ersten Gewalterfahrungen an ein Männerberatungstelefon hätte wenden können, wäre vielleicht vieles anders gekommen. Aber zu der Zeit gab es in Deutschland noch kein solches Angebot. „Irgendwann kam wieder so ein Tag, an dem ich mir auf der Fahrt zur Arbeit bewusst machte, was mit mir geschieht. Vor Verzweiflung schrie ich im Auto so laut ich konnte. Als ich auf der Arbeit ankam, hatte ich einen dicken Hals, der den ganzen Tag über nicht besser wurde. Ich war so wütend, dass ich nicht die Möglichkeit hatte, mir auf dem Weg nach Hause an der Apotheke Halstabletten zu kaufen, weil der Heimweg von ihr minutiös überwacht wurde.“

Nur sieben „Männerhäuser“

In diesem Moment hätte Tami eine Schutzwohnung in seiner Nähe gebraucht. Aber in ganz Deutschland gibt es bisher nur sieben solche Einrichtungen für Männer. „Da entschied ich mich, ein paar Minuten früher von der Arbeit loszufahren, das Handy abzuschalten und nie wieder nach Hause zu fahren. Ich bin dann in die Obdachlosigkeit gegangen und habe einige Zeit lang in meinem Auto gelebt. Auf einem Autobahnrastplatz habe ich mir überlegt, wie ich in ein neues, gewaltfreies Leben komme.“

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