Auch Deutsche müssen sich integrieren

Der „Datenreport 2016“ zeigt: Rund 20 Prozent der Menschen in der Bundesrepublik haben Migrationshintergrund. Sie haben das Land unwiderruflich geprägt. Von Josefine Janert
Pressekonferenz Statistisches Bundesamt
Foto: dpa | Thomas Krüger und Jutta Allmendinger bei der Vorstellung des Reports.
Pressekonferenz Statistisches Bundesamt
Foto: dpa | Thomas Krüger und Jutta Allmendinger bei der Vorstellung des Reports.

Menschen mit Migrationshintergrund verfügen über eine geringere Bildung als der Rest der Bevölkerung. Jedoch gibt es unter ihnen mehr Menschen in Ausbildung und weniger Rentner als unter den Deutschen ohne Migrationshintergrund. Migranten sind mit durchschnittlich 35,4 Jahren deutlich jünger als sogenannte Bio-Deutsche, die im Schnitt 46,8 Jahre alt sind. 2014 waren 65 Prozent der 15- bis 64-jährigen Migranten erwerbstätig, jedoch 76 Prozent der gleichaltrigen Deutschen ohne Migrationshintergrund. Migranten verdienen im Durchschnitt weniger als „Bio-Deutsche“. Sie sind häufiger von Armut betroffen, werden häufiger krank und übergewichtig und erleiden öfter Unfälle. Zu diesem Schluss kommt der „Datenreport 2016“, ein „Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland“. Fachleute des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), des Statistischen Bundesamtes und der Bundeszentrale für politische Bildung stellten das knapp 500 Seiten lange Dokument vergangene Woche in Berlin vor.

Sie konzentrierten sich dabei auf die Situation von Migranten, die schon länger in Deutschland leben. Anhand der Daten soll die Politik die richtigen Weichen stellen für die Integration der jüngst eingetroffenen Flüchtlinge. Zwar räumte die Sozialforscherin Mareike Bünning vom WZB ein, dass die Wissenschaftler über diese Flüchtlinge „wenig wissen“. Ihre Bildungsabschlüsse würden statistisch nicht erfasst. Doch der Report bekräftigt einmal mehr, was schon bekannt ist: Je stärker Zugewanderte an unserem Bildungssystem teilhaben, desto geringer ist ihr Risiko, arbeitslos und arm zu werden, und desto besser können sie sich in die Gesellschaft integrieren.

Da gibt es jedoch noch viel zu tun. Die Soziologie-Professorin Jutta Allmendinger vom WZB kritisierte, dass „die Transparenz des deutschen Bildungssystems niedrig“ sei. Eltern, die kein oder wenig Deutsch sprechen, seien oftmals davon überfordert. Sie müssten mehr Unterstützung bekommen, damit sie ihrerseits ihre Kinder unterstützen können. Denn Schüler mit Migrationshintergrund werden seltener als deutsche an höhere Bildungseinrichtungen überwiesen. Das Dilemma beginne schon damit, dass zu wenig Kinder aus Migrantenfamilien frühkindliche Bildungseinrichtungen besuchen, wo sie Deutsch lernten.

Der „Datenreport 2016“ belegt, dass „die Migranten“ ein heterogener Personenkreis sind, der Deutschland allerdings unwiderruflich geprägt hat. Von 80,9 Millionen Deutschen haben inzwischen 16,4 Millionen einen Migrationshintergrund, also 20 Prozent. Der Begriff bezeichnet Menschen, die nicht als deutsche Staatsbürger in Deutschland geboren wurden oder bei denen mindestens ein Elternteil nicht deutsch ist. Mit 5,9 Millionen Menschen sind die Nachkommen der sogenannten Gastarbeiter die größte Gruppe. In den fünfziger und sechziger Jahren kamen sie aus der Türkei, Italien, Spanien, Griechenland und Jugoslawien in die Bundesrepublik. Mehr als die Hälfte der Personen aus Gastarbeiter-Anwerbeländer haben keinen berufsqualifizierenden Abschluss. Als sie damals in der Bundesrepublik eintrafen, wurde er nicht verlangt, und später haben sie ihn nicht erworben.

Mit knapp 4,2 Millionen Menschen sind die Spätaussiedler und ihre Nachkommen die zweitgrößte Gruppe. Die meisten von ihnen kamen in den neunziger Jahren etwa aus Russland. Der Anteil von Menschen ohne berufsqualifizierenden Abschluss liegt bei ihnen nur bei 21 Prozent.

Knapp 1,7 Millionen Menschen stammen aus den Staaten, die nach 2004 der Europäischen Union beitraten, etwa aus Polen und Bulgarien. Der Anteil derer, die keinen berufsqualifizierenden Abschluss haben, liegt etwa bei einem Viertel. Ferner leben bei uns rund 903 000 Menschen aus den ehemaligen Kernländern der EU, also Frankreich, Großbritannien und Niederlande. Sie verfügen über eine besonders gute Bildung. 39 Prozent haben sogar einen hohen Bildungsabschluss. Bleiben noch 3,6 Millionen Menschen aus Drittstaaten wie den USA und Syrien – mit ganz unterschiedlichen Bildungsabschlüssen.

Der „Datenreport 2016“ zeigt, dass es vielen Migranten wirtschaftlich nicht so gut geht. Gleichwohl sind sie zufriedener als Deutsche ohne Migrationshintergrund und blicken optimistischer in die Zukunft. „Das liegt vor allem daran, dass sie sich nicht so sehr mit Deutschen ohne Migrationshintergrund vergleichen, sondern vor allem mit Menschen in ihren Heimatländern“, urteilte Mareike Bünning.

Thomas Krüger von der Bundeszentrale für politische Bildung verwies darauf, dass sich auch die Einstellung der Deutschen zur Migration verändert habe. 2006 plädierten laut der Shell-Jugendstudie 58 Prozent der Jugendlichen dafür, die Zuwanderung zu verringern. 2015 waren es nur noch 37 Prozent. Laut der SINUS-Jugendstudie sind 14- bis 17-Jährige „mehrheitlich tolerant“ und würden, so Krüger, „mehr Engagement für eine gelungene Integration einfordern“. Inzwischen sei nicht mehr nur die Rede davon, dass sich die Zuwanderer in Deutschland integrieren sollen. Thomas Krüger spricht von „doppelter Integration“: Auch Deutsche ohne Migrationshintergrund müssten sich in eine Gesellschaft einfügen, die inzwischen von Millionen von Migranten geprägt sei. Krüger findet, dass die Jugendlichen dabei eine Vorreiter-Rolle spielen. „Mainstream ist für sie kein Schimpfwort mehr“, sagt er, sondern „die Anpassung an ein Wir“, das Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund gemeinsam ausgehandelt haben.

Themen & Autoren

Kirche