Auch der Tote ist Tempel des Heiligen Geistes

Immer mehr Menschen entscheiden sich für alternative Bestattungsformen. Das ist nicht ganz unbedenklich. Von Benedikt Bögle

Seebestattung
Foto: Ingo Wagner (dpa)
Seebestattung
Foto: Ingo Wagner (dpa)

Die Art und Weise, seine Toten zu begraben, dürfte viel aussagen über eine Kultur und eine Gesellschaft. Im Begräbnis spiegeln sich die Werte einer Gesellschaft, der soziale Stand des Verstorbenen wider, teilweise sind Gräber auch Spiegel zeitgenössischer Kunst. Mehr aber noch dürfte das Begräbnis Zeugnis über den Glauben der Menschen geben. Die Frage, wie man mit einem Leichnam umgeht, ist nicht nur eine praktische oder hygienische Frage.

Die alten Griechen etwa legten ihren Toten Münzen auf die Augen, das Fahrtgeld für Charon, den Fährmann über den Styx – und zugleich Zeugnis dafür, dass irgendwie an ein Leben nach dem Tod geglaubt wird. In vielen Kulturen war das Verbrennen der Toten üblich.

Die ersten Christen hingegen begruben ihre Toten. Dies sollte ein Zeichen für den Glauben an die Auferstehung der Toten sein: Einst wird der Tote auferweckt. Er erhält wieder einen, wenngleich natürlich verklärten, Leib.

Diese Hoffnung bringt auch das am vergangenen Dienstag erschienene Dokument der Glaubenskongregation über die Bestattung zum Ausdruck, „Ad resurgendum cum Christo“ – „Um mit Christus aufzuerstehen“. Als klassische Begräbnisform der Christen wird dort die Erdbestattung genannt. Allerdings ist es auch erlaubt, dass Christen sich verbrennen lassen, wenn mit der Asche ehrwürdig umgegangen wird. Mit der christlichen Lehre vereinbar sind demnach einige Bestattungsformen nicht.

„Mit der

christlichen Lehre

sind einige Formen

nicht vereinbar“

Wird der Tod dadurch verstanden als endgültige Vernichtung der Person, als erster Schritt der Reinkarnation oder gar als Befreiung des Menschen aus dem Gefängnis seines Körpers, so ist das mit dem christlichen Glauben und seinem Bild vom Menschen nicht mehr vereinbar. Spricht man, so das Dokument weiter, vom Leib als „Tempel des Heiligen Geistes“, hat man auch für einen würdigen Ort zu sorgen – wie etwa der Friedhof.

Deutlich wird die Glaubenskongregation auch im Blick auf die Urnenbestattung. Diese stehe dem Glauben nicht entgegen. Gott ist die Stärke zuzumessen, auch den so eingeäscherten Leib aufzuerwecken. Die Asche ist an einem würdigen Ort aufzubewahren – nicht aber zu Hause. Ebenso ist eine Verstreuung untersagt: „Es ist nicht gestattet, die Asche in der Luft, auf dem Land oder im Wasser oder auf andere Weise auszustreuen oder aufzubewahren.“ Anders gesagt: Katholiken sollen sich auf Friedhöfen begraben lassen, unabhängig davon, ob sie eingeäschert werden oder nicht.

Dabei sind alternative Begräbnisformen, die mit diesen Vorgaben der Glaubenskongregation wohl nur schwer zu vereinbaren sein dürften, auf dem Vormarsch. Dabei wächst nicht nur die Einäscherung, sondern auch vielfältige weitere Arten, mit dem toten Körper umzugehen. Zum einen gibt es da abstruse Möglichkeiten: Aus der Asche Diamanten pressen zu lassen oder die Asche in einer Rakete in das Weltall zu schießen. In Deutschland ist das nicht erlaubt. „Wir in Deutschland bleiben bei Bestattungen eher traditionell, weil es den Friedhofszwang gibt“, sagt Anja Graf, Pressesprecherin des Onlineportals „bestattungen.de“.

Daneben gibt es noch zahlreiche andere Formen des Begräbnisses, die mit dem deutschen Recht vereinbar sind. „Das Baumgrab ist mittlerweile verbreitet. Immer mehr Friedhöfe folgen diesem Trend. Es gibt schon eigene Bestattungswälder“, so Graf weiter. Neben dieser letzten Ruhestätte in der Stille des Waldes aber wird auch die Seebestattung immer beliebter. Die verstößt ja eigentlich gegen den Friedhofszwang. Deshalb war es früher notwendig, bei einer gewünschten Seebestattung nachzuweisen, dass der Verstorbene einen besonderen Bezug zum Meer hat – weil er Marinesoldat war etwa, oder weil er Seemann war. Diese Vorschrift gibt es heute nicht mehr, sagt Anja Graf: „Die Seebestattung ist eine Ausnahme vom Friedhofszwang.“

Weshalb immer weniger Menschen das ganz klassische Begräbnis auf dem heimischen Friedhof wollen, und immer mehr Menschen eine besondere, individuelle Form des Begräbnisses wünschen, ist nicht einfach zu erklären. Einige Bestatter sehen darin schlicht den Ausdruck einer größeren Freiheit. Früher war die Erdbestattung der Normalfall. Jede Familie hatte ihr eigenes Grab, in dem schon die Verwandten unzählbarer Generationen ihre letzte Ruhe gefunden hatten. Heute ist das nicht mehr zwingend; entscheidet man sich für eine ausgefallenere Bestattung, müssen die Hinterbliebenen keine abschätzigen Kommentare der Nachbarn oder Spott mehr ertragen. Es ist möglich geworden, individuell den letzten Gang des Lebens zu bestimmen – also wird dieser Weg auch gegangen.

Auch Anja Graf sieht gewandelte soziale Verhältnisse als ausschlaggebend an. Viele Familien hätten heute keinen zentralen Friedhof mehr. Die eine Familie wohnt nicht mehr im einen Dorf oder in der einen Stadt, sondern oft gar in verschiedenen Ländern.

„Viele Familien

haben heute

keinen zentralen

Friedhof mehr“

„Viele Menschen brauchen ein Grab als zentralen Trauerort nicht mehr.“ Zudem wollten viele Menschen ihre Angehörigen entlasten. Durch das Grab fallen Arbeiten an, wird man im Wald bestattet, wird die Grabpflege in gewisser Art und Weise von der Natur übernommen. Zudem nehme, so Graf, die Zahl der anonymen Begräbnisse zu. Nach dem Tod weiß also keiner mehr, wo der Tote begraben wurde. Das bringt auch Probleme mit sich: „Hier wünschen sich die Angehörigen aber oft doch einen zentralen Ort der Trauer“, sagt Anja Graf.

Die Gründe sind also unterschiedlich, die Bewegung aber die gleiche: Traditionelle Begräbnisse werden unbeliebter, alternative Formen nehmen zu. Im Lichte des jüngsten Dokuments der Glaubenskongregation erscheint das aber nicht unbedenklich. Die Forderung nach einem würdigen und heiligen Ort dürfte bei Seebestattungen ins Leere laufen, auch bei Waldbeerdigungen stellen sich weitere Fragen. Kann ein Wald ein würdiger Ort sein? Wie kann im Wald gebetet werden? Besonders die anonyme Bestattung birgt Herausforderungen. Für den christlichen Glauben stirbt der Tote ja nicht aus der Gemeinschaft der Christen heraus. Trauer und Gebet um einen Gläubigen dürften sich aber da schwierig gestalten, wo das Grab eines Toten nicht einmal bekannt ist.

Die entscheidende Frage dürfte dabei am Ende sein, ob der Leichnam würdig behandelt wird. Ob auch der tote Mensch noch als Tempel des Heiligen Geistes gesehen wird, als geliebtes Ebenbild Gottes, ihm ähnlich.

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