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Am Ende einer langen Suche

Durch seinen Bestseller "Hillbilly Elegie" wurde J. D. Vance, 35-jähriger Investor, schlagartig berühmt. Nun ist er katholisch geworden.
J.D. Vance
Foto: Luke Fontana/Ullstein Buchverlag/dpa | Angekommen: J.D. Vance.

Dass James David Vance zum vielgefragten Bestsellerautor aufstieg, wurde ihm nicht an der Wiege gesungen. Er stammt aus einer weißen Unterschichtsfamilie. „White Trash“ nennt das linke Establishment diese Leute abschätzig. So viel moralische Hochnäsigkeit kommt nicht von ungefähr, weiß Vance, denn: „Die Demokraten haben sich kulturell weit von der Arbeiterklasse entfernt.“ Sicher auch ein Grund, weshalb Republikaner Trump deren Vorherrschaft im Rust-Belt brechen konnte. Für einige Experten lieferte Vance's im Wahlkampfjahr Jahr 2016 erschienenes Buch denn auch einen Erklärungsansatz für Trumps überraschenden Wahlsieg.

Vance ist ein genauer Beobachter. Er zeigt die ganze Starre der Gesellschaft auf und ihr Selbstmitleid, in das sie sich flüchtet. Am Elend sind immer die anderen schuld, die da oben, die Politiker, das System. Die Initiativlosigkeit wird von Generation zu Generation vererbt. Ein Teufelskreis. Vance ist Jurist, Absolvent der Eliteuniversität in Yale, und er arbeitete als Risikokapitalanleger in Kalifornien. Nach seinem Schulabschluss heuerte er zunächst bei den Marines an und war zeitweise im Irak stationiert. Er ging an die Universität in Ohio und studierte zusätzlich Jura in Yale. Typischer Werdegang eines Society-Prinzen. Doch Vance war ein Underdog. Seine Familiengeschichte steht exemplarisch für die Resignation einer ganzen Bevölkerungsschicht.

Hillbillys - verarmte Nachkommen schottisch-irischer Einwanderer

„Hillbillys“, Hinterwäldler, das sind die weißen, verarmten Nachkommen schottisch-irischer Einwanderer, deren Väter und Großväter halfen, Amerika groß zu machen. Doch jetzt leben sie einen amerikanischen Albtraum: „einstürzende, modernde Schuppen, streunende Hunde, Vorgärten voll verrottender Möbelstücke“, so beschreibt Vance seine Heimat. Der Rostgürtel erstreckt sich vom Mittleren Westen bis nach Neuengland. Früher hieß die Gegend „Manufacturing Belt“. Hier flossen nicht Milch und Honig, aber Kohle und Erz. Bis man die Schwerindustrie nicht mehr brauchte. Mit der ältesten und größten Industrieregion der Vereinigten Staaten ging es seit der Krise in den 1970ern rapide bergab. Als in den 1980ern mehr und mehr Hochöfen stillgelegt wurden, waren die Städte vollends dem Untergang geweiht.

Wo Stahl und Eisen geschmiedet wurde, zerfressen jetzt Motten und Rost den schnell verfallenden Reichtum. Elend und Aussichtslosigkeit bestimmen das Bild. Eine Gesellschaft der Abgehängten. Die meisten leben von staatlichen Lebensmittelmarken. In den heruntergekommenen Spelunken tobt die Tristesse. Wer sich selbst das nicht leisten kann, säuft Spiritus aus dem Drugstore – verdünnt oder unverdünnt. Alkohol und Drogen helfen den Gescheiterten für eine gewisse Zeit, den Schmerz zu ertragen. Endstation Verzweiflung.

Persönliche Erfahrung mit dem sozialen Abstieg

Als Heranwachsender bekommt Vance die Folgen dieses Abstiegs schmerzhaft zu spüren. Seine Mutter tut alles, um der Realität zu entkommen. Auf der Suche nach Liebe und Schutz wechselt sie alle paar Monate die Liebhaber, die genauso haltlos sind wie sie. Gewalt ist an der Tagesordnung. Die Mutter ist von verschreibungspflichtigen Schmerzmitteln abhängig, an die sie als Krankenpflegerin leicht herankommt. Später hängt sie an der Nadel. „Heroin ist auch eine Art Schmerzmittel, und sehr viele Leute dort leiden an großen emotionalen Schmerzen. Sie suchen nach etwas, das ein bisschen besser ist“, sagte Vance 2016 in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“. Geregelte Mahlzeiten gibt es nicht. Frühstück, Mittagessen, Abendbrot, das heißt: Kentucky Fried Chicken, McDonalds und irgendwann Tex-Mex-Fastfood mit den überscharfen Gewürzen, die jeden Hunger wegbeißen. Ein kurzer Abstecher führt ihn zu seinem Vater, bei dem er eine Weile wohnt. In dessen religiöser Welt findet er sich nicht zurecht. Er darf nicht mehr Clapton hören, überhaupt nichts, was „in“ ist. Rock ist Teufelsmusik. Nicht laut Lachen, keine Flüche, keine Widerworte. Auch hier kriegt er Prügel, von wegen Disziplin. So etwas wie Zuneigung gibt es nicht. Halt und Hilfe bekommt er durch seine Großmutter, bei der er ab der 10. Klasse wohnt. Sie trägt die gesamte Last der dysfunktionalen Familie und nimmt den Jungen immer wieder bei sich auf. Vance nennt sie „Mamaw“. Seine Großeltern beschreibt er als „altmodisch, auf stille Weise gläubig, verließen sich auf sich selbst und arbeiteten hart. Meine Mutter und in zunehmendem Maße das Viertel um sie herum verkörperten einen anderen Typus: konsumorientiert, isoliert, wütend und misstrauisch.“

Ein Zuckerschlecken ist es auch hier nicht, der Großvater ist Alkoholiker, aber die Großmutter ist eine starke Frau, sie setzt den Alten irgendwann vor die Tür. Hätte sie nicht Stabilität in sein Leben gebracht, wäre Vance wohl kaum der Sprung zu den Marines und an die Eliteuniversität Yale gelungen. „Mamaw hatte immer zwei Götter, Jesus Christus und die Vereinigten Staaten von Amerika. Und für mich gab es nichts anderes und für alle anderen, die ich kannte, auch nicht.“ Mit eisernem Willen und wachem Verstand schaffte Vance den Weg nach oben. Kein Rührstück a la vom Tellerwäscher zum Millionär, doch ein Paradebeispiel dafür, was Wille und Mut erreichen. In seinem Buch schreibt er, das Beste, worauf Kinder mit seinen Ausgangsbedingungen hoffen könnten, sei es, Sozialhilfe zu vermeiden. Im schlechtesten Fall eine Überdosis.

Der Katholizismus als der einzig wahre Glaube

Trotz aller Anerkennung, ein blinder Fleck blieb auf der Seele. James D. Vance suchte nach einem tieferen Sinn. Er verschlang Augustinus. „Confessiones“ wurde für ihn ein seelisches Heimatbuch. „Vom Gottesstaat“ gewann für ihn „jetzt, wo ich über Politik nachdenke, an Relevanz“. Die Konsequenz lag auf der Hand. In einem Interview, das sein Freund Rod Dreher für „The American Conservative“ mit ihm führte, sagte er, in seiner Auseinandersetzung mit Religion habe er sich davon überzeugt, dass der Katholizismus der einzig wahre Glaube ist. „Ich denke, dass es nicht so einfach ist, ein guter Mensch zu sein“, aber: „Die Erkenntnis, dass Gnade auf lange Sicht wirkt, ist befreiend.“ Für den Karrieremann, der sich durchboxen musste, sind Gebet und Kontemplation eine rettende Erfahrung. Das Erkennen im Glauben wirkt wie eine Erlösung: „Die Hoffnung des christlichen Glaubens wurzelt nicht in einer kurzfristigen Beherrschung der materiellen Welt, sondern in der Tatsache, dass der Glaube auf lange Sicht hilft, mit verschiedenen Problemen und Notlagen fertigzuwerden.“ Da klingt eine für Karrieremänner aus dem Big Business seltene Demut an. Am 11. August wurde J. D. Vance von Dominikaner-Pater Henry Stephan getauft und in die katholische Kirche aufgenommen. Nach der Messfeier steht er neben dem Pater und lächelt in die Kamera. Das Kruzifix hinter ihnen sieht aus, als sende es Strahlen aus. Vance wirkt glücklich, wie befreit. Er hat heimgefunden. Das Ende einer langen Suche.

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