Allah in Südamerika

Im paraguayischen Ciudad del Este dominieren muslimische Familien aus dem Libanon das Geschäftsleben. Ihre Kunden sind zumeist Christen. Von Benedikt Vallendar
Foto: Benedikt Vallendar | In Ciudad del Este, einer Stadt mit 320 000 Einwohnern im Dreiländereck zwischen Argentinien, Paraguay und Brasilien, funktionieren die Geschäfte zwischen Muslimen und Christen tadellos.
Foto: Benedikt Vallendar | In Ciudad del Este, einer Stadt mit 320 000 Einwohnern im Dreiländereck zwischen Argentinien, Paraguay und Brasilien, funktionieren die Geschäfte zwischen Muslimen und Christen tadellos.

An den Regen habe sie sich längst gewöhnt, sagt Leyla Mahudi, während sie die neue Hemdenkollektion in die Regale räumt. Dieser warme, subtropische Regen, der hier in Ciudad del Este, im Dreiländereck zwischen Argentinien, Paraguay und Brasilien, für immersattes Grün und Strom aus Wasserkraft sorgt. Die Stadt ist, zumindest was die Elektrizitätserzeugung betrifft, ein ökologisches Vorzeigemodell. Und sie hat Flair, was wohl auch mit ihrer Geschichte zu tun hat. Schon immer war Ciudad del Este ein Drehkreuz für Glücksritter, Handelsreisende und Rucksacktouristen gewesen; und im 16. Jahrhundert Schauplatz intensiver Missionsbemühungen der Jesuiten. Unzählige Stützpunkte haben die Missionare aus Europa in der Region gegründet, die zu Keimzellen des katholischen Südamerika wurden. Keimzellen, die jedoch nicht verhindern konnten, dass der Kontinent seit geraumer Zeit im Wandel ist, was sich in Ciudad del Este nicht zuletzt an den vielen Schleier tragenden Frauen ablesen lässt, die an Ampelkreuzungen und in Markthallen zum Stadtbild gehören. Und nicht nur das: In den kleinen Gassen, abseits der Einkaufsmeilen, wirkt vieles wie in einer orientalischen Stadt, und das nicht nur der weit verbreiteten Wasserpfeifen wegen. Arabisch wird in der 320 000-Einwohnerstadt ebenso gesprochen wie Chinesisch und Koreanisch, obgleich Spanisch noch immer Amtssprache ist.

Tagein tagaus steht Leyla Mahudi in ihrem Kleiderladen in der Innenstadt von Ciudad del Este und kümmert sich um den Verkauf. Seit zwanzig Jahren betreiben die 41-jährige Libanesin und ihr Mann mehrere Geschäfte für Textilien und Schuhe. Damit hat sich die Familie einen für paraguayische Verhältnisse beachtlichen Wohlstand geschaffen, ein freistehendes Einfamilienhaus mit Swimming Pool und Satellitenschüssel etwa, und in der Garage einen Geländewagen japanischer Bauart. Leylas Söhne besuchen Privatschulen und die Tochter studiert im zweiten Jahr Medizin an der katholischen Universität von Asunción.

Leyla, von Haus aus Muslimin, trägt Schleier, sobald sie das Haus verlässt. Als Teil ihrer „Identität“, wie sie betont. Und dass sie niemand dazu zwingen würde, auch nicht ihr Ehemann. „Uns hat die Freiheit hierher gelockt“, sagt Leyla, nach dem Grund für ihre Auswanderung nach Paraguay gefragt, während sie an einem Kartonstapel Damenunterwäsche die neuen Preisschilder befestigt. Die Preise dafür sind günstig, was auch an den niedrigen Steuersätzen liegt. Die locken von jeher Investoren an, nicht nur große Konzerne, sondern auch Ausländer mit Erspartem und guten Ideen.

Das Geschäftsleben in Ciudad del Este wird heute von libanesischen Familien bestimmt, die untereinander gut vernetzt sind, was im Bausektor und in der Gastronomie zu hohen Preisen geführt hat. Informelle Kartelle bestimmen den Markt. Wer nach Ciudad del Este kommt, sollte also entweder ein dickes Stullenpaket oder ein dickes Portemonnaie mitbringen, denn selbst eine kleine Nachspeise im Restaurant kostet hier fast doppelt so viel wie in der Hauptstadt Asunción.

Geld verdienen die Libanesen in Ciudad del Este auf vielfältige Weise. In vielen Läden, die sich gleich auf mehrere Etagen verteilen, sitzen Familienangehörige, die ohne Lohn arbeiten und so das Familieneinkommen mehren. Auch Leyla bekommt keinen Lohn, sagt sie. Man merkt, wie sehr ihr der Kleiderladen am Herzen liegt. Auf alles und jedes hat sie ein Auge. „Das grüne Herrenhemd ist heruntergesetzt“, erklärt Leyla einer Kundin aus Venezuela in fließendem Spanisch, auf 24 000 Guaranís, knapp vier Euro. Die Strandslipper mit solider Korksohle kosten einen Euro, Markenware ist ab 30 Euro zu haben; jedoch ohne Garantie, dass die Sachen auch echt sind. Auch dafür ist Ciudad del Este bekannt und berüchtigt. Experten schätzen den Anteil gefälschter Ware in der Stadt auf bis zu 70 Prozent. „Nicht überall, wo Adidas draufsteht, ist auch Adidas drin“, wissen Insider, und dennoch gehen die Sachen wie warme Semmeln über die Ladentheke; neben DVDs, Heimelektronik und Parfums auch Medikamente und Autoersatzteile, die oft schon nach wenigen Kilometern verschleißen. Ohne dass sich der Zoll darum scheren würde. Böse Zungen behaupten gar, die Beamten seien an den Gewinnen beteiligt und würden sich daher bewusst zurückhalten. Die Gewinne sollen in Ciudad del Este noch immer beträchtlich sein. Gekauft wird nach Augenschein, ohne zu fragen, wo die Teile hergestellt wurden. Hauptsache, sie lassen sich andernorts günstig weiterverkaufen.

Auch mit einer Garantie bei Elektronikgeräten sollte der Käufer nicht ernstlich rechnen, auch wenn der Beipackzettel etwas anderes sagt. Echtheitsgarantie besitzt in Ciudad del Este allein die orientalische Küche mit ihren vielfältigen Rezepten, die auch inländische Süßspeisen auf der Karte hat, wie etwa den berühmten Brotpudding, Budín, der aus Weißbrot, Milch und frischen Eiern gemacht wird und nach Vanille schmeckt.

Der Libanonkrieg hatte in den 80er Jahren zu einem wahren Exodus libanesischer Familien geführt. Auch nach Paraguay, wo sie der damalige Präsident Alfredo Stroessner mit offenen Armen in der Stadt empfing, die wenige Jahre nach ihrer Gründung 1957 noch seinen Namen getragen hatte und erst nach seinem Sturz in Ciudad del Este (zu Deutsch: Ost-Stadt) umbenannt wurde. Überall, wo sie konnten, ließen sich die Libanesen nieder, machten sich selbstständig oder arbeiteten in ihren erlernten Berufen. In Südamerika fanden sie wegen des warmen Klimas ideale Voraussetzungen für einen Neubeginn. Derweil ihre Heimat in Schutt und Asche fiel, wie heute das Nachbarland Syrien. Die im Exil lebenden Libanesen knüpften Kontakte zu Landsleuten oder ließen diese gar nicht erst abbrechen, was sich in barer Münze auszahlen sollte. „Wir beziehen unsere Ware aus aller Welt“, sagt Leyla. Einer ihrer Lieferanten, ebenfalls Libanese, produziere in Indien und Bangladesch. Die Kunden seien vor allem Argentinier und europäische Touristen, die es der günstigen Preise wegen nach Paraguay locke. Beim Grenzübertritt an der „Brücke der Freundschaft“ werden die Besucher gleich in mehreren Sprachen begrüßt, während sich die Polizei die Beine in den Bauch steht, statt Pässe und Gepäck zu kontrollieren. „Manchmal kaufen die Argentinier kistenweise Schuhe auf“, sagt Leyla. Man müsse aber schon in rauen Mengen einkaufen, damit sich der Handel lohne, sagt sie. Geschäftliche Beziehungen zwischen Christen und Muslimen, woanders auf der Welt nicht selten Anlass für Spannungen, funktionieren in Ciudad del Este scheinbar reibungslos. Auch die Angestellten in Leylas Laden sind Latinos, allesamt Katholikinnen, die es allein der guten Löhne wegen in die Stadt gezogen hat.

Und doch kennt das scheinbar konfliktlose Miteinander zwischen Christen und Muslimen auch Grenzen; diese enden spätestens am Metallgitterzaun der großen Moschee am Stadtrand, der Mezquita del Este. Obgleich der Zaun angeblich nur zu „Sicherheitszwecken“ errichtet worden sei, wie ein Anwohner, selbst Muslim, erklärt. Und dennoch: Wer davor steht, hat das Gefühl, hier nicht willkommen zu sein.

Weltoffener zeigen sich da schon die katholischen Ordensschwestern aus Caacupé, die am innerstädtischen Grenzübergang zwischen Paraguay und Brasilien um Spenden für Bedürftige bitten und sich dabei sogar fotografieren lassen. „Kontakte zu den Muslimen gibt es eigentlich nicht“, sagt Schwester Elena. „Die Muslime leben ihr eigenes Leben und suchen auch nicht den Kontakt zu uns.“ Bisher sei von Spannungen zwischen Muslimen und Christen in der Stadt wenig zu spüren gewesen, fügt die Schwester hinzu. Und es wäre schön, wenn das so bliebe, sagt die Schwester. Denn auch paraguayische Zeitungen berichten fast täglich über die Anschläge des sogenannten „Islamischen Staates“ (IS) in Europa und im Nahen Osten. Jeder ginge in Ciudad del Este seinen Geschäften nach, sagt Schwester Elena. Auch von Eheschließungen zwischen Muslimen und Christen habe sie noch nie etwas gehört, sagt sie. Dafür lebten die muslimischen Familien viel zu abgeschottet von ihren christlichen Nachbarn, deren Gebetshäuser übrigens nicht nur in Ciudad del Este für jedermann offenstehen.

Themen & Autoren

Kirche