Zweifelhafte Programme

Noch immer erkranken Menschen an Ebola: Was haben Hilfsorganisationen falsch gemacht? Ein Kommentar. Von Lothar Wagner SDB

Der neue Dorfbrunnen, finanziert von den Salesianern Don Boscos. Bisher war ein verschmutztes Rinnsal die Wasserquelle für das Dorf. Foto: Wolfgang Kofler
Der neue Dorfbrunnen, finanziert von den Salesianern Don Boscos. Bisher war ein verschmutztes Rinnsal die Wasserquelle f... Foto: Wolfgang Kofler

Die Ebolakrise in Westafrika köchelt auf kleiner Flamme weiter. Die Bevölkerung ist mittlerweile zu ihren alltäglichen Tätigkeiten zurückgekehrt, was auch gut ist, denn ein Krisenmodus über lange Zeit ist zermürbend. Es gibt pro Woche Neuinfektionen im niedrigen zweistelligen Bereich, und man muss sich schon fragen, warum anhand der Unsummen von Hilfsgeldern das Virus den Kampf nicht schon endgültig verloren hat. Es ist wohl der Attraktivität des Geldes anzulasten. Anstatt es effektiv den betroffenen Menschen durch den Kauf sinnvoller Hilfsgüter und dem Aufbau funktionierender Notfalleinrichtungen zuzuleiten, ist es nicht auszuschließen, dass Einige sich persönlich daran bereichert haben.

Erster Fehler war zwar, dass internationale Hilfe Monate zu spät eintraf, doch als sie dann anlief, wurde meist dafür gesorgt, dass auch dem eigenen Komfort Genüge getan wird. Kriseninterventionskräfte mieteten sich in die teuersten Hotels ein, erst mal wurden neue Autos angeschafft, und vieles als Ebolahilfe deklariert, was den Betroffenen in keiner Weise zu Gute kam.

„Natürlich lädt

diese Art der Hilfe

regelrecht zu

Missbrauch ein“

Hierunter wären auch viele lokale Hilfsorganisationen und gar Regierungseinrichtungen zu nennen, die sehr zweifelhafte Programme auflegten. Nicht alles ist schlecht, den Kampf gegen Ebola hat man durchaus aufgenommen, aber zu oft halbherzig, inadäquat und nur in seltenen Fällen „an der Front“. Von erfahrenen Helfern ist zu hören, dies sei das übliche Geschehen in Krisenzeiten, hinzu kommt hier, dass der Auslöser so ungreifbar ist.

Wir Salesianer Don Boscos mussten uns natürlich auch fragen, wie adäquat Hilfe geleistet werden kann. Es zeigte sich bald, dass Kinder durch die Krankheit zu Waisen wurden. Für sie eröffneten wir im September eine vorübergehende Einrichtung, in der auch für umfassende psychosoziale Betreuung gesorgt war. Manche Kinder waren körperlich sehr schwach, andere weinten unentwegt oder Alpträume plagten sie nachts. Da die internationale Hilfe noch nicht angelaufen war, wurde dieses Projekt ausschließlich von privaten Spenden finanziert.

Dennoch hat es sich der Platzhirsch der Kinderhilfe – die UN-Organisation „unicef“ – nicht nehmen lassen, uns einerseits Vorschriften zu machen, die unseres Erachtens dem Kindeswohl nicht zugute kommen, andererseits aber gar die Dreistigkeit besessen, dieses Projekt als eines der ihren mit auszugeben. Hierzu muss man wissen, dass Unicef nicht selbst unmittelbar mit Kindern arbeitet, sondern immer nur Gelder oder Güter an sogenannte „Partner“ verteilt, welche dann Unterstützung für Kinder leisten sollen.

Natürlich lädt diese Art der Hilfe regelrecht zu Missbrauch ein, denn es geht um gewaltige Summen, deren Verwendung völlig unzureichend kontrolliert wird. Beispielsweise sind von dem UN-Kinderhilfswerk für Sierra Leone, welches in etwa die Größe Bayerns besitzt, innerhalb von fünf Monaten circa 28 Millionen US-Dollar als Ebola-Soforthilfe bereitgestellt worden, andererseits gab es keine vorzeigbaren Projekte, so dass beim Besuch der britischen Entwicklungshilfeministerin unsere Einrichtung besucht wurde, welche gar nicht von deren Geldern finanziert worden war.

Mit der Regierung arbeitet Unicef möglichst eng zusammen. Doch letztlich werden dann Vorschriften erlassen, die dem Kindeswohl nicht immer gerecht werden. An ihren Schreibtischen erheben sie Statistiken, betreiben aber keine Fallanalyse, sprechen nicht mit Betroffenen und kommen dennoch zu Ratschlüssen, deren Nutzen sich bisweilen nicht erschließen lässt. In unserem Fall wollte man das Essen genauestens unter die Lupe nehmen, während nicht auch nur ein betroffenes Kind nach seinem Befinden befragt werden sollte. Als nun die Order lautete, sie sollten umgehend zur Familie rückgeführt werden, in Falle eines Ebola-Vollwaisen zu entfernter Verwandtschaft, obwohl die Kinder noch deutliche Belastungsstörungen aufwiesen, kostete es viel Kraft und Mühe, sich diesem absurden Vorhaben entgegenzustellen. Da kein Bedarf mehr vorhanden war, konnten wir die Einrichtung zu Ostern schließen.

Was bleibt ist der Eindruck, dass viele Hilfsorganisationen vor allem um Geld und ein gutes Marketing bemüht sind, ihre Zielgruppe und deren Bedürfnisse sind nachrangig. Sich die Hände schmutzig zu machen, das heißt, dort Arbeit zu leisten, wo der Bedarf liegt, scheint zu mühsam und unschicklich.

Außerordentlich ernüchternd, diese Erkenntnis, insbesondere in Krisenzeiten. Mehr Selbstreflexion, Qualitätskontrolle und Unmittelbarkeit – insbesondere der „Großen“ – wären wünschenswert.

Der Autor, gebürtig aus Trier, ist zurzeit als Missionar der Salesianer Don Boscos in Sierra Leone in Westafrika tätig. Dort leitet er in Freetown, der Hauptstadt des Landes, das Don Bosco Zentrum Fambul, wo vor allem betroffene Kinder Hilfe finden sollen.