Zu Besuch bei den „Bourras“

Die Kapelle der Pénitents Gris in Aix-en-Provence ist eine Reise wert.

Die Grablegungsgruppe.
Die Grablegungsgruppe. Foto: Oppermann
Die Grablegungsgruppe.
Die Grablegungsgruppe. Foto: Oppermann

Aix-en-Provence, das ist die Stadt der hunderteins Brunnen, der herrlichen Märkte und eleganten Palais. Die Stadt Paul Cézannes, der hier neben Emile Zola die Schulbank drückte. Eine Bühne für die große Welt, mit dem berühmten Bistrot „Deux Garçons“, in dem einst Picasso und Cocteau, Churchill und Alain Delon verkehrten. Eine Stadt, die heute ganz vom Glanz alter Zeiten lebt, und auf deren perfekt renovierten Straßen die Touristen sich auf die Füße treten. Wer heute nach Aix-en-Provence fährt, wird, besonders in den Sommermonaten, versuchen, die großen Plätze, die von Besuchern überquellen, zu meiden, und seine Routen durch die Nebenstraßen suchen.

So eine Nebenstraße ist die Rue Lieutaud. Eine der wenigen im Zentrum von Aix-en-Provence, die einen ruhigen und bescheidenen Charakter bewahrt haben. Nur wenige Besucher streifen am Sonntagmorgen zwischen den relativ niedrigen ockergelben Häusern umher, viele Fassaden sind abgenutzt, die wenigen Bars und Geschäfte gehören erkennbar nicht zur ersten Kategorie. In dieser Straße zeigt am Haus mit der Nummer fünfzehn ein kleines Schild, dass dies die Kapelle der Pénitents Gris ist. Eben wird unter dem recht schmucklosen Portal die Tür aufgeschlossen. In einer halben Stunde soll die Messe beginnen.

Der Spitzname, den die Pönitenten in Aix tragen: Bourras

Die Pénitents Gris sind nur eine von fast unzählbar vielen verschiedenen Bußbruderschaften, die sich seit dem 12. Jahrhundert zuerst in Italien gebildet haben und später besonders in Südfrankreich, aber auch in Spanien und Portugal weit verbreitet waren. Es gibt graue, aber auch weiße, schwarze und rote Pönitenten, bezeichnet nach der Farbe ihrer charakteristischen Kutten mit den oft spitzen Kapuzen, in die meist nur zwei kleine runde Löcher für die Augen geschnitten sind. So erklärt sich wohl auch der Spitzname, den die Pönitenten in Aix tragen: Bourras. Das Wort bezeichnet einen groben Leinenstoff oder graue Leinwand.

Die Blüte der Bußbruderschaften, in der Barockzeit, wo die in ihnen organisierten Laien Krankenhäuser gründeten und die Straßen von Rom, Lyon oder Palermo während ihrer prachtvollen Prozessionen mit gewaltigen Wagen, die blumengeschmückte, bunte Heiligenfiguren trugen, vom Licht der Kerzen erleuchtet wurden, liegt lange zurück. Heute zieht sich kaum noch ein Bürger eine Kapuze über, um Buße zu üben.

Die Bruderschaft der Pénitents Gris in Aix-en-Provence hat jedoch überlebt. Und ihre Kapelle birgt eine Überraschung. Sie ist nicht groß und geht man auf der Straße vorbei, kann man sie leicht übersehen. Auch wenn man eintritt, zeigt sich nicht gleich etwas Besonderes. Die Wände sind schmucklos und wo man hinschaut, sieht man kaum einen Gegenstand, der nicht auf den ersten Blick abgenutzt und verwittert wirkt. Ein etwas vernachlässigter und nicht besonders schöner Kirchenraum.

Vom Altar führen zwei Grotteneingänge in den Felsen

Umso erstaunlicher wirkt dann der Altar. In der Apsis, ausgemalt mit einem Fresko der Stadt, erhebt sich, höher als mannshoch, ein künstlicher Felsen, in den der Hochaltar eingebettet ist. Links und rechts vom Altar führen zwei Grotteneingänge in den Felsen hinein. Er trägt eine Grablegungsgruppe, mit sieben aus Holz geschnitzten Figuren, die den Leichnam Christi in ein Leinentuch legen. Die Figuren sind lebensgroß. In diesem kleinen Raum wirken sie beinahe erschreckend in ihrer Größe, und da sie so gar nichts Starres an sich haben, ist es, als würden sie gleich die Bewegungen fortsetzen, in denen der Künstler sie hat innehalten lassen. Hinter den Figuren der Grablegungsgruppe ragen drei hohe Kreuze empor. Das mittlere ist leer, am linken und am rechten hängen noch die Körper der Räuber, die mit Jesus gekreuzigt wurden, während ein Soldat in glänzender Rüstung die Szene vom Seitenrand aus beobachtet.

Die spätbarocken Figuren, die so lebendig erscheinen in ihrem Ausdruck, sind ein Werk des Holzschnitzers Jean Guiramand, der im sechzehnten Jahrhundert lebte. Im neunzehnten Jahrhundert bezog die Gruppe ihren Platz in der Kapelle der Pénitents Gris auf dem künstlichen Felsengrab. Die Felseingänge dienen dabei dem Priester und den Konzelebranten als Zugang zur Sakristei, und wenn es soweit ist, treten die Mitglieder der Bruderschaft zum Kommunionempfang in ihren grauen Kutten aus ihnen hervor.

Der Felsengrab-Altar beherrscht den Raum

Wie oft sind gerade die schönsten Altäre der großen Kirchen heute nur noch Hintergrundschmuck, wirken wie abgestellt hinter den Arrangements aus schlanken Volksaltären und Stühlen aus hellem Holz, die mit Mikrofonen und Kabeln im Vordergrund stehen. Dem Felsengrab-Altar in der Kapelle der Pénitents Gris ist dieses Schicksal erspart.

Er beherrscht den Raum. Priester, Messdiener und Pönitenten fügen sich in ihren Gewändern vollkommen in die theatralische Szene ein, in der der ganze Sinn des Kirchenbaus und der sonntäglichen Messe sich ausdrückt. Sie erscheinen als natürliche Familienmitglieder der farbig goldenen Gestalten über dem Altar, gleichsam als ihre zufällig gerade auf der Erde lebenden Verwandten. Wenn der Messdiener vor der Messe hinaufklettert, um die Kerzen zu entzünden, kann es passieren, dass man auf den ersten Blick nicht bemerkt, dass sich da oben unter die hölzernen Körper ein lebendiger gemischt hat. Besonders, wenn er diesen kurzen Moment stillhält, wo die Flamme sich an den Docht der Kerze schmiegt.

Nicht nur die Kapelle der Pénitents Gris ist eindrucksvoll, sondern auch der Priester, der ihnen die Messe liest. Fast ist es, als wehte etwas vom barocken Geist Abraham a Santa Claras durch die Kapelle, wenn Pater Claude Gilliot O.P. zur Predigt ans Pult tritt. Schnell ist das Manuskript dort liegengelassen und auf und ab gehend, die Gemeinde über die Altarschranken hinweg mit hellen Augen anblitzend, predigt der Priester von der Schönheit und der Fülle des Glaubens. Der 1940 geborene Pater Claude Gilliot ist in Frankreich kein Unbekannter. Er ist eremitierter Professor an der Université de Provence und ein anerkannter Islamwissenschaftler.

Es ist leicht, an der Messe teilzunemen

Bei den Pénitents Gris wird die Messe im tridentinischen Ritus gefeiert. Das macht es für den Besucher aus dem Ausland leicht, an der Liturgie teilzunehmen, auch wenn er kein oder schlecht französisch spricht. Er kann, vorausgesetzt, dass er an die lateinischen Texte gewohnt ist, laut und sicher mitsingen und –beten, ohne sich fremd zu fühlen.

Während die letzten Töne der Orgel verklingen, tritt man wieder hinaus auf die Straße, wo man mit den Bourras ins Gespräch kommen kann. Die Heiterkeit, mit der Pater Claude Gilliot in flüssigem Deutsch aus der Geschichte der Pénitents Gris erzählt, steckt an. Auf der Straße ist es inzwischen warm geworden, die Uhr zeigt kurz vor halb zwölf. Ein Teil der engstehenden Häuser der Rue Lieutaud mit ihren schmutzig gelben Fassaden und schäbigen Fensterläden liegt im Sonnenlicht.

Es wurde einiges dafür getan, die Schönheit von Aix-en-Provence zu mindern. Im Zentrum drängen sich die notorischen Boutiquen mit ihren riesigen Schaufenstern, die die Fassaden der Gebäude aufreißen. Die links und rechts des prachtvollen Cours Mirabeau in vier Reihen angepflanzten Platanen, für die der Boulevard so berühmt war, sind vor kurzem ausgelichtet wurden. Kein dichtes Blätterdach ist mehr da, das Licht auf der Straße in tanzende Splitter zu zerstreuen. Helle chinesische Steinplatten bedecken die Straße von Hauswand zu Hauswand und blenden die Spaziergänger. Auch das Musée Granet wurde neu gestaltet und bietet unangenehm weiße Wände. Sogar das Essen in Aix-en-Provence soll schlechter geworden sein. Doch ein Besuch in der Kapelle der Pénitents Gris lässt einen all das vergessen.

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