Würzburg

"Wunderkind" mit Disziplin

Die Konzertpianistin Anastassiya Dranchuk fühlt sich von Benedikt XVI. inspiriert Von Michael Hesemann

Anastassiya Dranchuk
Lieber Faust als Mephisto: Die Konzertpianistin Anastassiya Dranchuk. MH Foto: Foto:

Understatement scheint ihr Markenzeichen zu sein. Auf der Bühne erscheint eine zierliche, schmale, eher mädchenhafte Frau. Ihr puppenhaftes Gesicht, umrahmt von langem, dunkelblonden Haar, hätte einer gotischen Madonna zum Vorbild gedient haben können. Nur ihre katzenhaft grünen Augen spiegeln eine Willensstärke wider, die man dieser filigranen Person auf den ersten Blick niemals zugetraut hätte. Sie spricht ungekünstelt, der russische Akzent ist unverkennbar. Doch wenn die flinken Finger ihrer kleinen Hände die Tasten des Flügels berühren, geht eine Naturgewalt von ihr aus. Hier spielt eine Ausnahmepianistin von Rang und Format.

„Die Ehrlichkeit von Benedikt XVI., seine bedingungslose Liebe zur Wahrheit und zum Mitmenschen, sind mir zum Vorbild geworden.“
Anastassiya Dranchuk

„Natürlich spiegelt mein Stil, mein Musikempfinden meine Lebenserfahrung wider“, erklärt Anastassiya Dranchuk. Ihre Wurzeln liegen im „Archipel Gulag“, im Umfeld der Verbannungslager Stalins. Karaganda, ihr Geburtsort im heutigen Kasachstan, diente im Zweiten Weltkrieg als Deportationsziel für Menschen, die der Kollaboration mit dem nationalsozialistischen Deutschland bezichtigt wurden. Nach dem Tod Stalins wurde Karaganda zu einer Oase der Kultur. Es bekam ein Opernhaus, eine Philharmonie, eine Musikhochschule und eine Universität. Ein Angebot, das auch Anastassiyas Eltern für sich nutzten. Beide wurden Violinisten, waren Professoren an der lokalen Musikhochschule.

Musik ist ihre Umgebung von Anfang an

Hochschwanger ging ihre Mutter ihrem Lehrauftrag nach, nahm sie nach der Geburt einfach mit in die Hochschule. „So war Musik von Anfang an meine Umgebung, noch vor der Geburt“, erklärt Anastassiya, „sie wurde zu meiner Umhüllung, meiner Eierschale und dann zu meiner Muttermilch.“ Doch nicht den Violinen von Vater und Mutter galt ihre erste Liebe, sondern dem Klavier der elterlichen Wohnung. Erst als mit fünf Jahren ihre systematische Ausbildung begann, sollte sie begreifen, dass die Götter vor den Erfolg den Schweiß gesetzt haben. Zunächst übte sie vier Stunden am Tag, später sechs. Mit sieben gab sie ihr erstes Bach-Konzert an der Philharmonie, begleitet vom örtlichen Orchester. Sie galt als„Wunderkind“, doch sie wusste, dass es kein Wunder war: „Musik ist ein Leistungssport.

Üben, Üben, Üben! Fleiß ist alles, Disziplin, Härte gegen sich selbst. Aber genau das war der Weg, der mich faszinierte.“ Walter Roth, ein russlanddeutscher Musikpädagoge aus Karaganda, der nach Deutschland gegangen war, empfahl Anastassiya an der Berliner „Hanns Eisler-Hochschule für Musik“. So wurde das damals zehnjährige Mädchen zum Vorspielen nach Berlin eingeladen – und angenommen. Im Juni 2000, mit Elf, zog Dranchuk samt ihrer Eltern mit Studentenvisum nach Berlin. „Deutschland erschien mir damals wie ein Zauberland“, schwärmt sie. „Beim Anflug sah man die roten Dächer, die Sonne schien, alles war sauber, kein Dreck auf den Straßen. Das war wie ein Bonbon, ein Fest, ja eine ganz andere Welt. Ich war begeistert.“ Anastassiya wurde mit offenen Armen aufgenommen. Gleich nach der Ankunft gab sie ihr erstes Konzert auf deutschem Boden. Ihre Eltern wurden eingebürgert, fanden beide Anstellungen als Musiklehrer und Orchestermusiker, ihr Vater bei den Berliner Philharmonikern.

Bürokratie im Zauberland

Parallel zur Ausbildung stellte sich der Erfolg ein: Bis zu 40 Konzerte im Jahr, viele davon im Ausland, in Europa wie in Asien. Auch die Politprominenz entdeckte das zierliche, scheue Mädchen mit der Urgewalt im Tastenschlag für sich. Sie spielte für die Bundeskanzlerin und Michail Gorbatschow. Es hagelte Preise, vom „Horowitz-Preis“ mit Zehn über „Jugend musiziert“ und den „Steinway-Preis“ bis hin zum „Goldenen Julius“, Kategorie „Persönlichkeit des Jahres in Kunst und Kultur“ 2007, mit 18 Jahren. Sie lernte bei Wolfgang Glemser, Weltstars wie Gidon Kremer, Martha Argerich und Daniel Barenboim förderten sie. Trotzdem besuchte die Pianistin auch weiterhin Musikhochschulen in Köln und Lübeck – und musste lernen, wie schnell das Zauberland Deutschland vom Drachen der Bürokratie heimgesucht wird.

Weil sie ein Semester aussetzte, um auf Tournee zu gehen, wurde sie von der Hochschule als exmatrikuliert gemeldet. Prompt reagierte die Ausländerbehörde und kündigte ihr Studienvisum. Nach 16 Jahren in Deutschland drohte der gerade noch gefeierten Künstlerin Ende 2017 die Abschiebung nach Kasachstan: in ein Land, dessen Sprache (heute Kasachisch statt Russisch) sie nicht einmal spricht. Als ihr Anwalt die Presse informierte, brach ein Sturm der Entrüstung los. Unterstützer ergriffen Partei und initiierten eine Petition, die es auf über 3 500 Unterschriften brachte. Derzeit wird Dranchuk in Deutschland wieder geduldet. Gerade richtig, um wieder durchzustarten. 2020 stehen in ganz Europa Konzerte an, und Anastassiya Dranchuk nimmt ihr erstes Solo-Album auf.

Nicht von Mephisto täuschen lassen

Ihr Geheimnis? „Ich bin nie dem Erfolg hinterhergejagt“, versichert sie, „der Erfolg lief mir hinterher. Wenn ich mich zwischen zwei Wegen entscheiden sollte, habe ich nie den leichteren gewählt, sondern den ehrlichen.“ Obwohl Bach, Liszt, Schubert, Rachmaninoff, Tschaikowsky und Camille Saint-Saëns zu ihrem Repertoire gehören, hat kein Thema sie so sehr fasziniert wie der von gleich mehreren Komponisten vertonte Stoff des „Faust“. „Er ist der Schlüssel zum Verständnis der Kunst und der Rolle des Künstlers“, meint sie. „Er mahnt uns: Natürlich ist Mephisto faszinierend, weil er so viel weiß und kann und so viele Gesichter hat, aber man darf sich nicht täuschen und von ihm in den Abgrund ziehen lassen. Faust mahnt: Bleib Dir selbst treu! Verkaufe nicht Deine Seele für den Erfolg! Stehe zu Deinen Fehlern. Und denke immer daran, dass Du die Pflicht hast, der Gesellschaft zu dienen.“

Musik ist ein zweischneidiges Schwert

Musik ist, so Dranchuk, ein zweischneidiges Schwert. Sie kann den Menschen verführen, in ihm Wut oder Begierde entfesseln, ihn aber auch zum Guten inspirieren, erheben und das Göttliche erahnen lassen. „Kunst muss dem Frieden dienen und aus uns bessere Menschen machen. Da wird der Künstler zum Partner des Priesters.“ Sie selbst ist im christlichen Glauben verwurzelt, den ihr die griechisch-katholische Großmutter vermittelte. „Sie hat mir einen gesunden Glauben vorgelebt, der mir im Leben Halt und Würde gegeben hat. Doch er hat mir auch geholfen, die Musik besser zu verstehen.

Denn wenn man den großen Meistern zuhört, dann ist es wie ein Gespräch mit Gott. Der Künstler ist der Vermittler zwischen Himmel und Erde. Musik ist die Stimme Gottes in menschlichen Händen. Eine Stimme, die nicht in Worte gezwungen, sondern in Tönen übermittelt wird. Sie erreicht und erfüllt den ganzen Menschen, während Worte vom Verstand seziert werden. So gehen Religion und Musik Hand in Hand – die eine kann ohne die andere nicht existieren.“

Heute fühlt sie sich besonders von Benedikt XVI. inspiriert. „Seine Ehrlichkeit, seine bedingungslose Liebe zur Wahrheit und zum Mitmenschen, sind mir zum Vorbild geworden.“

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