„Wir kommen aus einem Land, das so nicht mehr besteht“

Die „Dritte Generation Ost“ über Plattenbau-Prägung, Wende-Erinnerungen und das Leben im vereinten Deutschland. Von Josefine Janert

Michael Hacker (links) und Alexander Fromm in Berlins neuer Mitte. Foto: Janert
Michael Hacker (links) und Alexander Fromm in Berlins neuer Mitte. Foto: Janert

„Dritte Generation Ost“ heißt ein Buch aus dem Christoph Links Verlag Berlin. 33 Autoren schreiben darüber, wie sie die DDR, die Wende und ihr Leben im vereinigten Deutschland erlebt haben. Die meisten kamen zwischen 1975 und 1985 in der DDR zur Welt, einige in der Bundesrepublik. Zur ersten Generation Ost gehören nach ihrer Interpretation die Menschen, die die DDR ab 1949 mit aufgebaut haben und 1989/90 mehr oder weniger freiwillig in Rente oder Vorruhestand gingen. Zur zweiten Generation Ost zählen die Menschen, deren Berufsleben maßgeblich durch die DDR geprägt wurde. „Dritte Generation Ost“ ist auch der Name eines Netzwerks. Es organisiert seit 2011 jedes Jahr ein Generationstreffen und 2012 auch eine Tour durch die neuen Länder. „Die Tagespost“ sprach mit zwei Mitgliedern des Netzwerkes, dem Sozialwissenschaftler Michael Hacker und Alexander Fromm.

Wie entstand Ihre Initiative?

Hacker: 2010 hat die Politikwissenschaftlerin Adriana Lettrari Freunde und Bekannte eingeladen, sich über Ostdeutschland auszutauschen. Anfangs waren wir neun Personen, die sich im privaten Rahmen trafen. Schnell merkten wir, dass wir alle ein großes Bedürfnis haben, miteinander über unsere Biografien zu reden. Daraufhin stellten wir einen Projektantrag bei der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Wir wollten das Gespräch mit anderen Menschen fortsetzen: Was bedeutet es, in der DDR geboren worden zu sein und mittlerweile die längste Zeit des Lebens in der Bundesrepublik verbracht zu haben? Zu unserem ersten Generationstreffen im Juni 2011 kamen mehr als 120 Personen. Da war eine ähnliche Energie zu spüren wie vorher im kleinen Kreis. Wir entschieden uns, ein Buch zu veröffentlichen. Rund 60 Personen reichten ein Exposé für einen Text ein. Mit der Auswahl wollten wir, die Herausgeber, erreichen, dass viele unterschiedliche Stimmen zu Wort kommen. Wir hatten und haben kein vorgefertigtes Bild von der Dritten Generation. Das Buch soll zeigen, dass es ein ganzes Spektrum von Erlebnissen und Identitäten gibt.

Wieviel Menschen erreichen Sie jetzt?

Fromm: Über soziale Netzwerke etwa 2 000. Der harte Kern, die Organisatoren – das sind rund 30.

Herr Fromm, Sie waren 16 Jahre, als die Wende kam. Welche Erinnerungen haben Sie an die DDR?

Fromm: Ziemlich vage. Eisenhüttenstadt, wo ich aufwuchs, hieß nicht umsonst die „erste sozialistische Stadt auf deutschem Boden“. Viele Einwohner waren, im Gegensatz etwa zu den Leipzigern, ziemlich staatstreu. Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich die meisten Leute erst dann an den Demos und Runden Tischen beteiligten, als es schon nicht mehr gefährlich war. Mit Freunden ging ich dann auch zu diesen Runden Tischen. Was dort genau besprochen wurde, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich daran, dass die Wortführer das freie Reden erst einmal lernen mussten. Es herrschte Aufbruchstimmung – der Saal war übervoll, und alle verfolgten aufmerksam, was geschah.

West-Berlin, das ich dann mit meinen Eltern besuchte, roch nach Seife. Irgendwie künstlich. Vermutlich umgibt uns bis heute ein ähnlicher Geruch, aber wir nehmen ihn nicht mehr wahr.

Und Sie, Herr Hacker? Sie waren zehn Jahre und lebten in Hoyerswerda.

Hacker: Am 4. November 1989 verfolgte ich im Fernsehen die berühmte Demonstration auf dem Berliner Alexanderplatz. Künstler und Intellektuelle setzten sich für eine Reform der DDR ein. Ich wusste damals nicht, wer Christa Wolf war, eine der Rednerinnen. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass meine Eltern mir erklärten, was an diesem Tag geschah. Ich habe die Wende übrigens nicht als extremen Bruch in Erinnerung, sondern eher als schleichenden Wandel. Viele Autoren aus unserem Buch sehen das anders. Was uns jedoch eint, ist, dass wir uns ab 1990 mit einem völlig neuen Gesellschaftssystem auseinandersetzen mussten. Ein neues Schulsystem kam, Eltern wurden arbeitslos und mussten sich neu orientieren. Das zu erleben, das prägt.

Herr Hacker, Ihr Text im Buch endet damit, dass Sie in den Kulturverein Ihrer Heimatstadt eintreten. Was ist daran typisch ostdeutsch? Vielerorts gibt es Regionen, die im Niedergang begriffen sind, und Menschen, die sich für sie einsetzen.

Hacker: Ich habe mir in dieser Passage nicht die Frage gestellt, was typisch ostdeutsch ist. Vielmehr habe ich darüber nachgedacht, was mit Hoyerswerda geschieht, wenn viele wegziehen und keiner neu kommt. Von meinen alten Freunden lebt kaum noch einer dort. Aber die meisten interessieren sich für das, was dort passiert. Wenn man in Berlin, München, Wien wohnt, fragt man sich, was man von dort aus für seine Heimatstadt tun kann.

Fromm: Ich erlebe das ähnlich. 2006 gründeten ein anderer Blogger und ich je ein Weblog über Eisenhüttenstadt. Wir riefen Fotowettbewerbe aus. Die Menschen konnten private Bilder hochladen. Viele hatten das Bedürfnis, ihr Wohnhaus, ihre Straße zu zeigen. Eisenhüttenstadt war in der DDR-Zeit stark von Plattenbauten geprägt. Etliche wurden inzwischen abgerissen. Diese Fotografen zeigten also oft Häuser, die es so gar nicht mehr gibt. Das ist ein prägendes Erlebnis unserer Generation. Wir kommen aus einem Land, das so nicht mehr besteht, in das man nicht mehr zurückkehren kann.

Sich daran zu erinnern, ist das Ostalgie?

Hacker: Nein. Ostalgie ist Erinnerung zum Selbstzweck. Sie geht mit der Verklärung der Vergangenheit einher. Wir wollen uns damit auseinandersetzen, wo wir herkommen und wie wir mit diesen Erfahrungen die heutige Gesellschaft mitgestalten können. Früher empfand ich oft Unbehagen, wenn ich einem Fremden erzählte, dass ich aus Hoyerswerda stamme. Inzwischen bin ich da entspannter.

Kennen Sie das auch, Herr Fromm? Woher stammte das Unbehagen?

Fromm: Ja. Neulich las ich in einer großen Zeitung einen Artikel über den Niedergang der ostdeutschen Wirtschaft. Daneben stand ein Foto von grauen Plattenbauten. Das ist typisch. Vielen Menschen fallen solche Klischees ein, wenn sie an Ostdeutschland denken. Darin finden wir uns allerdings nicht wieder.

Hacker: Natürlich gibt es in den neuen Ländern Plattenbauten, auch graue. Es gibt auch Rechtsradikalismus, Gemeinden schrumpfen. Doch das ist nicht die einzige Lebensrealität. Ostdeutscher Alltag ist vielfältig. Im Übrigen unterscheiden sich Regionen wie Thüringen und Mecklenburg viel stärker voneinander, als die Öffentlichkeit das bislang wahrgenommen hat.

In Ihrem Buch betonen Sie, dass auch die alte Bundesrepublik nicht mehr existiert. Was meinen Sie damit?

Hacker: Viele Menschen verklären die wirtschaftlich starken Jahre der Bundesrepublik als Zeit der Vollbeschäftigung. Sie denken: In den achtziger Jahren ging es uns gut, alles war sicher. Doch der Schein trügt. Der Kalte Krieg tobte, Europa starrte vor Waffen und balancierte am Rande eines Atomkrieges. Auf dem Weg in eine gemeinsame Zukunft müssen wir uns auch mit Klischees von der alten Bundesrepublik auseinander setzen.

Michael Hacker u.a. (Hg.): Dritte Generation Ost. Wer wir sind, was wir wollen. Ch. Links Verlag, Berlin, ISBN 978-3-86153-685-7, EUR 14,90. Im Internet: dritte-generation-ost.de.