„Wir kämpfen an allen Fronten“

Mit neuen Hilfsmodellen gehen Europa und das UNO-Welternährungsprogramm die Ursachen der Not in Haiti an. Von Matthias Knecht

Port-au-Prince (DT) Wie in Haiti üblich trägt Erlide Frederic die schwere Last auf dem Kopf, in einem Eimer. Das verleiht der Plackerei in tropischer Hitze eine gewisse Würde. Die 62-Jährige reißt zusammen mit einer etwa 30-köpfigen Brigade ein weiteres einsturzgefährdetes Haus in Carrefour ab, einem Armenvorort der Hauptstadt Port-au-Prince. Rund 3,50 Euro am Tag erhält sie für die Schwerarbeit mit nichts als Spitzhacke und Schaufel.

Sechzehn Monate nach der Erdbebenkatastrophe sind die Menschen in Haiti immer noch damit beschäftigt, die Trümmer zu beseitigen. Die Straßen sind inzwischen passierbar und es stehen deutlich weniger Ruinen am Wegrand als noch vor einem Jahr. Doch von einem Wiederaufbau ist im einst 700 000 Einwohner zählenden Carrefour ebenso wenig zu sehen wie im Rest des Landes.

„Wirtschaftlich geht es uns jetzt ein bisschen besser als nach der Katastrophe“, sagt Erlide Frederic. „Wir haben aber immer noch keine Häuser. Es gibt viel Enttäuschung“, fügt die fünffache Mutter hinzu. Die Umstehenden pflichten ihr bei. Die meisten Männer und Frauen in ihrer Brigade haben ihr Haus verloren. Seit dem Erdbeben vom 12. Januar 2010 wohnen sie in Zelten, die sich nach mehr als einem Jahr in Hitze und Regen aufzulösen beginnen.

Längst ist das Jahrhunderterdbeben aus den Schlagzeilen. Doch die Not ist geblieben. 680 000 Menschen leben immer noch in Zeltlagern, ein Viertel der haitianischen Kinder ist unterernährt, drei Viertel der elf Millionen Haitianer leben in Armut. Das Welternährungsprogramm (WEP) der Vereinten Nationen lieferte innerhalb eines Jahres 126 781 Tonnen Lebensmittel, um das Schlimmste abzuwenden. Das sind im Wochendurchschnitt 80 Schiffscontainer. „Es gibt so viel zu tun“, mahnt Stephanie Tremblay, Sprecherin des WEP in Haiti, und fügt hinzu: „Wir sind immer noch hier. Und wir brauchen mehrere Millionen Euro, um durchzukommen.“

Um die Aufmerksamkeit der internationalen Öffentlichkeit wieder zu gewinnen, hat das WEP jetzt die Weltstars Amadou und Mariam als Botschafter Haitis für Europa verpflichtet. Das blinde Paar aus Mali prägte mit seinem Stilmix aus afrikanischen Rhythmen und westlicher Musik das Genre der „Worldmusic“. Dabei vergaß es nie seine Wurzeln. Bis heute singen Amadou und Mariam gegen Hunger und Ungerechtigkeit, platzieren politische Botschaften in ihren Konzerten.

Finanziert werden die Auftritte von Amadou und Mariam für Haiti von der Europäischen Union. Sie weist damit auf eine neuartige Strategie der Nothilfe hin, die das Humanitäre Büro der Europäischen Kommission (ECHO) zusammen mit dem WEP in Haiti verwirklicht. Beide Organisationen sind die weltweit bedeutendsten Akteure bei akuten Hungerkatastrophen. Und beide suchen mehr und mehr nach Wegen, die reine Überlebenshilfe mit Anreizen für den Wiederaufbau zu verbinden.

WEP und ECHO unterstützen darum die Aufräumarbeiten in Haiti mit Cash-for-Work, Geld für Arbeit. So wie Erlide Frederic erhielten in den letzten Monaten mehr als 110 000 Haitianer zeitlich begrenzte Jobs. Damit soll die einheimische Wirtschaft angekurbelt werden, anstatt nur containerweise Lebensmittel zu importieren.

„Mit Cash-for-Work unterstützen wir lokale Märkte und die lokale Produktion von Lebensmitteln“, betont Myrta Kaulard, Direktorin des WEP in Haiti. Damit das schwer verdiente Geld von Erlide Frederic und anderen Arbeitern nicht doch wieder in den Lebensmittelimport fließt, arbeitet das WEP jetzt auch mit lokalen Bauern und unterstützt deren Kooperativen. Haitis eigene Agrarproduktion lässt sich allerdings nicht von heute auf morgen ankurbeln, warnt Kaulard vor übertriebenen Erwartungen. „Das jetzige einheimische Angebot reicht bei weitem nicht aus, um den Bedarf zu decken. Unsere Produzenten sind wirklich klein. Die meisten haben gerade eine Kuh. Wir hoffen aber, dass diese ganzen Projekte wachsen.“

Fehlende Agrarproduktion Haitis ist Ursache für Armut

Die Nothilfe Europas und der Vereinten Nationen geht damit auch die Ursache der Armut an, die weit hinter das Erdbeben zurückreicht. Denn Haiti verlor während der letzten 20 Jahre fast seine gesamte landwirtschaftliche Basis, nicht zuletzt durch von den USA durchgesetzten Zollsenkungen, die die einheimische Produktion an Reis kollabieren ließen. So muss das ärmste Land der westlichen Hemisphäre heute mehr als 80 Prozent des Grundnahrungsmittels einführen.

Die Lebensmittelknappheit ist nicht das einzige Problem. Nigel Fisher, UNO-Delegierter für Haiti, nennt drei derzeit dringende humanitäre Aufgaben: erstens die sanitäre Versorgung in den Obdachlosenlagern, zweitens die generelle Verbesserung der Wasserversorgung, um ein Wiederaufkeimen der Cholera zu verhindern, und drittens die Vorbereitung für die kommende Hurrikansaison. Den Bedarf für alle drei Aufgaben zusammen schätzt er auf 130 bis 145 Millionen US-Dollar – Geld, das er derzeit nicht hat.

„Wir kämpfen an allen Fronten“, sagt auch Damien Berrendorf, ECHO-Leiter in Haiti. Kritik am langsamen Wiederaufbau Haitis weist der Spanier entschieden zurück. „Stell dir vor, du verlierst um 4.53 Uhr nachmittags plötzlich deine Familie, dein Haus und dein Vermögen. Kurz darauf kommen Tausende von Helfern und verlangen von dir eine brillante Aufbaustrategie.“ Laut Berrendorf wird es noch bis Ende 2012 dauern, um alleine den Schock des Erdbebens aufzufangen. Seiner Arbeit und der anderer ausländischer Helfer stellt er ein gutes Zeugnis aus: „Gemessen an der Komplexität der Probleme Haitis war die Reaktion der internationalen Gemeinschaft sehr gut. Das Versorgungsniveau Haitis ist heute höher als vor der Katastrophe.“

Auf zwei Pfeilern beruht die Strategie der internationalen Helfer, um den Übergang von der Nothilfe zum Wiederaufbau zu fördern. Erstens arbeiten ECHO und UNO seit der Katastrophe gezielt mit der haitianischen Regierung, statt sie wie früher häufig zu umgehen. Die Idee dahinter ist, die Kapazitäten der Regierung zu stärken. Viel Hoffnung ruht darum auf dem neuen Präsidenten Michel Martelly, der am 14. Mai sein Amt antrat und einen grundsätzlichen Wandel versprach.

Gezielt unterstützen die ausländischen Helfer auch die Zivilgesellschaft Haitis, denn nur eine starke Bürgerbeteiligung garantiert einen funktionierenden Staat. Die Baubrigade von Erlide Fréderic ist ein Paradebeispiel solchen Bürger-Engagements. Denn in Carrefour organisierten sich die Menschen nach der Katastrophe selbst. Unter der Führung der charismatischen Bürgeraktivistin Magdala Jean-Pierre (36) bauten sie eine schlagkräftige Organisation auf und traten mit Wünschen und Forderungen an Regierung und Helfer heran. 1 400 Menschen arbeiten derzeit in Carrefour an der Trümmerbeseitigung, zwar finanziert von WEP und ECHO, aber organisiert von Magdala Jean-Pierre.

„Wir haben viele solcher Bürger-Organisationen in Haiti. Wir wollen das fördern“, betont WEP-Sprecherin Tremblay. „Das ist ein Beispiel des Übergangs von der Nothilfe zum Wiederaufbau.“ Doch Wunder sind auf diesem Weg nicht zu erwarten. „Es geht in kleinen Schritten vorwärts“, dämpft Tremblay übertriebene Erwartungen.

Wie lange ist Haiti noch auf internationale Hilfe angewiesen? Keiner der ausländischen Spezialisten im Karibikstaat vermag eine präzise Antwort zu geben. Am deutlichsten äußert sich Nigel Fisher, faktischer UN-Chef in Haiti: „Solange nicht haitianische Organisationen die Arbeit übernehmen, werden wir noch in 30 Jahren hier sein.“