Willkommensstädte einrichten

Renovieren statt neu bauen: Daniel Fuhrhop hat Ideen, wie Integration gewinnbringend gelingen kann. Von Anna Sophia Hofmeister

Daniel Fuhrhop gelangte als Leiter eines Architekturverlags zu der Einsicht, dass wir nicht mehr neu bauen sollten. Auch aufgrund wachsender Zweifel am Sinn des Neubaus verkaufte er 2013 den Verlag. 2015 erschien sein Buch „Verbietet das Bauen!“ (oekom verlag); außerdem betreibt ... Foto: privat
Daniel Fuhrhop gelangte als Leiter eines Architekturverlags zu der Einsicht, dass wir nicht mehr neu bauen sollten. Auch... Foto: privat
Die Medienberichte über hoffnungslos überfüllte Flüchtlingsunterkünfte sind noch gut in Erinnerung. Inzwischen kommen in Deutschland wegen abgeriegelter Routen aber weniger Schutzsuchende an. Wie sieht die Wohnlage für Geflüchtete heute aus?

Am Anfang hat man vor allem darauf geachtet, so schnell wie möglich alle ankommenden Menschen irgendwie unterzubringen. Inzwischen wird nach dauerhaften Lösungen gesucht, die jedem Einzelnen mit Bleibeperspektive dann auch ermöglichen, sich in die Gesellschaft, die ihn umgibt, zu integrieren.

Dafür möchte der Bund viel Geld in die Hand nehmen: Zwei Milliarden Euro sollen für den Neubau von Wohnungen bereitgestellt werden, ab 2017 noch einmal eine Milliarde für den Bau von Sozialwohnungen. Die riesigen Bauprojekte seien oft absurd, sagen Sie, und verhindern Integration?

Hamburg bietet hier leider ein schreckliches Beispiel. Im Naturschutzgebiet des Öjendorfer Sees sollten innerhalb nur eines Jahres Wohnungen gebaut werden, die zusammen mit einem anderen Baugebiet insgesamt dreitausend bis sogar viertausend Menschen beherbergen sollten. Für viele Bürger klang das nach „Ghetto“, also dem Gegenteil von Integration. Aus dieser Sorge heraus gründeten sie zwei Bürgerinitiativen gegen die Neubaupläne. Beide setzen sich nicht gegen Flüchtlinge, sondern ausdrücklich für Integration ein – sie erklärten sich etwa bereit, Integrationspatenschaften zu übernehmen, einige boten sogar an, sich im Gegenzug für eine maßvollere Bebauung vertraglich zur Integrationshilfe zu verpflichten. Der Streit am Öjendorfer See zeigt, wie viele Aufgaben angesichts der Aufnahme von Flüchtlingen zu bewältigen sind. Riesige Bauvorhaben werden langfristig nur einem äußerst geringen Teil davon gerecht.

Wie sehr hängt denn Integration von der richtigen Unterkunft ab?

Hierzu lohnt ein Blick in die Vergangenheit. Nach dem Zweiten Weltkrieg wiesen die Alliierten Wohnungssuchenden freie Räume zu. Da half kein Protest. Damals kamen etwa 14 Millionen Vertriebene in das Gebiet des heutigen Deutschlands. Aber diese erzwungene Nähe hat sicherlich dazu beigetragen, dass relativ schnell Kontakte geknüpft werden konnten, die Menschen Arbeit fanden und sich irgendwann eine eigene Wohnung, ein eigenes Haus leisten konnten. Später, in den 60er, 70er Jahren bei den sogenannten Gastarbeitern, hat man gedacht, dass es sich nur um eine vorübergehende Episode handelt. Heute wissen wir alle, dass die Integration damals bis heute nicht gut funktioniert hat.

Warum?

Weil Stadtviertel entstanden sind, in denen sehr viele Menschen, zum Beispiel türkischer Herkunft, nur unter sich waren. Nur durch einen ständigen alltäglichen Kontakt mit anderen können Kinder im Kindergarten oder in der Schule gut deutsch lernen und auch Eltern Vorurteile abbauen. Nur im wechselseitigen Kontakt kann Integration funktionieren. Für heute können wir daraus, so unterschiedlich beide Episoden sind, lernen, dass wir versuchen sollten, Flüchtlinge möglichst buntgemischt in die Mitte von verschiedenen Stadtvierteln zu verteilen und damit in die Mitte der Gesellschaft aufzunehmen.

Schon damals hat eine Verteilung nicht ohne Zwang funktioniert. Wie stellen Sie sich die Abgabe von Raum heute vor?

Auch wenn es menschlich ist, dass man zu einer gewissen Gemütlichkeit neigt, oder nach 70 Jahren Frieden in manchen Fragen etwas behäbig geworden sein mag, ist doch festzustellen, dass es in ganz Deutschland eine große Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge gibt. Mein wichtigster Appell ist, dass wir nicht mit Zwang, sondern auf freiwilliger Basis überlegen, wie wir mit anderen zusammenwohnen wollen und können. Ich bin überzeugt: Wenn das jeder macht und einige das in die Tat umsetzen, dann würde das allein schon ausreichen, alle Flüchtlinge dezentral unterzubringen. Es gibt schon positive Beispiele dafür, wie gut das funktionieren kann.

Welche zum Beispiel?

Es gibt eine enorme Vielfalt von Möglichkeiten, vom ehemals leerstehenden Rathaus bis zum umfunktionierten Kreuzfahrtschiff. Ein besonders schönes Beispiel ist eine junge Familie mit zwei Kindern, die aus Interesse eine Flüchtlingsunterkunft besucht und dort eine schwangere Frau und ihren Mann aus Syrien kennengelernt haben. Um zu verhindern, dass das Kind auf Euro-Paletten in einem ehemaligen Baumarkt auf die Welt kommt, haben sie sich spontan dazu entschieden, das Paar als Untermieter bei sich aufzunehmen. Natürlich kann man eine solche Bereitschaft nicht von jedem erwarten, aber ich finde es rührend zu sehen, dass es tatsächlich Menschen gibt, die so weit gehen.

Aber ein solcher Ansatz dürfte sehr gut gegen die von vielen befürchtete Parallelgesellschaft wirken...

Für eine echte Integration brauchen wir Begegnungen im Alltag, die dazu führen, dass auch die kleinen Fragen des täglichen Lebens besprochen und gelöst werden können, von der Mülltrennung bis zum Job. In Begegnungen ruckelt es zwar auch, aber das ist ganz normal. Unterschiedliche Herkunft wird erst dann zum Problem, wenn man solche Menschen nur im Fernsehen sieht.

Sie plädieren dafür, statt auf Neubauten auf eine Unterbringung in bereits bestehenden Raum zu setzen?

Schon vor den großen Fluchtbewegungen habe ich mich mit der Frage beschäftigt, wie wir die Reserven unserer bestehenden Häuser nutzen können. Dazu gehört, gerade jetzt, dass wir die möglicherweise sogar zwei Millionen leeren Wohnungen in Deutschland sinnvoll neu füllen. Das heißt zum einen, dass wir die vielen Fördermittel von Bund und Land nicht mehr für Neubauten einsetzen sollten, sondern für die Renovierung von alten Häusern. Zum anderen sollte man bei der Verteilung von Flüchtlingen verstärkt darauf achten, wo Häuser leer stehen. Leider geschieht das bislang nicht. Die Verteilung von Flüchtlingen erfolgt noch immer nach dem Königsteiner Schlüssel, der auf der Einwohnerzahl beruht. Das führt zu der absurden Situation, dass etwa in Hamburg mehr Flüchtlinge unterkommen müssen als in ganz Mecklenburg-Vorpommern, obwohl da viel mehr Platz ist.

Viele Gemeinden klagen darüber, dass ihre Einwohner in große Städte abwandern...

Tatsächlich ist es so, dass inzwischen so viele junge Menschen aus den östlichen Bundesländern weggezogen sind, dass die Unternehmen Probleme haben, Stellen und Ausbildungsplätze zu besetzen. Zum Beispiel beträgt an den Ostsee-Inseln Rügen, Usedom und angrenzenden Kreisen die Zahl der nicht besetzten Ausbildungsplätze ein Fünftel. In solchen Fällen würde es hervorragend zusammenpassen, wenn sich in solchen Gegenden im ländlichen Raum von Ost und West Flüchtlingsfamilien ansiedeln könnten. Sie finden dort problemlos Wohnungen, haben aber gleichzeitig auch Chancen, eine Stelle oder einen Ausbildungsplatz zu finden. Außerdem gibt es viele Orte, in denen Kindergärten oder Schulen in ihrer Existenz bedroht sind, weil es nicht mehr genug Kinder dafür gibt. Wenn nun Flüchtlinge in solche Orte kommen, ermöglichen sie so also auch ein Gemeinschaftsleben, das dadurch weitergeführt werden kann. Daher sollten wir auch insgesamt den Zuzug von Menschen nach Deutschland als Chance begreifen.

Inwiefern wohnen wir denn heute anders als früher?

Seit 1950 hat sich die Wohnfläche pro Person etwa verdreifacht. Das ist zwar menschlich verständlich, weil wir zum Glück ein wohlhabendes Land sind, aber in dem Moment, wo es darum geht, unsere Städte lebendig zu machen, kommt es auch darauf an, die Wohnungen und Häuser besser zu nutzen. Denn umgekehrt bedeuten diese Zahlen, dass in den gleichen Häusern wie 1950, in einem Stadtviertel, das damals schon bestanden hat, jetzt nur noch ein Drittel der Menschen von damals leben. Dementsprechend bedroht das den Bäcker, den Markt, das Kino und die Kneipe.

Wie soll denn Ihrer Meinung nach dann die Verteilung der Flüchtlinge stattfinden?

Bei der Verteilung sollten keine Extreme erzeugt werden. Es macht keinen Sinn, in einer schrumpfenden Stadt tausende Flüchtlinge in leerstehende Häuser zu bringen. Nein, es geht nur darum, die Gewichtung ein klein wenig zu ändern und dementsprechend bessere Chancen für Integration zu schaffen.

Jetzt haben Geflüchtete aber durchaus auch eigene Vorstellungen davon, wo und wie sie wohnen möchten...

Auch hier hilft wieder ein Blick in die Geschichte. Bei den Spätaussiedlern aus der früheren Sowjetunion hat Deutschland jahrzehntelang in den ersten Jahren Wohnraum zugeschrieben. Natürlich gab es damals auch schon Ausnahmen, etwa, wenn jemand Familie an einem anderen Ort hatte. Für viele Geflüchtete spielt es allerdings oft überhaupt keine Rolle, wo sie wohnen. Wer vor Krieg und Leid geflohen ist, ist erstmal einfach nur froh, aufgenommen zu sein. Daher kann eine Verteilung von oben für die ersten Jahre funktionieren. Selbstverständlich kann sich über die Zeit hin von Fall zu Fall anderes ergeben. Mit der im Integrationsgesetz eingeführten Wohnsitzauflage haben wir dieses Instrument bereits gegeben. Allerdings sieht es derzeit nicht so aus, dass die Bundesländer dieses umsetzen würden.

Wie sieht denn Ihre ideale Stadt aus?

Die ideale Stadt ist bereits gebaut. Wir müssen da nicht an abgehobene Visionen von Architekten denken. Sondern es geht um die Stadtviertel, Häuser und Wohnungen, die wir bereits haben. Diese sollten wir stärker wertschätzen und deren Reserven nutzen. Wenn wir das tun, dort etwas zusammenrücken und somit Raum für zuziehende Menschen machen, dann schaffen wir dadurch lebendige Städte, die ich Willkommensstädte nenne.

Andere Sitten, Kulturen und dann auch noch zusammenrücken: Ist da nicht Streit vorprogrammiert?

Das Zusammenleben von Menschen bringt immer Probleme mit sich, egal, wer mit wem in einem Haus wohnt oder Gartenzaun an Gartenzaun lebt. Schon nach dem Krieg gab es mit den Zuwanderern immer wieder kulturelle, religiöse und sogar sprachliche Differenzen, die wir aber im täglichen Miteinander überwunden haben. Genau das können wir auch wieder schaffen, wenn wir die richtige Mischung im richtigen Maß durchführen. Integration spielt sich letztlich in einzelnen Wohnungen ab.

Welche Rolle spielt dafür die Politik?

Von der Politik dürfen wir nur erwarten und auch einfordern, dass sie die nötigen Rahmenbedingungen schafft. Wir sollten nicht die Schuld auf Politik und Verwaltung abschieben, sondern nach dem fragen, was wir selbst persönlich dazu beitragen können. Für mich ist das eine Frage von Vernunft und Herz, hier gute Lösungen anzugehen.

Daniel Fuhrhop: Willkommensstadt. Wo Flüchtlinge wohnen und Städte lebendig werden. oekom verlag, München 2016. EUR 17,95