Wieder Anschlag in Nigeria

Sprengstoff-Jeep rast in Kirche – Tote und Verletzte auch bei Vergeltungsaktionen – Bischöfe kritisieren Medienberichte. Von Carl-H..Pierk

Am Sonntag steuerte ein Selbstmordattentäter während des Gottesdienstes einen mit Sprengstoff beladenes Auto in die katholische Kirche Sankt Rita von Kaduna. Die Mauer der Kirche wurde durch die Explosion aufgesprengt. Foto: dpa
Am Sonntag steuerte ein Selbstmordattentäter während des Gottesdienstes einen mit Sprengstoff beladenes Auto in die kath... Foto: dpa

„Boko Haram“ – der Name steht für Gewalt und Terror in Nigeria. Im mit rund 155 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichsten Staat Afrikas sind Christen in der Vergangenheit immer wieder Opfer von Angriffen geworden. Zu einer Mehrzahl der Anschläge bekannte sich die Gruppe Boko Haram – übersetzt heißt das so viel wie „westliche Bildung ist Sünde“. Die Terrorsekte will in dem Land einen islamischen Gottesstaat errichten. Am Sonntag hatte ein Selbstmordattentäter während des Gottesdienstes einen mit Sprengstoff beladenen Jeep in die katholische Kirche Sankt Rita von Kaduna gesteuert, einer Stadt im Norden im gleichnamigen Bundesstaat mit christlicher und muslimischer Bevölkerung. Mindestens acht Menschen wurden den Sicherheitskräften zufolge dabei getötet. Bei Vergeltungsaktionen kamen mindestens zwei weitere Menschen ums Leben, zudem gab es fast 140 Verletzte. Aufgebrachte christliche Jugendliche waren mit Messern und Knüppeln bewaffnet durch die Straßen gezogen. Die Mauer der Kirche wurde durch die Explosion aufgesprengt. Diese war so gewaltig, dass auch zahlreiche andere Gebäude beschädigt wurden. Die rund 1,5 Millionen Einwohner zählende Stadt Kaduna, auch Sitz eines katholischen Erzbistums, ist in der Vergangenheit bereits mehrfach Schauplatz blutiger Gewalt gewesen.

Alle Indizien deuten darauf hin, dass es sich um eine Attacke der Boko Haram handelt. Die radikalislamistische Sekte hat in der Vergangenheit mehrfach an christlichen und muslimischen Feiertagen zugeschlagen. Seit 2010 sollen mehr als 1 400 Menschen durch die Gewalt ums Leben gekommen sein. Boko Haram werden Verbindungen zu Terrororganisationen im Tschad, in Niger und Mali nachgesagt. Nach eigenen Angaben stehen innerhalb der Terrororganisation etwa 300 Selbstmordattentäter bereit, wenn es darum gehe, christliche Kirchen in den Bundesstaaten Plateau und Kaduna anzugreifen. Man habe Söhne und Töchter von solchen Muslimen rekrutiert, die bei den jüngsten Konflikten ums Leben gekommen waren, und es stünden Sprengsätze zur Verfügung, die in Mauretanien und Somalia hergestellt wurden.

Zugespitzt hatte sich die Lage 1999: Bei den ersten demokratischen Präsidentschaftswahlen im Mai 1999 wurde der südnigerianische Christ Olusegun Obasanjo zum Präsidenten gewählt. Sein Wahlsieg war für die nordnigerianische Bevölkerung und besonders für die Eliten des Nordens gleichbedeutend mit einem Verlust ihres politischen Einflusses. In den Jahrzehnten zuvor hatten Christen keine besondere politische Macht. Als Reaktion auf den vermeintlichen Machtgewinn der Christen entschieden sich einige Gouverneure aus dem Norden, die Scharia auf das Strafgesetzbuch und das Gewohnheitsrecht anzuwenden. Die zwölf nördlichen Bundesstaaten führten damals die islamische Scharia-Gesetzgebung ein. Seitdem hat die systematische Diskriminierung im Norden stark zugenommen. Dies alles widerspricht der Verfassung des Landes, die jedem Bürger das Recht auf religiöses Bekenntnis und das Recht, den Glauben öffentlich auszuüben, garantiert. In Kapitel zehn der nigerianischen Verfassung heißt es: „Die Regierung des Bundes oder eines Bundesstaates soll keine Religion als Staatsreligion annehmen.“

Die islamistischen Terrorangriffe dürfen dennoch nicht mit Christenverfolgung gleichgesetzt werden. Das bekräftigt der jüngst vom Papst zum Kardinal ernannte Erzbischof von Nigerias Hauptstadt Abuja, John Olorunfemi Onaiyekan. Sein Bemühen, die religiösen Spannungen in Afrikas bevölkerungsreichstem Land mit friedlichen Mitteln abzubauen, wird weithin geschätzt. Im Gespräch mit dem Hilfswerk „Kirche in Not“ kritisierte er Mediendarstellungen, denen zufolge Nigeria vor einem Bürgerkrieg zwischen Muslimen und Christen stehen soll. Ebenso sei es falsch, die Christen einerseits als „hilflos“ oder andererseits als „bereit, sich mit Waffengewalt zu verteidigen“, darzustellen, wie es in vielen Berichten geschehe. Ebenso wies er den immer wieder geäußerten Vorschlag zurück, das westafrikanische Land nach Religionen in zwei unabhängige Staaten zu teilen. Dieses Vorhaben sei „sinnlos“. Das würde das Land in noch größere Probleme stürzen. Es sei „ohnehin irrig, vom islamischen Norden und christlichen Süden zu sprechen“. „Sogar viele Familien bestehen zur Hälfte aus Muslimen, zur Hälfte aus Christen. Nigeria kann nicht nach Religionen geteilt werden. Christen und Muslime gehen gemeinsam in die Schule, zum Markt, zur Arbeit, sie dienen zusammen in der Armee. Sie sind dort, wo sie leben, aufgewachsen. Man kann nicht auf einmal alle Muslime in den Norden und alle Christen in den Süden umsiedeln und das Land teilen“, so der Erzbischof.

Ähnlich äußerte sich der nigerianische Bischof John Ebebe Ayah. Längst nicht alle Muslime befürworteten die Angriffe der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram. Deren Anschläge hätten Christen, aber auch Muslime getötet, so der Bischof der im Bundesstaat Cross River gelegenen Diözese Ogoja. Viele Muslime achteten das Christentum wegen dessen Botschaft von Frieden und Liebe. Sie sähen darin eine Verbindung zum Koran. Zugleich gebe es viele Muslime, die gerne Christen werden wollten, es aber aus Angst um ihr Leben nicht täten. Christen und Muslime in Nigeria fühlen sich gleichermaßen bedroht. Doch das Hauptziel der Anschläge ist der staatliche Machtapparat: Polizeistationen und alles, was den „funktionierenden“ Staat ausmacht. Der aber wirkt hilflos, ist unfähig, die Korruption und die extremen Gegensätze zwischen Reich und Arm zu bekämpfen, eine der Hauptursachen für das Erstarken der Boko Haram. Präsident Goodluck Jonathan, ein Christ aus dem Nigerdelta, musste in einem Interview mit einem nigerianischen Onlinemagazin zugeben, dass die Terrorsekte bereits seine Regierung unterwandert habe, einschließlich der Exekutive, Legislative und Judikative.