Rom

Wie seiner Seele beraubt

Italien im Ausnahmezustand: Überall im Land verstoßen Priester gegen das Messverbot.

Pfarrer Don Giuseppe Corbari steht vor Kirchenbänken mit ausgedruckten Fotos der Kirchengemeinde
Es gibt auch Wege, die Messe im Rahmen der Sicherheitsmaßnahmen zu zelebrieren: Pfarrer Don Giuseppe Corbari steht vor Kirchenbänken, auf denen ausgedruckte Fotos von an ihn geschickten Selfies von Mitgliedern der Kirchengemeinde in Giussano platziert sind. dpa Foto: Foto:

Italien zeichnet der Ausnahmezustand. Die Behörden sind dicht, öffentliche Einrichtungen wie private Geschäfte geschlossen. Das Land der Bars und Restaurants, der Opern und der Museen, des Palio und der Prozession – es wirkt wie seiner Seele beraubt. Die Ewige Stadt, wo auf den Trümmern von tausend Jahren Imperium heute tausend christliche Kirchen thronen, und als Zentrum des Katholizismus Gläubige aus aller Welt anlockt – hat ihre Gotteshäuser geschlossen. Keine Messen. Keine Prozessionen. Selbst die Historiker fragen sich, wann dies seit dem Konstantinischen Dekret von 313 der Fall gewesen ist. In Motta di Livenza, wo sonst am 9. März alljährlich die Marienerscheinung von 1510 gefeiert wird, schreibt die Presse: „Was selbst die Pest von 1630 nicht geschafft hat, schafft das Coronavirus von 2020.“

Das Kreuz des Don Camillo

In dieser Finsternis strahlt ein Kreuz. Es steht vor einer Kirche in Brescello. Nicht irgendein Kreuz, nicht irgendeine Kirche. Es ist die Kirche, die für die Dreharbeiten von „Don Camillo und Peppone“ Patin stand. Es ist das Kreuz, mit dem Fernandel in seiner berühmtesten Filmrolle sprach. Es ist das Kreuz, dass Don Camillo ganz allein schulterte, um eine Prozession zum Fluss zu führen, der nur er selbst angehörte. Es ist eine der mächtigsten Geschichten von Giovannino Guareschi: ein einsamer Priester, der mit dem Erlöser allein durch die leergefegten Straßen prozessiert, weil die Kommunisten die Gläubigen bedroht haben. Am Ufer angekommen, bittet er darum, dass der Strom Dorf und Land verschonen möge.

„Ich bin Priester, und ich habe das Recht, meine Messe zu feiern, ohne dass die Regierung entscheidet.“
Don Mario, Rom

Es ist der Geist Guareschis, der südlich der Alpen lebt. Es sind Erzählungen wie Anekdoten. Es ist die Quintessenz von Guareschis Schaffen: die Häuser mögen verwüstet sein, das Leid unermesslich, alles erscheint zerstört. Aber Gott ist nicht zerstört. In Brescello thront das Kreuz. Christus lebt. Und in den Gemeinden regt sich geistlicher Widerstand. Im sizilianischen Favara ist es Don Giuseppe, der allein über die Straße mit Kreuz und Mikrofon den Rosenkranz aufsagt; im venetischen Bibione hat der Pfarrer Don Andrea eine Marienstatue samt Blumen auf ein Ape-Kleinfahrzeug geladen und dieses azurblau geschmückt, um an allen Ecken des Ortes das Ave Maria aufzusagen. Der Erzbischof von Mailand ruft die Madonna auf der Domspitze um Beistand an. In San Gioacchino in Rom stellt der Pfarrer das Allerheiligste aus. Auf Twitter kursiert das Video eines einzelnen Priesters mit Monstranz, der durch die Straßen geht und segnet.

Der Herr verspricht eine große Ernte

In Crema geht Bischof Daniele Gianotti mit Beispiel voran. Er überträgt die 10 Uhr Messe per Livestream – und verlässt das Gotteshaus danach mit der Monstranz, flankiert von zwei Kerzenträgern. Sein Weg führt bis zur zentralen Kreuzung der Altstadt, wo die Wege aus den vier Himmelsrichtungen zusammenführen. Hier segnet er ganz Crema, zeigt den Leib Christi und geht zurück in den Dom. In seiner Predigt wendet er sich an seine priesterlichen Brüder: mehr denn je fühlten sie sich machtlos in diesen Wochen, ihre pastoralen Aktivitäten seien auf „Null reduziert“ und viele wüssten nicht, was sie tun sollten. „Aber der Herr verspricht uns eine große Ernte; er ist es, der sie wachsen und sprießen lässt in unvermuteter Weise, auch wenn uns die Hände gebunden sind.“

Vielerorts kehrt die berüchtigte Pest von 1630 in das Gedächtnis der Italiener zurück, jener Seuche, die Alessandro Manzoni in den „Brautleuten“ verewigt und ins kollektiven Gedächtnis Eingang gefunden hat. Sie hat Zeichen hinterlassen – nicht nur in Venedig, wo die berühmte Kirche von Santa Maria della Salute der Madonna zum Dank für das Ende der Epidemie gebaut und gewidmet wurde. In Ferrara rief Erzbischof Gian Carlo Perego das Ereignis in Erinnerung. Wie bei anderen Katastrophen in der Vergangenheit soll eine Novene am Kreuz des Heiligen Lukas gebetet werden. Schon die Herzöge von Ferrara und Modena sowie Papst Urban III. verehrten es. „Pestepidemien – wie die von 1630 – Hungersnöte, Überschwemmungen und Kriege haben viele gläubige Ferraresen am Kreuz niederknien lassen. Ich lade euch ein, das Kreuz zu schauen und eine Novene vom 13. März bis 21. März zu begehen.“

Wer eine Messe zelebriert riskiert eine Anzeige

Das Gottesdienstverbot sorgt landesweit für Kritik und Spannungen. Bei RaiUno wehrt sich der römische Priester Don Mario gegen das Messverbot: „Ich bin Priester, und ich habe das Recht, meine Messe zu feiern, ohne dass die Regierung entscheidet.“ Die Moderatorin Mara Venier nennt ihn eine „öffentliche Gefahr“. Der Priester entgegnet: „Es ist ein christliches Recht, Christus zu empfangen.“ Vier Millionen Italiener schauen zu. Das Vikariat von Rom sieht sich gezwungen einzugreifen. Per Telefon teilt es mit: Messen sind in der Diözese Rom bis zum 3. April nicht mehr möglich.

Don Mario ist kein Einzelfall. Überall im Land verstoßen Priester gegen das Messverbot. Im veronesischen Trevenzuolo feiert Don Alberto mit 80 Gläubigen. Keine Glocken, kein Friedensgruß, die Leute stehen weit auseinander. Er wird bei den Carabinieri angezeigt. Ähnliches geschieht in der Provinz Pavia. Dort hält der 88jährige Don Antonio in Castello d'Agogna vor 8 Leuten eine Sonntagsmesse. Der Bürgermeister zeigt ihn an. Der Priester verteidigt sich: er nutze kein Internet, habe demnach keine E-Mail erhalten und sei von der Anordnung nicht unterrichtet worden. In Cuasso al Monte, in der Provinz Varese, gibt es mit Don Nicolo sogar einen Wiederholungstäter, der es ins Fernsehen geschafft hat. Das Satire-Programm „Striscia la notizia“ kündigt den Mann mit den Worten an: „Ein Priester folgt – trotz einer weltweiten Pandemie – seinen eigenen Regeln und bringt seine Gesundheit und die vieler Gläubiger in Gefahr.“

Nicht genug, dass der Mann offensichtlich auf Latein und mit dem Rücken zum Volk zelebriert, er glaube offensichtlich auch an das baldige Ende der Welt. Don Nicolo verteidigt sich: „Carlo Borromeo ging bei der Pest barfuß mit seinen Reliquien durch die Stadt und wir haben Angst vor einer Grippe.“ Don Nicolo feierte am 1. und am 8. März die Messe, ließ vorher die Gläubigen heimlich rein und schloss dann die Türe von innen. Dafür habe er sogar den Bürgermeister reingelegt, dem er gegenüber behauptete, er würde die Messe hinter verschlossenen Türen nur mit zwei Ministranten zelebrieren. Die Fernsehleute informierten den Erzbischof von Mailand und die Lokalpolizei.

Kein festliches Jubiläum

Mittlerweile haben die Verwerfungen den Papst erreicht. Am 13. März wurde das Pontifikat des Argentiniers 7 Jahre alt. Es war ein wenig festliches Jubiläum. Franziskus predigte: „Drastische Maßnahmen sind nicht immer gut. Möge sich das Volk Gottes von den Hirten und dem Trost des Wortes Gottes, der Sakramente und des Gebets begleitet fühlen.“ Nicht die Regierung, sondern Bischöfe und Vikare sind die Adressaten, weil sie den Gläubigen Steine in den Weg legten. Womöglich ist es der Beginn einer Revision. Die Kritik in den sozialen Netzwerken ist das eine. Die Kritik des Heiligen Vaters könnte sich dagegen als gewichtiger herausstellen als der Anruf in einer Talk-Show. Am selben Tag verkündet Kardinalvikar Angelo De Donatis Modifikationen am Dekret.

Den Heiligen Vater und die Behörden am besten verstanden, hat vermutlich Don Giuseppe Corbari. Der Pfarrer von Giussano hat auf den Kirchenbänken seiner Pfarrei Selfie-Fotos von Mitgliedern der Gemeinde platziert. Ein guter Weg, um die Gnaden der Messfeier und das umfassende Wohl der Menschen im Blick zu behalten.

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