Neapel

Wie ein Windhauch

Im Herzen der Altstadt von Neapel findet man den „Christo velato“ von Giuseppe Sanmartino, den verschleierten Leichnam Christi.

Napoli, Cappella Sansevero
Als habe man ihn erst vor wenigen Augenblicken abgenommen. Das auf weichen Kissen ruhende Haupt Jesu zeugt vom Leiden des Gottessohns. Foto: Foto:

Neapel sehen und sterben! Die malerische Enge der Gassen, die dunkeldräuende Silhouette des Vesuvius über der glitzernden Meeresbläue des weiten Golfes und nicht zuletzt das Sinken der roten Sonne bei Capri nebst nächtlicher Ausfahrt der Fischer – die süditalienische Metropole war Sehnsuchtsziel der Grand Tour, jener seit der Renaissance obligatorischen Bildungsreise für Adelssprösslinge und später des gehobenen Bürgertums.

Den etwas profanen Namen „Neapolis“ („Neustadt“) erhielt die Siedlung von griechischen Kolonisten, denen sie auch das rechtwinkelige Straßenraster verdankt, welches sich im Zentrum noch heute gut ablesen lässt. Der natürliche Seehafen und das fruchtbare Hinterland bescherten der Stadt eine jahrhundertewährende, florierende Prosperität, die auch das Reich der Römer überdauerte, welche wiederum von den Byzantinern beerbt wurden. Danach wechselten Normannen, Staufer, Anjou, Aragon, Habsburger und Bourbonen. Bis zur Gründung des modernen Italien war „Napule“, wie die Stadt in neapolitanischer Sprache genannt wird, als Kapitale des Reiches beider Sizilien ein pulsierendes Zentrum von Kunst und Kultur. Die Entdeckung der vom Vesuv verschütteten Römerstädte bescherte den dortigen Königen eine Kunstsammlung, mit der sich allenfalls der Papst messen konnte, und das Teatro San Carlo galt noch vor der Mailänder Scala als angesehenstes Opernhaus Europas.

Frühe christliche Zeugnisse

Das Christentum soll in Neapel schon im 1. Jahrhundert Fuß gefasst haben; bezeugt ist es seit dem 4. Jahrhundert. Die prominenteste Figur im Reigen der dortigen Bischöfe ist San Gennaro, der unter dem Applaus der Gläubigen jährlich sein Blut verflüssigt. Gefährlich wird's, wenn der Heilige das Wunder versagt und die dunkle Masse in dem Reliquiar klumpig bleibt, denn dann drohen Erdbeben und Vulkanausbrüche. Nicht zuletzt aus diesen handfesten Sorgen heraus haben die Neapolitaner ihrem Patron eine Vielzahl von kostbaren, edelsteinbesetzten Votivgaben dargebracht, die heute eine veritable Schatzkammer zieren.

„Wenn es nicht wahr ist, so ist's doch gut erfunden.“
Reiseführerweisheit

Ein anderer Schatz, ja, ein Wunder der christlichen Bildhauerei, findet sich im Herzen der Altstadt, in der Cappella Sansevero. Schon die Anfänge des Kirchleins sind legendenumwoben. Eine Volkslegende besagt, dass ein während eines Gefangenentransports geschehener Mauereinsturz ein bis dahin verborgenes Bild der gnadenreichen Gottesmutter freigelegt habe, wodurch die Unschuld des Delinquenten bezeugt worden sei. Neuere Hypothesen erklären das Patrozinium der Mater Pietatis (neapolitanisch: „Pietatella“) mit einer Sühnekapelle zur Erinnerung an einen Prinzen Carafa, der vom ebenso hochadeligen wie skandalumwitterten Madrigalkomponisten Carlo Gesualdo ermordet worden war; zusammen mit der ungetreuen Ehefrau und einer Tochter mit unklarer Vaterschaft. Im Zweifelsfalle gilt die Weisheit geschmeidiger Reiseführer: „Wenn es nicht wahr ist, so ist's doch gut erfunden.“ Eine Bauinschrift zumindest besagt, dass die Kapelle von Alessandro di Sangro, dem Titularpatriarchen von Alexandria, im Jahr 1613 geweiht wurde – als Grablege für sich und die seinen; der spätere Erzbischof von Benevent entstammte dem Fürstenhaus Sansevero, das in dieser Gegend Neapels Grundbesitz hatte.

Kleinod im Verborgenen

Das in der Nähe des Dominikanerkonvents gelegene, winzige Gotteshaus findet nur, wer danach sucht. Die Fassade des Eckgebäudes zieren zwar einige ungelenk platzierte Monumentalpilaster, die aber aufgrund der Enge des umliegenden Gassenlabyrinths keine Wirkung entfalten können. In schärferem Kontrast zur Spärlichkeit des Äußeren könnte die Üppigkeit der Innenausstattung dagegen kaum stehen. Die überquellende Fabulierfreude des neapolitanischen Barocks zündet hier ein Feuerwerk an Farben und Formen. Die Wände sind mit verschiedenen Marmorsorten verkleidet bis hinauf zur lichten Fensterzone, über der das Fresko von Francesco Maria Russo einen Blick auf die Glorie des Paradieses eröffnet.

Die Seiten der Kapelle werden von Rundbögen durchbrochen, zwischen denen sich flache Nischen mit den statuengeschmückten Grabmonumenten der Fürsten von Sansevero öffnen. Wandpfeiler gliedern die Wände, vor denen zehn lebensgroße Marmorskulpturen eine Versammlung von Tugenden repräsentieren. Ein Engel etwa assistiert Francesco Queirolos „Disinganno“; einer bärtigen Männerfigur, welche die Enttäuschung symbolisiert und sich aus einem Netz schält, dessen Maschen samt der darunter herausblitzenden Nacktheit so lebensecht gestaltet sind, dass es schlicht undenkbar ist, wie alles aus einem einzigen Marmorblock herausgehauen, -gebohrt und -geschliffen werden konnte. Antonio Corradinis „Pudicizia“ präsentiert sich als dralles Weib, dessen vollendete Rundungen aber von einem Hauch von Nichts verschleiert werden – vom Scheitel bis zur Sohle, so wie es von der Tugend der Keuschheit zu erwarten ist.

Ein großes Meisterwerk der Rokokoplastik

Absoluter Höhepunkt des Statuenprogramms aber ist der zu den größten Meisterwerken der Rokokoplastik zählende, zentral im Kirchenschiff positionierte „Cristo velato“ von Giuseppe Sanmartino; der verschleierte Leichnam Christi. Als habe man ihn erst vor wenigen Augenblicken abgenommen, ruht der Körper des Gekreuzigten inmitten der Kapelle. Unter den transparent wirkenden Falten des Grabtuchs zeichnet sich der Körper des Heilands ab; deutlich sind an Händen und Füßen die Wundmale der Kreuzesfolter zu erkennen. Das geneigte, auf zwei weichen Kissen ruhende Haupt Jesu zeugt vom Leiden des Gottessohns; die Dornenkrone lagert zu seinen Füßen. Das die gesamte Gestalt bedeckende, sich bauschende und an den Rändern bestickte „Tuch“ wirkt dabei so leicht, dass man glaubt, der leiseste Windhauch könne den schweren Marmor bewegen. Es ist unmöglich, sich dem Banne dieses surrealen Anblicks zu entziehen. So echt wirkt der Faltenwurf, dass immer wieder geraunt wurde, bei der Gestaltung habe der Hausherr der Kapelle und Auftraggeber der Statuen persönlich die Finger im Spiel gehabt und dazu die übernatürlichen Künste der Alchemie bemüht.

Freimaurersymbole in der Kapelle

Der siebente Fürst von Sansevero, Raimondo di Sangro, nach dessen Maßgaben die Familiengrablege ab den 1740er Jahren neu gestaltet wurde, war Erfinder, Schriftsteller und Wissenschaftler. Für den König ließ er wasserdichte Mäntel herstellen; er erfand unter anderem eine Meereskutsche mit Schaufelradantrieb, eine „ewige Lampe“ mit sparsamem Verbrauch, stellte Kunstseide her sowie künstliches Wachs. Darüber hinaus entwickelte er ein Verfahren zum Mehrfarbendruck und experimentierte mit neuartigen Metalllegierungen. Außerdem war der Fürst – wie viele Adelige der Zeit – praktizierender Freimaurer; in der Kapelle lassen sich daher zahlreiche esoterische Symbole dieser Geheimgesellschaft finden.

Von seinem Interesse für Anatomie zeugen auch die in der Krypta ausgestellten Wachsmodelle von menschlichen Körpern, an denen man das Geflecht von Adern und Muskeln studieren kann und die der Capella Sansevero einen tourismusträchtigen Gruseleffekt verleihen. Die meisten seiner technischen Erfindungen sind verloren, schlecht dokumentiert oder vergessen worden. Was bleibt, ist das Wunder seiner Grabkapelle.

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