Altötting

Wichtige Nebenhandlung

Das „Goldene Rössl“ ist ein kleines, aber feines Altärchen aus dem frühen 15. Jahrhundert – wegen einer „Privatesse“ wurde es berühmt.

Goldene Rössl
Glanz und Anbetung: Das "Goldene Rössl" besticht durch Akribie. Foto: Foto:

Mord und Totschlag unter Blutsverwandten, Rufmord und Verleumdung zwischen politischen Rivalen und heilige Jungfrauen – kaum einer, der heutzutage bewundernd vor dem größten Schatz der Altöttinger Schatzkammer, dem „Goldenen Rössel“, steht, ahnt etwas von den robusten Zeitläufen, unter denen dieses Meisterwerk der spätmittelalterlichen Goldschmiedekunst entstanden ist und wie es nach Bayern kam.

Nur 62 Zentimeter ist das Hausaltärchen hoch, 45 breit und 27 Zentimeter tief. Im Zentrum thront Maria mit dem Jesuskind über einer mit französischen Lilien geschmückten Altarmensa, auf der ein wiesengrünes Altartuch gebreitet liegt. Die Farbigkeit des Altarschmucks alludiert mit der Thematik des Altarauszugs, denn die Madonna hat sich in einer Gartenlaube niedergelassen, an deren Spalier sich goldene Blumen und Früchte emporranken, die mit einer Fülle von Saphiren, Rubinen und Perlen besetzt sind. Jugendliche Heilige knien zu beiden Seiten der Gottesmutter; der heilige Täufer Johannes und der gleichnamige Evangelist sowie die Heilige Katharina von Siena, die dem Christusknaben die bräutliche Hand reicht.

Goldgetriebene Figuren

Die Architektur ist über vergoldetem Silber gearbeitet, alle Figuren sind goldgetrieben mit emaillierten Gesichtern und Gewändern – kostbare Arbeiten von außerordentlicher Lebendigkeit, zweifelsohne. Doch das eigentlich Spektakuläre an diesem in der Morgenröte der Neuzeit entstandenen Juwel ist die „Nebenhandlung“, die sich vor diesem miniaturisierten Marienaltar entspinnt und von der das Kunstwerk seinen heutigen Namen hat. In einer für das Mittelalter nie dagewesenen Weise fing der unbekannte französische Goldschmied einen Moment intimer Privatesse ein. Als wäre er einer spontanen Eingebung gefolgt, hat König Charles VI. von Frankreich seinen Reitausflug unterbrochen und sein Pferd, einen edlen Schimmel, seinem Stallknecht überlassen, der sich nun müht, das nervös tänzelnde Tier, das golden gezäumte „Rössel“, zu bändigen.

In Begleitung seines Jagdhundes und nur eines Ritters stieg er über einen der beiden seitlichen Treppenläufe auf die säulengetragene Plattform empor, um vor dem Madonnenaltar zur Andacht niederzusinken. Der König trägt einen lilienbesäten Mantel über seiner goldenen Plattenrüstung; den bekrönten Helm hat er vor dem Niederknien seinem Begleiter übergeben, der ihn nun hält, während der Monarch die Hände zum Gebet gefaltet hat. Die Höflinge tragen taillierte Schecken, also schenkellange Obergewänder mit weit flatternden Tütenärmeln und dazu Beinlinge im modischen „Mi-Parti“, das heißt mit unterschiedlichen Farben an jedem Bein.

Ein Polterabend wurde zum Verhängnis

Aus einem zeitgenössischen Inventar wissen wir, dass dieser Gipfelpunkt Pariser Hofkunst von Königin Isabeau de Baviere in Auftrag gegeben wurde, als Geschenk für ihren Gatten zum Neujahrstag 1404. 1385 hatte die bayerische Herzogstochter im Alter von nur 15 Jahren ihren Charles VI. geheiratet. Das Land ihres zwei Jahre älteren Bräutigams aber war von der Pest und dem immer wieder aufflammenden Hundertjährigen Krieg geschwächt. Charles' Vater war es zwar gelungen, die Engländer zu vertreiben, aber Frankreich wurde inzwischen von dessen Brüdern ausgeplündert, die als „Regentschaft der Herzöge“ für den minderjährigen König regierten. Erst nach drei Jahren konnten die Onkel entmachtet werden. Der junge König aus dem Hause Valois war zwar gutmütig, erwies sich aber als geistig labil; 1393 wurde ihm ein „Charivari“ zum Verhängnis, ein ausschweifender Polterabend.

Zusammen mit fünf Freunden ließ er sich mit Pech beschmieren und mit Federn bestreuen, um die versammelte Ballgesellschaft zu necken. Verspätete Gäste – unter ihnen der Bruder des Königs – wollten, neugierig geworden, wissen, wer denn solch grotesken Schabernack triebe. Dabei kam man den sechs Wilden Männern mit einer Fackel zu nahe, die Kostüme fingen Feuer; einer konnte in ein Weinfass springen, aber vier verbrannten bei lebendigem Leibe und starben in den folgenden Tagen. Der 25-jährige König hatte sich zwar unter das Kleid einer Hofdame retten können, das die Flammen erstickte, doch über der Tragödie verfiel er der Schwermut. Aus dem vielgeliebten Charles le Bien-Aimé wurde Charles le Fou, Karl der Wahnsinnige.

Wieder musste ein Regentschaftsrat eingesetzt werden. Isabeau de Baviere gelang es, ihren Bruder Ludwig in das Gremium zu berufen und ihm eine stattliche Jahrespension auszusetzen. War die königliche Kasse einmal nicht liquide, so ließ sich der Bayernherzog die Apanage in Kunstwerken auszahlen, unter anderem mit dem „Goldenen Rössel“. Bald machten Gerüchte die Runde, die Königin verschleudere den französischen Kronschatz ins Ausland. Der Regentschaftsrat spaltete sich indes in zwei Parteien auf, wobei sich das weiß-blaue Duo zunächst auf die Seite von Charles' jüngerem Bruder Louis schlug, dem Herzog von Orléans, der gegen den Herzog der Bourgogne intrigierte. Zwischen den verschiedenen Zweigen des Königshauses wurde in den Folgejahren deftig gemeuchelt, wobei Ludwig von Bayern als Regent immer mächtiger wurde.

Die politischen Intrigen spitzten sich zu

1407 aber brach unter den Valois offener Bürgerkrieg aus. Die Königsfamilie musste fliehen, geriet in Gefangenschaft, wurde befreit und abermals in Haft genommen. Gleichzeitig liebäugelten beide Parteien mit dem Erzfeind England als Bündnispartner.

Da im Streitfall sich der Dritte stets freuen kann, marschierte der englische König 1415 erneut in Nordfrankreich ein; der Hundertjährige Krieg ging in die nächste Runde. Isabeau war auf sich gestellt, denn der Bruder hatte Frankreich schon anfangs des Jahres verlassen, um als Herzog Ludwig der Gebartete sein Erbteil in dem in vier Teilherzogtümer gespaltenen Bayern zu verteidigen und beim Hauen und Stechen innerhalb des Hauses Wittelsbach mitzumischen. Auf dem Konstanzer Konzil entging er nur knapp einem Mordanschlag seiner Landshuter Verwandten.

In Frankreich neigte sich die Waagschale unterdessen zugunsten des Herzogs der Bourgogne und der mit ihnen verbündeten Engländer. Isabeau sah sich gezwungen, ihre Tochter Cathérine mit Henry IV. vermählen zu lassen, der zur englischen auch noch die Krone Frankreichs erhalten sollte; ihr eigener Sohn Charles, der eigentliche Dauphin und Thronerbe Frankreichs, wurde von der Thronfolge ausgeschlossen. Die Verleumdungskampagne gipfelte in der Behauptung, die Königin habe höchstselbst bestätigt, dass der Dauphin illegitim sei, da nicht ehelich empfangen. Weiteren Eroberungszügen der Engländer in Frankreich schien also nichts mehr im Wege zu stehen; bis eine Jungfrau, im Vertrauen auf die von ihr vernommenen Stimmen, sich zur Burg Chinon aufmachte, um dem dort ausharrenden Thronerben ins Gewissen zu reden – Jeanne la Pucelle, die Heilige Johanna von Orléans.

Zum Ausgleich von Kriegsanleihen

Das „Goldene Rössel“ kam mit Reliquien und anderen Kunstwerken zunächst nach Ingolstadt und nach dem Aussterben der Ingolstädter Linie der Wittelsbacher in den Besitz der niederbayerischen Herzöge. 1506 wurde es zum Ausgleich von Kriegsanleihen nach Altötting gebracht, wo es wie durch ein Wunder die Wirren der Zeiten überdauerte, während etwa die ähnlich, aber noch aufwändiger gestaltete „Ingolstädter Gnad“, eine Madonna, vor der auch Isabeau als kniende Stifterin im Rautenwappenkleid dargestellt war, 1801 als „überflüssiges Kirchensilber“ eingeschmolzen wurde. Sic transit gloria mundi.

 

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