Wenn Stars das Zeitliche segnen

Lagerfeld & Co.: Vielen Menschen geht der Tod von Prominenten unter die Haut. Von Paula Konersmann (KNA)

Es gibt Dinge, von denen jeder weiß, dass sie irgendwann passieren werden – aber heimlich hofft, dass sie doch nicht eintreten. Der Tod eines verehrten Stars oder Kindheitshelden ist eine solche Sache. In den vergangenen Wochen schienen die Celebrities gleich reihenweise abzutreten. Zuletzt wurde am Montag der Tod von Keith Flint bekannt gegeben, Sänger der einzigartigen Bigbeat-Band „The Prodigy“; abends dann das Ableben von Schauspieler Luke Perry, der in „Beverly Hills 90210“ Teenagerherzen in aller Welt höher schlagen ließ.

Es sterbe immer ein Teil von einem selbst, wenn diejenigen „die Welt verlassen, die dich beim Erwachsenwerden begleitet haben“, schrieb jemand auf Twitter. Im Internet findet die kollektive Anteilnahme ohne Zeitverlust Raum. Die allerwenigsten kannten etwa Modeschöpfer Karl Lagerfeld, Talk-Talk-Sänger Mark Hollis oder Schriftstellerin Rosamunde Pilcher persönlich – aber alle wurden sie in den vergangenen Wochen unter dem Hashtag #RIP verabschiedet. Dieses gemeinsame öffentliche Trauern kann für den Einzelnen ein hilfreiches Ritual sein, sagt Tobias Pehle. Der Sprecher der „Initiative Kulturerbe Friedhof“ nennt als Beispiel die unzähligen Blumen und Kerzen, die an solchen Tagen an früheren Wohnhäusern und Wirkungsstätten der Verstorbenen niedergelegt werden. Auch kritische Stimmen lassen nie lange auf sich warten. Manche finden die Information, dass sie einen Promi nicht kannten oder nicht mochten, immerhin relevant genug für diverse Tweets und Online-Kommentare. Andere behaupten, wer um einen Schauspieler oder einen Musiker trauere, vergesse das Leid in Kriegsregionen – oder die Nöte der Menschen im eigenen Umfeld.

Der englische Soziologe Tony Walter weist darauf hin, dass es verschiedene Formen von Trauer gibt. So sei es in allen Epochen und Gesellschaften üblich gewesen, herausragende Persönlichkeiten nach deren Tod zu würdigen. Dabei handle es sich eher um ein stilles Innehalten, das nicht mit dem tiefen Schmerz eines persönlichen Verlustes verwechselt werden sollte. Vor einer „Vereinnahmung des Todes“ durch die Medien warnt Oliver Wirthmann, langjähriger Geschäftsführer des Kuratoriums Deutsche Bestattungskultur. „Wir erleben eine Form der öffentlichen Trauer, die zeigt, dass die Gesellschaft einen öffentlichen Kodex braucht“, erklärt er. Öffentliche wie private Trauer dürfe nicht „in Floskeln und Leerformen“ erstarren, vielmehr sollten persönliche Zeugnisse zugelassen werden. Niemand trauere „auf seiner eigenen Insel. Im Gegenteil, wir leben alle auf einer großen Insel.“ Dieser Insel, so scheint es einigen Zeitgenossen zu gehen, kommen in diesen Tagen zahlreiche vertraute Gestalten abhanden. Der Lauf der Welt? Oder gibt es Phasen, in denen für besonders viele Berühmtheiten der letzte Vorhang fällt?

Das Jahr 2016 etwa ging als schwarzes Jahr in die Musikgeschichte ein – starben doch damals mit David Bowie, Prince, Leonard Cohen und George Michael gleich mehrere Ausnahmekünstler. Am Dienstag zeigte Chanel in Paris die letzte Kollektion, die unter Modezar Lagerfeld entstanden war. Die Trauerfeier, die einige Tage zuvor im kleinen Kreis stattfand, hatte er genau geplant. Zu Lebzeiten gab er die Parole aus: „Lieber sterben als beerdigt zu werden.“ Ein Kontrast zu jener „Eventtrauer“, die sich nach Aussage Wirthmanns spätestens mit dem Tod von Lady Diana 1997 verbreitet hat. Wer angemessen trauert und wer nicht, ist von außen schwer zu beurteilen.

Vor Selbstgerechtigkeit warnt das Ratgeber-Magazin „gedenkseiten.de“: Künstler schenkten Menschen Freude, Autoren begleiteten sie als Mentoren, Denker beeinflussten die Gesellschaft. Über den Tod eines solchen Menschen könne man „echte Trauer empfinden“. Der britische Journalist Darren Richmann formuliert es so: „Schämt euch nicht, eure Helden zu betrauern. Von Kunst bewegt zu sein, ist eine der Sachen, die das Leben lebenswert machen.“