Wasser, das gefährdete Gut

Konferenz aus Anlass der Weltwasserwoche – Weltweit sterben Menschen, weil dieses Grundnahrungsmittel nicht sauber ist

„Wir haben Wasser!“, verkündete Professor William Boynton von der Universität in Ari-zona euphorisch. Die US-Sonde „Phoenix“ hatte zum ersten Mal Wassereis im Sand des unerforschten Mars ausgegraben, das in einem Labor verdampft wurde. Nachdem die Proben an Bord der US-Sonde erhitzt worden waren, war der endgültige Beweis erbracht, dass Wasser auf dem Mars vor-kommt. Für die Forscher ein großer Schritt, für die dürstenden Bewohner des Saharagürtels eine eher nutzlose Erkenntnis. Während die US-Forscher noch jubeln und inzwischen die „Phoenix“-Mission bis September verlängert haben, steht der jordanische Bauer Jussuf vor seinem ausgetrockneten Brunnen. Der 52-Jährige ist der Verzweiflung nahe: Ein Pumpenwerk in der Nachbarschaft seines Feldes hat ihm buchstäblich das Wasser abgegraben.

Jordanien gehört zu den zehn Ländern mit den geringsten verfügbaren Wasservorräten pro Einwohner. Die Menschen konkurrieren mit der Industrie um das kostbare Gut. Zunehmend werden deshalb auch die Grundwasservorräte regelrecht ausgebeutet, die sich nicht mehr durch Regenfälle erneuern können. In einigen Gebieten Jordaniens hat das bereits zur Absenkung des Grundwasserspiegels um ein bis zwei Meter pro Jahr geführt. Brunnen und Feuchtgebiete trocknen aus.

Auch das Risiko der Verschmutzung von Wasser steigt weltweit. Salzhaltiges Wasser sickert ins Grundwasser, Düngemittel, Pflanzenschutzmittel, Müll und ungeregelte Abwässer belasten die Trinkwasservorräte und sind so für erhebliche Gesundheitsrisiken mitverantwortlich. Fast eine Milliarde Menschen – vor allem im südlichen Afrika – haben keinen Zugang zu sauberem Wasser. Und noch einmal mehr als doppelt soviel haben keinen Zugang zu sanitärer Versorgung. 80 Prozent aller Krankheitsfälle in Entwicklungsländern sind so auf unzureichende Wasserversorgung und Abwasserentsorgung zurückzuführen. Über 5 000 Kinder sterben täglich an Auszehrung infolge von Durchfall.

Zurück nach Jordanien. Der Schutz der Wasserressourcen ist Schwerpunkt der Zusammenarbeit zwischen der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) und den jordanischen Wasserbehörden. Diese verfügen noch nicht über das ausreichende Fachwissen, die Wasserprobleme im eigenen Land zu lösen. Ein Ziel der Zusammenarbeit ist es, den Schutz des Grundwassers gesetzlich zu verankern.

Außerdem haben die deutschen Experten Karten erstellt, die erkennen lassen, wie stark das Grundwasser verschmutzt ist. Behörden, die für die Vergabe von Landnutzungsrechten zuständig sind, können damit die Genehmigung und den Bau von Deponien, Kläranlagen und Industriestandorten so steuern, dass Wasserressourcen geschont werden. Es wurden bereits mehrere Schutzgebiete für Grundwasser abgegrenzt.

Extrem knapp ist das Wasser auch im Je-men. Immer tiefere Brunnen müssen gegraben werden, der Grundwasserspiegel sinkt weiter. Nur 130 Kubikmeter stehen dort pro Kopf und Jahr durchschnittlich zur Verfügung. Als notwendiges Minimum gelten 500 Kubikmeter. Ein Westeuropäer dagegen kommt mit morgendlicher Dusche, Kaffeewasser, Toilettenspülung plus einer Fahrt mit seinem Wagen durch die Autowaschanlage schnell auf über einhundert Liter Wasser pro Tag. Vom Verbrauch der Industrie gar nicht zu reden.

Der britische Umweltwissenschaftler Tony Allan, der für seine Beiträge zum Verständnis der politischen Ökonomie des Wassers auf der Stockholmer Weltwasserwoche den Wasserpreis 2008 erhält, prägte für diese Zusammenhänge den Begriff des „virtuellen Wassers“. Virtuell deshalb, weil nach seinen Berechnungen alles, was mittelbar und unmittelbar für die Herstellung einer Tasse Kaffee, also 0,2 Liter Wasser, notwendig ist, zuvor einen Wasserverbrauch von 140 Litern verursacht habe, virtuelles Wasser also. Steigen die Ansprüche und Lebensgewohnheiten der Gesellschaften weiter, beispielsweise in dem Wachstumsland China, dann schnellt auch der Wasserverbrauch in die Höhe. Der Kampf gegen die Armut hat also auch ambivalente Seiten, denn jeder, dem es besser geht, trägt mit seinem Verhalten dazu bei, dass die Ressourcen noch schneller knapper werden.

Dass das Gut Wasser knapper wird, birgt die Gefahr von Konflikten. Das war beispielsweise schon von 1962 bis 1964 so, nachdem Israel und Syrien ihre Wasserableitungsprojekte gegenseitig unter Beschuss genommen hatten. Auch wenn es seit den sechziger Jahren keine Wasserkriege mehr gegeben hat, so könnte sich dies bei katastrophalen Dürreperioden, die die Existenz von Millionen Menschen bedrohen, über Nacht ändern.

Auch die wirtschaftliche Nutzung von Wasser im großen Stil kann zu Konflikten führen. Das Südostanatolien-Projekt in der Türkei mit zwei Dutzend Dämmen und Wasserkraftwerken etwa führt zu Argwohn der Nachbarn Syrien und Irak, die die Türkei verdächtigen, sie wolle die Wasserversorgung aus Euphrat und Tigris später vor allem zu ihrem eigenen Vorteil regulieren.

Alle diese Probleme werden seit Montag bis 23. August von über 2 000 Experten während der aktuellen Weltwasserwoche in Stockholm verhandelt. Diese wird jährlich vom Stockholm International Water Institute (SIWI) veranstaltet. Der Schwerpunkt der Weltwasserwoche liegt in diesem Jahr auf dem Thema der sanitären Grundversorgung. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) wird mit der KfW Entwicklungsbank und der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) mehrere Veranstaltungen auf der Konferenz organisieren. Neben sanitärer Grundversorgung geht es dabei auch um den Zusammenhang zwischen Klimawandel und Wassermanagement.