Wälder bald nur noch „Rohstofflieferanten“?

Eine neue „Waldstrategie“ der Bundesregierung verstört Naturschützer und Opposition. Von Markus Blömeke

Erinnert ein wenig an die Kuppel des Reichstags: Der begehbare Baumturm des Baumwipfelpfades im Nationalpark Bayerischer Wald nahe Neuschönau. Foto: dpa
Erinnert ein wenig an die Kuppel des Reichstags: Der begehbare Baumturm des Baumwipfelpfades im Nationalpark Bayerischer... Foto: dpa

In der Bundespolitik geht zurzeit eine Geschichte um. Erzählt wird sie in zwei Varianten. In beiden geht es um den deutschen Wald. In der ersten Variante geht es dabei um eine aktuelle Strategie der Bundesregierung zu einer „nachhaltigen Forstwirtschaft“. In der zweiten geht es um die geplante Umfunktionierung des Waldes zu einem „Holzlager“. Wer sich auf Wahrheitssuche begibt, muss sich durch ein Dickicht aus Halbwahrheiten schlagen, durch ein Unterholz aus Auslassung und Täuschung.

Es war im Oktober 2010, als die Bundesregierung den Bundestag über ihr Vorhaben einer neuen „Waldstrategie“ informierte. Opposition und Naturschützer schrien auf. Was folgte, waren Protestbriefe von Umweltverbänden an die Bundeskanzlerin und an den Umweltminister, dann kamen Presseerklärungen und eine Expertenanhörung im Bundestag. Kurz vor der parlamentarischen Sommerpause schließlich war es soweit: Der Deutsche Bundestag debattierte zum vorerst letzten Mal über die „Waldstrategie 2020“. Gerade einmal ein paar Minuten hatte die Tagesordnung hierfür vorgesehen; der Punkt war eingeklemmt zwischen parlamentarischen Nebenthemen, zu verhandeln ab 21.05 Uhr. Zu einer Zeit also, zu der der Plenarsaal des Bundestages einer Bar kurz vor Geschäftsschluss gleicht. Das Interesse der Medien war bescheiden.

„Schirm Dich Gott, Du schöner Wald“, dichtete einst auf dem Höhepunkt der Deutschen Romantik Joseph von Eichendorff. Für den täglichen Schutz der Forste und der wenigen Naturwälder ist allerdings noch jemand anderes zuständig. Naiv könnte man annehmen, dass es das Bundesumweltministerium ist. Tatsächlich aber ist es die „Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz“, Ilse Aigner (CSU). Aigners Ministerium ist in sechs Abteilungen gegliedert. In keinem der Abteilungsnamen taucht das Wort „Wald“ auch nur auf. Dafür ein anderes: „Forstwirtschaft“.

„Wälder sind tief in unserer kulturellen Identität verwurzelt“, hatte Ilse Aigner im vergangenen Jahr notieren lassen. Lyrik und Malerei haben den „Deutschen Wald“ einst zu einem mystischen Sehnsuchtsort verklärt. „Bäume predigen das Urgesetz des Lebens“, konstatierte Hermann Hesse. Doch nicht ein göttliches Urgesetz legt fest, wie es mit Deutschlands Wäldern weitergehen soll, sondern Generalpläne der Exekutive. Die neueste „Waldstrategie 2020“ hat Aigners Ministerium vorgestellt, die Ministerin höchstpersönlich das Vorwort unterzeichnet.

„Der Wald braucht uns, aber vor allem brauchen wir den Wald“, steht dort. Was folgt sind drei Dutzend Seiten, die illustriert sind mit Naturmotiven und mit jeder Menge rustikaler Zerstörung: Ein Waldarbeiter mit Kettensäge, eine riesige Baumfällmaschine mit der Optik einer außerirdischen Invasionsapparatur, schließlich das Bild eines großzügig mit Holz verkleideten Wohnzimmers.

„Nachhaltige Waldbewirtschaftung – eine gesellschaftliche Chance und Herausforderung“ heißt der Bericht im Untertitel. Wer das zweimal liest, dem erschließt sich, worum es derzeit tatsächlich geht: Der Rohstoff „Holz“ ist so knapp und teuer wie lange nicht; erst recht, seit Pellets zum Heizen auf dem Weltmarkt umgeschlagen werden wie früher nur Öl und klassisches Schüttgut. Eine „Holzlücke“ ist entstanden, die nicht von der Nachfrage der Möbelindustrie herrührt, sondern von der neuen Beliebtheit von Holz als Brennstoff. „Energiewende treibt Raubbau am Wald voran“, titelte daher die sonst verlässlich Energiewende-freundliche „tageszeitung“.

Als ein Entwurf zur „Waldstrategie 2020“ erstmalig an die Öffentlichkeit geriet, hatten Umwelt- und Naturschutzverbände in ganz Deutschland getobt. Am liebsten hätte das Ministerium seine Pläne wohl ganz geheim gehalten: Der Diplom-Forstwirt László Maráz, Waldexperte beim „Forum Umwelt und Entwicklung“, hatte sich erst mühsam gegenüber Aigners Beamten sein Recht erkämpfen müssen, die Akten zu den Plänen des Ministeriums überhaupt einsehen zu dürfen. Die Regierung wolle den Wald zum „Rohstofflieferanten“ herabstufen, schimpfte der „Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland“ (BUND). Mit einer „Axt im Walde“ verglich die „Frankfurter Rundschau“ die Ministerin. Die Organisation „Greenpeace“ sah in Aigners Vorhaben gar eine „maßgeschneiderte Strategie“ für die Holzindustrie, die lediglich ihre „sektoralen Interessen“ durchsetzen wolle. Die wiederum setzt jährlich 170 Milliarden Euro um.

Genützt haben alle Proteste außer- und innerparlamentarischer Art wenig. Zuerst wanderte das Thema in den Landwirtschaftsausschuss des Bundestags, in dem die Koalitionsfraktionen wie üblich die Mehrheit stellen. Der Landwirtschaftsausschuss lud Sachverständige zu einer öffentlichen Expertenanhörung. Sechs der Sachverständigen waren Lobbyisten für die Sache der deutschen Waldbesitzer, der Holz- und der Forstindustrie. Nur zwei Sachverständige waren für den Umwelt- und Naturschutz geladen. Am Ende gab der Landwirtschaftsausschuss erwartungsgemäß eine „Beschlussempfehlung“ pro „Waldstrategie“ ab, die das Bundestagsplenum mit den Stimmen der Koalition und gegen die Stimmen der Opposition abnickte.

Nordrhein-Westfalens Umweltminister Johannes Remmel, ein „Grüner“, hat kürzlich eine eigene Waldstrategie vorgestellt. Er nennt sie „Waldstrategie 2050“. Auch Remmel befürchtet eine „Holzlücke“, allerdings ganz anderer Art: Dreiviertel des Waldes in Nordrhein-Westfalen (NRW) gelten schon jetzt als krank.