Vorbei am „Tor zur Freiheit“

Im zentralen Aufnahmelager Friedland finden Christen aus Syrien Schutz vor islamistischer Verfolgung. Von Benedikt Vallendar

Die Wartezeit überbrücken die Männer in Friedland mit Domino. Foto: Vallendar
Die Wartezeit überbrücken die Männer in Friedland mit Domino. Foto: Vallendar

Friedland/Göttingen (DT) Nie wird Julya Nasrallah den Moment vergessen, als sich die Bustür auf dem Parkplatz vor dem Grenzübergangslager in Niedersachsen öffnete und ihr Menschen Blumen und Plakate mit der Aufschrift „Welcome in Germany“ entgegenhielten. „Endlich in Sicherheit, das war mein erster Gedanke, als ich in Friedland ankam“, sagt die 24-Jährige. In diesem Augenblick lag eine mehrmonatige Odyssee durch den Nahen Osten hinter Julya und ihrer Familie. Die junge chaldäische Christin aus Syrien und ihre Familie haben inzwischen ein vorübergehendes Bleiberecht erhalten. Vorsichtig nippt Julya an einer Tasse Kaffee. Die zierliche Frau fröstelt. Trotz Frühling sind das Temperaturen, die sie aus Jordanien, wo sie vorher gelebt hat, nicht kannte.

Das Lager Friedland ist ein „Kind“ des Zweiten Weltkrieges und verdankt seine Entstehung den britischen Besatzungsbehörden. Friedland war in der unmittelbaren Nachkriegszeit erste Anlaufstation für Vertriebene und Soldaten, die Jahre in sowjetischer Gefangenschaft verbracht hatten. Noch heute erinnert eine schwere Glocke im gegenüber stehenden Kirchturm von Sankt Norbert an die Anfänge des Lagers.

Die berühmte Friedland-Glocke bedeutete für Generationen von Heimkehrern und Flüchtlingen das „Tor zur Freiheit“, wie es noch heute auf einem braun-weißen Schild an der Autobahnabfahrt hinter Göttingen heißt. An wohl kaum einem anderen Ort werden in Deutschland auf engstem Raum so viele Sprachen gesprochen wie hier, müssen Menschen aus verschiedenen Kulturen über Wochen und Monate miteinander auskommen. „Das fängt beim Küchendienst an und hört beim Musikhören in den Unterkünften auf“, sagt Martin Steinberg, der evangelische Standortpfarrer in Friedland. Er hat ein offenes Ohr für alle, die ihn darum bitten, weiß aber auch um die Schattenseiten des Lagerlebens. „Es gibt hier leider auch Kriminalität“, sagt Steinberg.

Manche Flüchtlinge werden von organisierten Banden, die bereits lange in Deutschland ansässig sind, schon kurz nach ihrer Ankunft unter Druck gesetzt, sich auf dunkle Geschäfte einzulassen. Doch besonders dreist führten sich mitunter Versicherungsvertreter auf, die abends, wenn nur noch der Wachdienst da ist, urplötzlich in den Baracken auftauchen und den ahnungslosen Neuankömmlingen Verträge unterschieben, die sie nicht oder nur teilweise verstehen.

Seit Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs kommen fast wöchentlich christliche Flüchtlinge nach Friedland, das nur zwei Kilometer von der ehemaligen innerdeutschen Grenze zu Thüringen entfernt liegt. Unter ihnen sind Verheiratete und Alleinstehende, und auch solche, die mit ihren Verwandten ausreisen konnten. Zu viert oder sechst leben die christlichen Flüchtlinge in knapp 17 Quadratmeter großen Zimmern, ähnlich wie in einer Kaserne. Friedland ist auch eine sogenannte Inlandsresidentur des Bundesnachrichtendienstes (BND).

Zur Aufnahmeprozedur gehört auch oft eine Vernehmung durch den deutschen Auslandsnachrichtendienst. Anschließend werden die Flüchtlinge, deren Aufenthaltsstatus in der Regel erst einmal auf drei Jahre begrenzt ist, nach einem festen Schlüssel bundesweit auf Städte und Gemeinden verteilt, können dort ihr neues Zuhause beziehen.

Unterstützung bekommen die Neuankömmlinge von kirchlichen Organisationen wie der katholischen Caritas oder der Diakonie. Und von der evangelischen Kirche, die im Lager Friedland ein eigenes Büro unterhält. Und wenn es mit der Verständigung hapert, hat Pfarrer Steinberg in seinem Handy stets die Nummern diverser Dolmetscher gespeichert, die er bei Bedarf auch kurzfristig kontaktieren kann. „Als erstes muss ich Deutsch lernen“, sagt Julya in relativ fließendem Englisch. Das sei im Moment das Wichtigste, sagt sie. Danach würde sie gerne Floristin werden, obwohl das mit ihrem bisherigen Job nicht viel zu tun habe. In Damaskus hat Julya in einem großen Hotel gearbeitet. „Bei uns verkehrten viele Ausländer.“ Daher habe sie ein Faible für fremde Sprachen, sagt sie lächelnd. „Es klingt paradox, aber nach dem Aufstand gegen das Assad-Regime wurde die Situation für Christen im Land unerträglich“, sagt sie.

Der Aufstand gegen den Diktator mündete keineswegs in mehr Freiheit und Sicherheit für die Bevölkerung. Das Gegenteil sei der Fall, so Julya. Was in der deutschen Öffentlichkeit nur wenig bekannt ist: Mit dem Verfall der staatlichen Ordnung traten in Syrien zunehmend muslimische Handlanger, Todesschwadrone der Regierung und selbst ernannte Gotteskrieger auf den Plan, die die Christen der Kollaboration mit dem Westen bezichtigten und wahllos gegen sie – oft mit tödlichem Ausgang – losschlugen. Fast täglich gibt es in Syrien Anschläge gegen christliche Gemeinden, Kirchen und Geschäfte. Frauen und Kinder werden auf offener Straße bedrängt, das Kopftuch zu tragen. „Wenn Politiker hier in Deutschland behaupten, der Islam sei eine ,friedliebende‘ Religion, dann kann ich darüber nur lachen“, sagt Julya verbittert.

Hass und Intoleranz gegenüber allem ,Unislamischem‘ seien auf dem Vormarsch, sobald Muslime in einer Region die Oberhand gewinnen, sagt sie. Die junge Christin nennt Indonesien und die Türkei als aktuelle Beispiele, und es ist ihr anzumerken, wie sehr sie sich mit dem Thema beschäftigt hat.

Nachdem in Damaskus eine Freundin der Familie auf offener Straße erschossen worden war, stand für Julya und ihre Eltern fest: Wir müssen das Land verlassen. In Windeseile verkauften sie die kleine Wohnung, die Möbel, den Fernseher, das alte Zündapp-Moped ihres Bruders und die kleine Werkstatt für Haushaltsgeräte, mit der der Vater die Familie ernährt hatte.

Mit knapp 3 000 US-Dollar im Gepäck machten sie sich im Kleinbus eines Bekannten auf den Weg nach Jordanien, wo sie am Stadtrand der Hauptstadt Amman in einem heruntergekommenen Wohnblock Unterschlupf fanden. „In Jordanien lebten wir mehrere Monate von unseren Ersparnissen“, sagt Julya. Arbeit gab es so gut wie keine.

Die Geschwister konnten nicht zur Schule gehen und haben stattdessen mit Handlangerdiensten zum Überleben der Familie beigetragen. „Wären wir nur einen Monat länger in Jordanien geblieben, hätten wir betteln gehen müssen“, sagt Julya. Sie ist der deutschen Regierung „unendlich dankbar“, dass sie ihrer Familie eine neue Heimat gegeben hat, sagt die junge Christin und verdrückt dabei ein paar Tränen: „Ich werde jede Arbeit annehmen. Ich will dem Staat nicht auf der Tasche liegen.“ Viele würden mit falschen Erwartungen nach Deutschland kommen, sagt sie. Doch wer etwas erreichen will, der müsse lernen und hart arbeiten.

Um eine drohende Einwanderung in die sozialen Sicherungssysteme zu verhindern, hat die Bundesregierung bei der Auswahl der Flüchtlinge diesmal sehr genau hingeschaut und wird dies nach Angaben von Innenstaatssekretär Ole Schröder (CDU) auch in Zukunft tun.

Über das UNHCR, das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen, wurden in Jordanien nur solche Personen in die engere Wahl für eine Aufnahme in Deutschland gezogen, die ein hohes Maß an „Integrationsbereitschaft“ mitbringen. „Die Bundesrepublik hat ein Interesse daran, dass die Flüchtlinge ihren Lebensunterhalt so schnell wie möglich selbst verdienen“, sagt ein Sprecher des Innenministeriums in Berlin. Das fördere auch die Bereitschaft der Steuerzahler, sich mit den Neuankömmlingen solidarisch zu zeigen, sagt er.

Julya Nasrallah hat die ersten Schritte in diese Richtung getan. „Wir haben schon einen Ausflug ins nahe gelegene Eichsfeld und nach Göttingen gemacht“, sagt sie. Die gepflegte Innenstadt und das reichhaltige Warenangebot der Geschäfte hätten ihr sehr gut gefallen, erzählt sie. Ebenso die grüne, bergige Landschaft im Eichsfeld, wo es so „viele schöne Kapellen und Marienstatuen“ gibt. Im Nahen Osten sei alles braun und staubig, und in den großen Städten litten viele Menschen an Asthma. Bei einem Bauern konnten Julya und ihre Geschwister für kleines Geld einen Laib Brot, geräucherte Salami und eingelegte Gurken kaufen, sagt sie. „Deutschland ist ein gutes Land“, sagt Julya, mit guten Menschen und gutem Essen, fügt sie lächelnd hinzu.

Ihre nächste Station wird ein Dorf in der Nähe von Kiel sein, wo die Großfamilie bis auf weiteres unterkommen wird. Eine örtliche Kirchengemeinde hat sich bereit erklärt, der Familie beim Einleben in den Alltag der Bundesrepublik zur Seite zu stehen.