Vor 30 Jahren erstes Retortenbaby in Deutschland

Das war nicht der erste Dammbruch, es drohen neue. Von Stefan Rehder

Maria Wimmelbacher, Mutter des ersten deutschen Retortenbabies, streichelt in der Frauenklinik der Universität Erlangen kurz nach der Geburt ihren Sohn, ein Archivfoto vom 27. April 1982. Foto: dpa
Maria Wimmelbacher, Mutter des ersten deutschen Retortenbabies, streichelt in der Frauenklinik der Universität Erlangen ... Foto: dpa

Würzburg (DT) Am kommenden Montag feiert der erste Mensch, der in Deutschland mittels In-Vitro-Fertilisation (IVF) erzeugt wurde, seinen 30. Geburtstag. Als der 2004 verstorbene Reproduktionsmediziner Siegfried Trotnow am 16. April 1982 um 14:49 Uhr dessen Mutter per Kaiserschnitt in der Universitäts-Frauenklinik Erlangen von einem 4 150 Gramm schweren Jungen entband, überwog in Deutschland der Jubel das Entsetzen über die zwölf zuvor gescheiterten Versuche, die der Geburt von „Oliver“ vorausgegangen waren. Die 1992 eingestellte Illustrierte „Quick“ bildete den Jungen gar auf ihrer Titelseite ab und textete dazu: „Das ist es! – Das erste deutsche Retortenbaby“.

Nur vier Jahre zuvor war im britischen Oldham das weltweit erste IVF-erzeugte Kind geboren wurde. Was damals noch eine Sensation war, ist für Reproduktionsmediziner längst zur Routine geworden. So verzeichnen die Jahrbücher des „Deutschen IVF-Registers“ zwischen 1996 und 2010 insgesamt 160 099 lebend geborene Kinder, die in Deutschland mittels künstlicher Befruchtung erzeugt wurden. Das entspricht in etwa der Einwohnerzahl einer Stadt von der Größe Potsdams.

Was in den Hochglanzbroschüren der rund 120 deutschen IVF-Zentren oft wie das reinste Kinderspiel dargestellt wird, ist in Wahrheit auch heute noch ein technisch überaus anspruchsvolles Verfahren, das für die betroffenen Paare mit hohen körperlichen und seelischen Belastungen verbunden ist und dessen Ausgang nach wie vor ungewiss ist. So stehen den rund 160 000 geborenen Kindern laut dem Deutschen IVF-Register mehr als eine Million begonnene Behandlungszyklen gegenüber. Dabei beträgt die sogenannte Baby-Take-Home-Rate je nach Methode zwischen elf und 21 Prozent.

Ein Beispiel: Für das Jahr 2009 verzeichnet das Deutsche IVF-Register 2010 68 036 durchgeführte reproduktionsmedizinische Behandlungen, die zu 16 557 Schwangerschaften und 12 775 lebend geborenen Kindern führten, von denen 135 Missbildungen davontrugen.

Weder die geringen Erfolgsraten, noch das erhöhte Fehlbildungsrisiko, noch die die Reproduktionsmedizin begleitenden Abtreibungen und Fetozide zur sogenannten Mehrlingsreduktion hat in der Vergangenheit zu einem Umdenken geführt. Weder bei der Politik, noch unter den Reproduktionsmedizinern selbst. Im Gegenteil. Mit der Zulassung der Präimplantationsdiagnostik, bei der die künstlich erzeugten Embryonen vor der Übertragung einem Gen-Check unterzogen werden können, wurde die nächste Stufe auf der nach unten offenen ethischen Rutschbahn beschritten.

Und auch wenn in Deutschland dank des Embryonenschutzgesetzes so manche Debatten noch nicht geführt werden mussten, so ist doch nicht damit zu rechnen, dass sie den Deutschen auf Dauer erspart bleiben. Denn anderswo sind die Reproduktionsmediziner längst weiter. Da geht es, wie etwa in Großbritannien und Frankreich, um sogenannte „Rettungskinder“. Unter diesen versteht man Kinder, die einzig und allein erzeugt werden, um einem kranken Geschwisterkind als Zellspender dienen zu können. In einigen skandinavischen Ländern wird bereits das sogenannte „social sexing“ praktiziert, das in den USA bei vielen Paaren längst zum „Lifestyle“ gehört und bei dem es darum geht, Kinder nach Geschlecht zu selektieren, um den Eltern eine geschlechtlich ausbalancierte Familie zu ermöglichen. Beides – die Zeugung von Rettungskindern, wie die Geschlechtsselektion – führt längst auch Paare in die Arme der Reproduktionsmediziner, die eigentlich zeugungsfähig sind.

Und auch sonst ist die Lage nicht mehr die gleiche wie vor 30 Jahren. Wurde damals ernsthaft darum gestritten, ob der Mensch Gott überhaupt ins Handwerk pfuschen dürfe, so geht es heute vielerorts nur noch darum, wer das alles können soll. In Österreich etwa diskutiert die Bioethikkommission derzeit, ob die Politik die künstliche Befruchtung nicht auch Lesben und Schwulen zugänglich machen solle. Damit bekommt auch die Frage nach der Zulässigkeit der Eizellspende und der Leihmutterschaft, die in Deutschland noch verboten sind, neuen Auftrieb. Last but not least führt die Entwicklung neuartiger Gentests dazu, dass neue Möglichkeiten der Selektion geschaffen werden. Und damit noch nicht genug: Selbst an der Schaffung künstlicher Chromosomen, die Menschen einmal mit erwünschten Eigenschaften ausstatten sollen, wird bereits mit Hochdruck gebastelt.