Von guten und bösen Christen

Mit den Indianer-Geschichten rund um Winnetou und Old Shatterhand wurde Karl May weltberühmt – weniger bekannt ist, dass er auch Marienkalender-Geschichten verfasste. Von Karl Horat

Karl May - Hitlers Schmöker - Bestseller unterm Hakenkreuz
Protestant mit katholischer Phantasie: der Schriftsteller Karl May.dpa Foto: Foto:
Karl May - Hitlers Schmöker - Bestseller unterm Hakenkreuz
Protestant mit katholischer Phantasie: der Schriftsteller Karl May.dpa Foto: Foto:

Es gab eine Zeit vor Netflix, vor Fernsehkrimis und Video on Demand. Aber schon damals hatten die Menschen das Bedürfnis nach spannenden Geschichten. Sie wollten in fremde Welten eintauchen und mitfiebern in gewagten Abenteuern. Dieses Bedürfnis bedienten gegen Ende des 19. Jahrhundert die Kalendergeschichten. Bücher kaufen konnten sich geringverdienende Bevölkerungsschichten zu jener Zeit kaum. Volkskalender waren populär, wurden billig in hohen Auflagen produziert und waren weit verbreitet.

Ein Verfasser solcher Kalendergeschichten war Karl May (1842–1912). Und gerade dieses literarische Kurzfutter begründete zu Ende des 19. Jahrhunderts den hohen Bekanntheitsgrad des sächsischen Autors. Er selbst war in jungen Jahren Kalender-Redakteur gewesen, wusste als munterer Fabulierer den Lesern jene Abenteuergeschichten aufzutischen, nach denen sie verlangten. Er bediente, wie er selbst vermerkte, die „Lesebedürfnisse der Volksseele“.

Die Marienkalender, Volkskalender, die sich der Verehrung der Muttergottes widmeten, waren Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts bei den Katholiken im ganzen deutschsprachigen Raum überaus beliebt, auch bei deutschen Auswanderern in den USA.

Dass Karl May explizit für katholische Marienkalender schrieb, mag erstaunen. Denn der Vielschreiber aus Radebeul war Protestant: Er wurde evangelisch-lutherisch getauft, konfirmiert und getraut. Und eigentlich war Heiligenverehrung und Marienkult nicht im Sinne seiner Konfession. Der Reformator Martin Luther befand, dass man der Heiligen zwar gedenken dürfe, sie aber nicht verehren oder als Beistand bei Gott anrufen solle. Die Marienkalender aber wollten genau das: Sie empfahlen den gläubigen Lesern die Mutter Gottes als Fürsprecherin bei ihrem Sohn.

Die Geschichten für die katholischen Marienkalender passte May dieser Lesergemeinde an. Es geht darin stets ungefähr nach dem gleichen Schema um die Auseinandersetzung zwischen Christentum und Aberglaube, Nächstenliebe und Hass oder anderen Untugenden. Die negativen Charakterzüge werden nicht nur durch Andersgläubige repräsentiert, sondern auch durch bigotte Christen. Diese werden dann bekehrt oder bestraft – und das wahre Christentum siegt. Abgesehen von ein paar aufgepfropften Moral-Belehrungen sind Mays Geschichten in den Marienkalendern nicht weniger spannend und humorvoll geschrieben als seine Reiseerzählungen. Wenn Karl Mays Zeitgenossen ihm wegen dieser Publikationen religiöse Heuchelei und Etikettenschwindel vorwarfen, traf ihn solche Kritik nicht. Seine Werke sind alle mehr oder weniger christlich geprägt - vertreten aber klar ein überkonfessionelles Christentum.

Ab dem Jahre 1891 lieferte May Geschichten für Marienkalender: dem im Pustet Verlag erscheinenden „Regensburger Marienkalender“ und dem „Eichsfelder Marienkalender“. Und dann bekam „Benziger's Marienkalender“ in der Schweiz das Manuskript zu „Nur es Semâ – Himmelslicht“. „Es war Mitte Dezember. Wir kamen von Bagdad herauf und wollten meinen Freund Amad el Ghandur, den Scheik der Haddedihn, Araber vom großen Stamme der Schammar besuchen –“, so stieg „Kara Ben Nemsi“ in die Geschichte ein. Sie ist mit vielen Dialogen und arabischen Ausdrücken gespickt und lässt sie ein authentisches Reiseerlebnis scheinen. Seltsamerweise wollte May seine Ergüsse nie als „Fiction“ stehen lassen, sondern behauptete, einer zu sein, der Selbsterlebtes und Wahres berichte. Erst gegen sein Lebensende hin gestand er in der Autobiographie „Mein Leben und Streben“, dass er „Gleichnisse und Märchen“ geschrieben habe.

Wenige erhaltene handschriftliche Manuskripte von May zeigen, dass er enorm zügig und ohne zu korrigieren schrieb. Namhafte Psychiater attestieren ihm heute anhand seines Werkes, biografischer Fakten und seiner Autobiographie eine Persönlichkeit mit psychopathischen und narzisstischen Zügen. Er lebte wohl die Konflikte und Leiden seiner ersten Jahrzehnte in Fantasien aus, die ihn aus dem Hier und Jetzt weg in die Ferne führten. Immer wieder hat er sein eigenes Ich aufgespalten – auf Figuren übertragen, von denen Kara Ben Nemsi, Halef Omar und Old Shatterhand nur die bekanntesten waren. Der Karl May-Biograph Hans Wollschläger schrieb: „Er schafft seiner so bizarren Person und all ihren heroischen revoltierend herrischen Attitüden eine eigene, imaginäre Umwelt, die er in zäher Kleinarbeit mit immer reicheren Details ausstaffierte.“ Er brauchte nicht an den Orten gewesen zu sein, die er in seinen Reisen beschrieb, der persönliche Augenschein hätte eher gestört. Er bezog die Kulissen aus Reiseberichten, Lexiken und Bildbänden. Sein größter Erfolg zum Beispiel, Winnetou, stammt nachweislich aus dem 1841 erschienenen, illustrierten Werk von George Catlin, „Sitten und Gebräuche nordamerikanischer Indianer“. Ironischerweise war das Bild, welches die Deutschen dann vom Wilden Westen hatten, komplett von den Schilderungen Karl Mays geprägt – der nie dort war.

„Mutterliebe“ war eine Story, die in „Mariengrüsse aus Einsiedeln“ von Benzigers lokalem Konkurrenten Eberle & Rickenbach erschien. Sie handelt von einer Absaroka-Indianerin, die ihre beiden kleinen Söhne rettet. May stellt da zwei Formen des Christlichen einander gegenüber: das Christentum der Tat, wie es von der – zwar ungetauften – Squaw gelebt wird, dem puren Namenschristentum des getauften Bösewichts Folder.

Der Forscher Dieter Sudhoff gewann anhand dieser Fabel einen erstaunlichen tiefenpsychologischen Einblicke in die Seele des Schreibers. Die hier auftretende Squaw sei die fiktive Identität von Mays' Mutter, Christiane Wilhelmine May. „Die Squaw konnte nicht viel über dreißig Jahre alt sein. Sie saß nach Männerart und stolz im Sattel, war sauber gekleidet und verriet durch keine Miene, dass oder ob sie Angst hatte…“

Als Christiane Wilhelmine 1845/1846 für ein halbes Jahr ihre Familie verließ, um in Dresden einen Hebammen-Lehrgang zu absolvieren, war sie ungefähr in diesem Alter. Es war die erste bewusste Erfahrung mit der Mutter für den dreijährigen, vorübergehend erblindeten Knaben – ein Verlust, den er damals wohl als Verrat, oder als selbstverschuldete Strafe erlebt hatte. In „Mutterliebe“ legitimierte er nun nicht nur das Fortgehen der Mutter: Er glorifiziere es als mutige selbstlose Tat zur Rettung der Familie. Die Übereinstimmung mit der kämpferischen Christiane Wilhelmine sei offensichtlich. „Mutterliebe“ gewänne so zwar nicht an literarischem Wert – wohl aber an Bedeutung.

Im Gefängnis lernte er den Katholizismus kennen

Der Start ins Leben war für Karl May nicht einfach. Als fünftes von 14 Kindern eines armen Weberehepaares in Ernstthal am Rande des sächsischen Erzgebirges geboren, hatten seine Eltern ihr gesamtes Erspartes für die Ausbildung des Sohnes zum Lehrer ausgegeben. Aber beim Jungen zeigte sich eine Tendenz zu schwindeln, zu lügen, Dinge vorzutäuschen, zu entwenden. Insgesamt acht Jahre saß er als junger Erwachsener wegen kleiner Delikte im Zuchthaus Waldhaus bei Chemnitz. Hier, wohl unter dem Einfluss des Katecheten Johann Kochta, der den Häftling Karl May als Organisten im katholischen Gottesdienst engagierte, kam es zu einer Annäherung an die katholische Glaubenswelt.

1874 öffneten sich für den 32-jährigen Häftling die Tore des Zuchthauses Waldheim. Und der Freigelassene wusste ab da, was er tun wollte: Schreiben, in seiner Fantasie erlebte Abenteuer festhalten. Schlussendlich tat er das sehr erfolgreich: Insgesamt 200 Millionen verkaufte Bücher und unzählige Verfilmungen seiner Stoffe zeugen davon.