Verlorene Jugend

Vor zwanzig Jahren war es in Guatemala selbstverständlich, dass Kinder auf den Zuckerrohrfeldern arbeiten. Dann wurden Verbote formuliert – geändert an der Realität hat sich trotzdem nichts. Von Andreas Boueke

Unverantwortlich hartes Arbeitsleben: Fernando, genannt Panza
Unverantwortlich hartes Arbeitsleben: Fernando, genannt Panza.Boueke Foto: Foto:

Wer schon in jungen Jahren auf den Zuckerrohrplantagen der Pazifikküste Guatemalas schuften muss, dessen Leben ist vorgezeichnet: Nierenschäden, keine Schulbildung, keine Chance, dem Elend zu entkommen. Unternehmer der guatemaltekischen Zuckerindustrie versichern, sie hätten die Arbeitsbedingungen auf ihren Feldern reformiert. Doch während das Exportprodukt Zucker weltweit die Nahrung der Menschen süßt, bleibt das Elend jugendlicher Feldarbeiter bitter.

Frühmorgens lodern die Flammen auf dem Zuckerrohrfeld meterhoch. Das Feuer vertreibt giftige Schlangen und verbrennt scharfe Blätter und klebrigen Pflanzenstaub. Nach ein, zwei Stunden Brand ragen nur noch dunkelbraune Zuckerrohre wie Speere aus der Asche. Ihre süße Flüssigkeit schützt das Holz vor dem Feuer. Noch am selben Tag kommen die Erntearbeiter aufs Feld. Einer von ihnen ist der 15-jährige Fernando, genannt Panza. „Die Sonne ist heiß wie die Hölle“, sagt er. „Mittags ist die Hitze nicht auszuhalten.“

Der Junge geht freiwillig aufs Feld, genauso wie sein Cousin. Der ist ein paar Monate älter und heißt auch Fernando. „Die Arbeit auf dem Zuckerrohrfeld macht dich fertig. Aber in Guatemala gibt es wenig Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Wenn du nicht lange zur Schule gegangen bist, findest du keine andere Arbeit als die auf den Zuckerrohrfeldern.“

Vor zwanzig Jahren war es in Guatemala selbstverständlich, dass Kinder auf den Zuckerrohrfeldern arbeiten. Doch dann hat der Verband der Zuckerindustrie klare Regeln gegen Kinderarbeit formuliert, erklärt die Direktorin der Abteilung für soziale Verantwortung des Unternehmerverbands ASAZGUA, Maria Silvia Pineda: „Im Jahr 2002 haben wir entschieden, innerhalb von drei Jahren Zwangsarbeit und Kinderarbeit komplett abzuschaffen. Wir wollen eine Agrarindustrie sein, die auf dem Weltmarkt bestehen kann, die hochgradig produktiv ist, mit einem Fokus auf das Wohlergehen der Menschen. Deshalb gibt es heute auf den Feldern der Zuckerunternehmen keine Kinderarbeit mehr.“ Diese Regel ist allen Unternehmen bekannt, aber in der Praxis sitzen weiterhin viele Minderjährige in den Bussen, mit denen die Plantagenbesitzer ihre Arbeiter zu den Feldern bringen lassen. „Ich gehe um vier Uhr morgens aus dem Haus“, sagt Panza. „Der Bus kommt um halb fünf. Die Fahrt dauert fast zwei Stunden. Im Bus muss ich oft stehen. Dann frage ich jemanden, ob ich mich kurz auf seinen Platz setzen darf, um zu frühstücken.“

Nach der Busfahrt muss Panza meist noch lange laufen. Manchmal kommt er erst gegen acht Uhr morgens auf dem abgefackelten Feld an. „Dann hat der Aufseher die Arbeitsbereiche schon längst eingeteilt. Ich ziehe meine Schienbeinschoner und meine Schutzbrille an und lege los.“

Mit seiner schweren Machete durchtrennt der Junge das Zuckerrohr mit einem Schlag. Wenig später ist sein Gesicht rußverschmiert. Seine Zähne und Augen glänzen wie weiße Punkte auf schwarzem Grund. „Die Kameraden wissen, dass ich erst fünfzehn Jahre alt bin. Einige sagen, ich sei noch zu jung, um Zuckerrohr zu schneiden.“ Der erfahrene Feldarbeiter Marcelino ist sich sicher: Die Personalabteilungen der meisten Betriebe würden es nicht zulassen, das Minderjährige auf den Feldern arbeiten – zumindest offiziell. „Aber in der Praxis gibt es oft Kurzzeitverträge für Tagelöhner, die ganz ohne soziale Absicherung arbeiten. In diesen Fällen gibt es nicht so viel Bürokratie und die Aufseher auf dem Feld können auch Jugendliche arbeiten lassen. Ihnen ist das Alter egal. Was zählt ist, wieviel ein Arbeiter leistest.

Aufputschmittel helfen durch den Tag

Wenn Panza morgens auf das Feld kommt, wird ihm ein Abschnitt zugeteilt. „Den habe ich bis halb eins abgearbeitet. Danach kriege ich einen neuen Abschnitt. Um sieben Uhr abends wird es dunkel und du musst mit einer Lampe arbeiten. Wenn ich um acht Uhr noch nicht fertig bin, schimpft der Aufseher.“

Alle drei Stunden müssen die Feldarbeiter die breiten Klingen ihrer Macheten schleifen. „Dafür bekommen wir eine Feile“, erläutert Panza. „Beim Schleifen werde ich manchmal so müde, dass ich mich einfach eine Stunde lang ins Feld lege. Danach bin ich zwar noch immer müde, aber ich muss ja weitermachen. Noch schlimmer ist es, wenn du dir nichts gespritzt hast. Dann kannst du auf dem Feld ganz schnell ohnmächtig werden.“ Abends kommt Panza meist gegen neun Uhr nach Hause und geht dann gleich schlafen. Am nächsten Tag geht es wieder früh los. „Natürlich macht mir das Sorgen. Ich könnte krank werden, weil ich nicht genug schlafe. Manchmal bin ich erst um ein Uhr nachts zu Hause und schlafe nicht länger als drei Stunden. Wie ich das aushalte? Ich spritze mir was. Es gibt da so Mittel, die heißen Komplex oder starkes Leben. Das sind Vitamine, die dir ein, zwei Tage lang Kraft geben.“

Die Zuckerrohrplantage, auf der Panza arbeitet, liegt in der Umgebung des Küstenstädtchen Siquinalá. Die schmutzigen Kalkwände einfacher Adobehäuser glänzen in der heißen Mittagssonne. An der westlichen Ausfahrtstraße steht das kleine Gebäude einer staatlichen Gesundheitsstation. Der leitende Arzt Roberto Velásquez weiß um die Gefahren des Dopings: „Manche Feldarbeiter übertreiben es mit den stimulierenden Medikamenten. Sie nehmen die Mittel, um mehr produzieren zu können. Die größten Risiken dieses Verhaltens sind Diabetes und Bluthochdruck. Es kann auch zu Nierenschäden kommen.“

An manchen Tagen kommen die Jungen erst sehr spät von der Arbeit nach Hause. Ihre Großfamilie wohnt in einer Siedlung außerhalb der Ortschaft Santa Lucia Cotzumalguapa. Panza ist froh, wenn es ihm gelingt, abends schon vor acht Uhr zurück zu sein und nicht erst um Mitternacht. Dann nimmt er sich ausführlich Zeit zum Duschen.

„Der Brunnen dort drüben wurde gerade erst gegraben. Wir sind schon nach wenigen Metern auf Wasser gestoßen. Das war ein Segen. Früher hatten wir keinen Brunnen. Oft konnten wir uns gar nicht duschen. Mit dem Brunnen ist es viel besser.“

Panza hat sich vorgenommen, eines Tages ein guter Familienvater zu sein: „Zuerst will ich hart auf den Zuckerrohrfeldern arbeiten, damit ich später meiner Frau alles geben kann, was sie braucht. Dieser Schritt muss wohl überlegt sein. Es ist ja nicht so, dass man sich eine Frau nimmt und fertig. Man trägt dann Verantwortung. Du kannst nicht einfach ein Kind machen, sondern du musst ihm auch alles geben, was es braucht.“