Jamestown

Verbannt auf der Insel der "Saints"

Sankt Helena ist klimatisch attraktiv - doch die Insel kann sich nicht selbst ernähren.

Neuer Flughafen auf Napoleons Verbannungsinsel St. Helena
Der neue Flughafen auf Napoleons „Verbannungsinsel“.dpa Foto: Foto:

Nein, Napoleon starb nicht auf Elba, wie noch zu viele Menschen zu wissen glauben. Der „Umgestalter“ Europas, verantwortlich für viel menschliches Leid und Millionen Tote, fand sein frühes Ende auf einem 10 mal 17 Kilometer kleinen Felsen im Südatlantik.

Dreh- und Angelpunkt für die Insel ist seit Jahrzehnten das 2.800 Kilometer entfernte Kapstadt: dort legte alle paar Wochen das Postschiff St. Helena ab, um Waren, Post und Menschen zur Insel zu transportieren. Die Ankunft des Kombischiffes war stets ein großes Ereignis, galt es doch als Lebensader zur Außenwelt: Einen Flughafen gab es bis 2016 nicht. Nach Aufnahme des Linienverkehrs zwischen Südafrika und St. Helena wurde der hoch subventionierte Dienst der St. Helena eingestellt: am 10. Februar 2018 ertönte letztmals das vertraute Horn der RMS (Royal Mail Ship), wie das Schiff von allen liebevoll genannt wurde; es verließ James Bay auf Nimmerwiedersehen. Hunderte am Kai versammelte „Saints“ hatten Tränen in den Augen: eine Ära ging zu Ende.

Das Leben ist hart und die Löhne niedrig

Saints nennen sich die Insulaner – entlehnt von Saint Helena. Auch wenn die meisten tief gläubig sind: Heilige sind sie wahrlich nicht; auch lebt das Gros von ihnen nicht in himmlischen Verhältnissen. Das Leben ist hart: die Löhne niedrig; die Preise hoch. Erst kürzlich beklagte eine Insulanerin öffentlich die hohen Lebenshaltungskosten: sie rechnete vor, was es bedeutet, nur umgerechnet knapp 600 Euro zu verdienen. Damit liegt sie zwar im unteren Drittel, doch viele ihrer Landsleute verdienen nicht merklich mehr: die Bankangestellte 720, die Lehrerin 900 Euro. Da gilt ein Polizist mit 15.500 Pfund Jahresgehalt (1.300 Euro monatlich) schon als Spitzenverdiener. Dennoch ist die Fluktuation bei den Gesetzeshütern groß. So groß wie der Polizeiapparat selbst. Scheinbar hat fast jeder erwachsene Saint irgendwann der „St. Helena Police Force“ angehört; auch solche, von denen man es nicht erwartet hätte, wie Leutnant Coral Yon MBE, bis 2019 oberste Salutistin der Insel; oder Basil George OBE, ehemaliger Bildungsminister und einer der 12 Bahá'í auf St. Helena.

Mr. George (83), dessen Vorväter Buren und Chinesen waren, ist lange Pensionär. Er führt die wenigen Touristen durch das Städtchen Jamestown und über die Insel. Das aber geschieht selten. Weil er viel Freizeit hat, kann Basil öfter als andere in die zahlreichen Läden schauen: nicht um Schnäppchen zu machen, wie wir es tun, sondern ob überhaupt etwas, dass er sucht, im Regal liegt; besonders frisches Obst und Gemüse. Trotz vorteilhaftem Klima kann sich die Insel nicht selbst ernähren. Knapp war bisher vieles: Bier, Kartoffeln, Milch, Zwiebeln, Margarine, Salz. Nicht zu vergessen: Wasser. Heuer, 2019, kämpft der Versorger „Connect St. Helena“ seit Mai mit dem Problem der Trinkwasserknappheit. Das Benutzen von Schläuchen war über Wochen verboten. Ein derartiges Versorgungsproblem gab es bereits mehrmals: 2013 und 1996 beispielsweise.

St. Helena ist klimatisch und landschaftlich ein attraktives Fleckchen. Dennoch, gerade angesichts der aufgezeigten Mängel und hohen Lebenshaltungskosten – das Ein-Pfundbrot 1,50 EUR, der halbe Liter Bier 2,20, sechs Rollen Toilettenpapier für 2,30 EUR; der Liter Apfelsaft 3 Euro, eine Tüte Zucker 1,70 und das Kilogramm Vanilleeis satte 5,70 Euro – treibt es immer wieder Saints in die Ferne. Dort – auf der Insel Ascension – arbeiten sie auf der US-Militärbasis und bei der Lokalverwaltung: als Mechaniker, Kantinenlagerist oder Kraftfahrer; auf den fernen Falklandinseln auf dem britischen Militärstützpunkt, im Bauamt und Supermarkt. Manche gründen ihr eigenes Geschäft, heiraten Einheimische: bleiben, trotz des ach so völlig anderen, weniger als in der Heimat einladenden Klimas.

Zurück bleiben die ganz Jungen; die Alten. Und die, welche alt angestammtes Land besitzen, das sie verkaufen oder verpachten können. Wobei manches Grundstück mit einem Häuschen für astronomische 150,00 bis 300,00 Pfund angeboten und letztendlich von Ausländern gekauft wird. Die Bevölkerungsstruktur wird einem immer größeren Wandel unterzogen. Der Zustrom von Ausländern hat die Insel verändert. Und ihre Menschen. Beileibe nicht zum Guten! Die Saints sind verärgert; unzufrieden. Unzufrieden besonders mit ihrer Regierung. Der frei gewählte Legislativrat stellt für viele nur eine Marionette dar. Entscheidungen werden in London gefällt, von dort kommen auch seit Jahren Millionen-Pfund-Subventionen – anders könnte das Überseeterritorium nicht überleben. Eine Wirtschaft, eine die auch noch Exporterlöse einfährt, die existiert nicht. Seit der Flachsanbau wegen Einführung der synthetischen Faser seinen Niedergang fand, hängt die Heilige Helena am Tropf des Mutterlandes. Der nach dem aufwendigen Flughafenbau erhoffte Touristenstrom blieb bisher aus.

2002 erhielten die Bürger St. Helenas ihre vollen Staatsbürgerechte zurück, sind also einem in Dover oder Inverness geborenen Briten gleichgestellt. Dank der Fluganbindung können nun in Großbritannien lebende Sankt Helener – es sind tausende – relativ unkompliziert ihre Verwandten auf der Strecke London-Johannesburg-St. Helena besuchen; früher mussten sie dafür mindestens drei Wochen einplanen: An- und Rückreise plus Aufenthaltszeit. Schon vor Aufnahme des Linienflugverkehrs gab es sporadische Flüge mit Kleinflugzeugen, die etwa Erkrankte ans Kap brachten: die medizinische Versorgung im einzigen Krankenhaus der Insel deckt nur den Basisbedarf ab. Zudem: Ärzte kommen und gehen; (zu)viele schmeißen Stethoskop und Skalpell vor Ablauf ihres Vertrages hin. Grund sind immer wieder auftretende Unstimmigkeiten zwischen den Medizinern und zuständigen Regierungsämtern.

Die Optikerin Priscilla Brown, die seit 1997 fast jedes Jahr zur Insel kam und binnen drei Monaten ein Drittel der Insulaner in ihrer Praxis auf den Zustand des Augenlichts untersuchte, sie wird 2019 nicht kommen: wahrscheinlich im nächsten Jahr, war der örtlichen Presse zu entnehmen. Auf St. Helena liegt einiges im Argen. Obwohl es seit 1967 einen frei gewählten Legislativrat gibt, hat bei manchen Entscheidungen noch immer der Gouverneur das letzte Wort. Bis zur Jahrtausendwende bekleideten das Amt fast ausschließlich Männer des diplomatischen Dienstes des Königreiches. 2007 übernahm mit Andrew Gurr ein Mann der Wirtschaft den Posten; bis 1999 war er Regierungschef der Falklands. 2016 dann die „Sensation“: erstmals kam an Bord der RMS St. Helena eine Frau als Vertreterin Ihrer Majestät zur Insel: Lisa Philips war bislang als Entwicklungshelferin in Kenia tätig, ihr Nachfolger Philip Rushbrook gilt als international anerkannter Abfallexperte: wie man sieht, haben sich die Verhältnisse auf Sankt Helena nicht nur an der Basis, sondern auch an der Führungsspitze merklich verändert.