Unterricht in der Mayasprache

Die indigene Bevölkerung in den verschiedenen Landesteilen Guatemalas trägt unterschiedliche Trachten und pflegt verschiedene Sprachen – An der Deutschen Schule in Guatemala geben Lehrer den Schülern davon ein eindrucksvolles Zeugnis. Von Andreas Boueke

Der stellvertretende Direktor der Deutschen Schule, Tobias Scharlach, lässt sich von Carmelina Lix die Bedeutung von Webmustern erklären. Foto: AB
Der stellvertretende Direktor der Deutschen Schule, Tobias Scharlach, lässt sich von Carmelina Lix die Bedeutung von Web... Foto: AB

Carmelina Lix trägt eine bunte, handgewebte Tracht in den Farben ihres Volkes, den Maya-Kaqchikel. Die junge Frau beobachtet, wie eine Gruppe Schüler während der Pause über eine gepflegte Wiese zum Sportplatz läuft. Eigentlich ist sie Lehrerin an dem Bildungszentrum Ixmukané, eine Schule im Hochland des mittelamerikanischen Landes Guatemala. An diesem Tag aber unterrichtet sie an der Deutschen Schule in Guatemala-Stadt. „Wir wollen den Schülern hier die Kultur des Mayavolkes der Kaqchikel näherbringen. Von sich aus würden sie unsere Kultur nie besuchen. Deshalb kommen wir zu ihnen.“

An normalen Schultagen arbeitet Carmelina Lix mit Kindern, die ihre Eltern verloren haben oder die in besonders ärmlichen Verhältnissen aufwachsen. Viele kommen hungrig zum Unterricht und können nur deshalb zur Schule gehen, weil sie ein Stipendium haben, das von den Eltern der Deutschen Schule finanziert wird. Heute unterrichtet sie im Rahmen einer Projektwoche an der Deutschen Schule die Kinder aus privilegierten Familien in Kaqchikel, eine der zweiundzwanzig Mayasprachen Guatemalas. Das entspricht einer Vorgabe des guatemaltekischen Bildungsministeriums, erklärt der stellvertretende Rektor Tobias Scharlach: „Der Hintergrund ist der, dass offiziell die zweite Fremdsprache für unsere Schüler tatsächlich Kaqchikel ist. Jedoch gibt es nicht ausreichend Lehrer, die diese Sprache unterrichten können. Wir haben das Glück, dass wir eine Partnerschaft mit dem Bildungszentrum Ixmukané eingegangen sind. So sind wir in der Lage, unseren Schülern Kaqchikel beizubringen.“

Der Austausch zwischen den Kulturen ist wichtig

Doch für die meisten Kinder ist es nicht besonders motivierend, eine Sprache zu lernen, deren Kultur ihnen völlig fremd ist. Deshalb geht es während der Projektwoche vor allem um die Kultur der Kaqchikel. Die Direktorin des Bildungszentrums Ixmukané, Alba Velásquez, war an der Ausarbeitung des Konzepts beteiligt. „Heute führen wir mehrere Workshops durch. Zum Beispiel geht es um die Webkunst, um die natürliche Medizin der Mayas, um das Töpfern und um unsere traditionelle Küche.“

Für Carmelina Lix ist es schon das vierte Jahr, in dem sie an die Deutsche Schule kommt. Trotzdem ist jeder Besuch für sie eine außergewöhnliche Erfahrung, denn im Alltag erlebt sie nur sehr selten Kontakte auf Augenhöhe mit Menschen aus den wohlhabenden Siedlungen der Hauptstadt. „In Guatemala gibt es sonst keine vergleichbare Möglichkeit“, sagt Carmelina Lix. „Die Kultur der Reichen in der Hauptstadt ist uns fremd und sie interessieren sich nicht für unsere indigene Kultur. Doch während dieser Projektwoche entsteht ein Raum der Begegnung, den es zu nutzen gilt.“

In diesem Jahr hat sich Carmelina Lix vorgenommen, den Schülern der Deutschen Schule die Bedeutung der Webkunst ihres Volkes näherzubringen. „Für sie ist der bunte Gürtel, den ich trage, nichts weiter als hübsche Folklore. Sie kennen weder seinen Ursprung, noch seine Bedeutung. Es wird auch nicht darüber gesprochen, dass unsere traditionelle Kleidung durch den technischen Fortschritt gefährdet ist. Dieser wichtige Teil unserer Kultur geht verloren, weil die Mädchen nicht mehr weben lernen. Industriell gefertigte Röcke sind so billig, dass die Webarbeit nicht mehr angemessen bezahlt wird. Wir möchten, dass die Menschen das verstehen und die Webkunst wertschätzen.“

Die indigene Bevölkerung in den verschiedenen Landesteilen Guatemalas trägt jeweils unterschiedliche Trachten. Carmelina Lix erläutert die Bedeutung einiger Muster und Symbole. Zudem lässt sie die Schüler an kleinen Webstühlen selbst ausprobieren, wie aufwendig die Arbeit ist. „Hier zeigt sich, dass wirkliche Interkulturalität und ein respektvoller Umgang miteinander möglich sind. Die Deutsche Schule hat uns ihre Tore geöffnet und uns herzlich empfangen. So etwas gibt es sonst nirgendwo in diesem Land.“

Wenn Angehörige der ländlichen Mayabevölkerung in die Hauptstadt kommen, erleben sie häufig Ausgrenzung, Ausbeutung und auch ungeschminkten Rassismus. Die meisten der Lehrerinnen und Lehrern der Deutschen Schule sind Guatemalteken, die in der Hauptstadt leben. Kein einziger spricht eine Mayasprache. Viele sehen sich als Nachkommen der christlichen Kolonisatoren, die Mittelamerika vor vierhundert Jahren mit Schwert und Kreuz erobert haben. Die Spanischlehrerin Miriam Galvez hofft, dass die Partnerschaft mit dem Bildungszentrum Ixmukané das Bewusstsein innerhalb des Kollegiums verändert. Deshalb hat sie sich einer Gruppe angeschlossen, die interkulturelle Aktivitäten organisiert und versucht, das Stipendienprogramm nachhaltig zu sichern. „In der guatemaltekischen Tradition, die eng verwoben ist mit einer christlichen Religiosität, spielt das karitative Handeln eine große Rolle. Der Guatemalteke denkt paternalistisch. Uns aber geht es um soziale Verantwortung. Viele Eltern haben noch immer eine Mentalität der karitativen Hilfe, doch einige Schüler haben verstanden, dass es um eine Zusammenarbeit geht, von der beide Seiten profitieren.“

Viele Kinder der guatemaltekischen Oberschicht sind von klein auf an ein Leben mit Dienstpersonal gewöhnt. Die Köchinnen, Kindermädchen, Gärtner und Chauffeure stammen oft aus einem Volk der Mayas. Zu erleben, dass Mayas auch als Lehrer an ihrer Schule unterrichten können, bedeutet für die Kinder einen radikalen Perspektivenwechsel. Die dreizehnjährige Nicole zum Beispiel hat Spaß daran, in der Schulküche ein traditionelles Gericht zuzubereiten: „Ich habe fast keinen Kontakt zu Menschen vom Land. Deshalb finde ich es sehr interessant, wenn sie zu uns in die Schule kommen und uns ihre Rezepte und ihre Sprache Kaqchikel beibringen.“

Im ersten Jahr der Schulpartnerschaft ist es den Lehrern von der Landschule noch sehr schwer gefallen, an der Deutschen Schule zu unterrichten. „Das war ein großer Schock“, erinnert sich die Direktorin des Bildungszentrums Ixmukané, Alba Velásquez. „Einige Kollegen waren richtig blockiert, weil sie noch nie zuvor solche Laboratorien zur Verfügung hatten. Sie haben mich gefragt: ,Wie kann man von uns erwarten, dass wir hier unterrichten, wenn wir nicht einmal wissen, wie man mit all den Materialien umgeht?‘ Aber mit der Zeit wurde deutlich, dass wir unsere Inhalte auch ohne all die modernen Ressourcen vermitteln können.“

In diesem Jahr hat Alba Velásquez eine Auswahl Blätter, Kräuter und Wurzeln aus ihrem Dorf mitgebracht, für eine Veranstaltung über die Medizin der Mayakultur. Die Achtklässlerin Sofia findet es interessant, so anschaulich eine der Kulturen Guatemalas kennenzulernen. „So fällt es uns auch viel leichter, die Vokabeln zu behalten. Ich selbst wäre nie auf die Idee gekommen, Kaqchikel zu lernen.“

Rund die Hälfte der Menschen in Guatemala gehören einem Volk der Mayas an. Trotzdem bekommen sie nur einen sehr begrenzten Zugang zur politischen und wirtschaftlichen Macht und werden auch im Alltag immer wieder diskriminiert. Auch an der Deutschen Schule macht Carmelina Lix solche Erfahrungen. „Zum Beispiel sagen uns die Schüler oft: ,Schau her, du trägst dieselbe Tracht wie mein Hausmädchen.‘ Sie sehen uns als Dienstboten. Es ist nicht leicht für sie zu akzeptieren, dass wir sie unterrichten können.“

Auf der anderen Seite der Mauern

Schon die Kleinsten im Kindergarten der Deutschen Schule beteiligen sich an der Schulpartnerschaft. Sie sollen erleben, dass es eine völlig andere Lebenswelt gibt, außerhalb ihrer Schule und der luxuriösen Wohnanlagen, die von Mauern umgeben sind, mit denen sich die wirtschaftliche Elite des Landes vor Verbrechen und Gewalt zu schützen sucht. Gitte Rodriguez, die Direktorin des Kindergartens, arbeitet seit drei Jahren in Guatemala. Sie ist noch immer erstaunt, wie wenig Umgang die verschiedenen ethnischen Gruppen des Landes miteinander haben. „Unsere Kinder leben in einem sehr geschützten, geradezu abgeschotteten Raum. Diese Projekttage sollen Brücken bauen.“

Der guatemaltekische Staat hat keine umfassende Integrationspolitik entwickelt. So ist es für die Schulen schwierig, Vorurteile abzubauen, meint Gitte Rodriguez: „Es gibt hier ein sehr etabliertes System der Privatschulen, das nahezu keinen Kontakt zu den öffentlichen Schulen erlaubt. Es ist, als würden die Kinder auf zwei verschiedenen Planeten aufwachsen.“

Obwohl in Guatemala viele Kulturen eng beieinander leben, gibt es nur wenige Bemühungen um eine gelebte Interkulturalität. Das liegt auch daran, dass sich eine der Gruppen den anderen gegenüber überlegen fühlt, meint der Sozialwissenschaftler Salvador Montufar von der staatlichen Universität USAC: „Wir sind ein Land, dessen Gesellschaft seit der Kolonialzeit in zwei große Gruppen geteilt ist: Die Republik der Spanier und der Mischlinge gegenüber der Republik der indigenen Bevölkerung. Dreihundert Jahre Kolonialzeit prägen noch immer die Gegenwart. Bis heute gibt es fast keine Orte der Begegnung.“

Aus der fehlenden Verständigung der ethnischen Gruppen untereinander kommt es immer wieder zu Missverständnissen und Konflikten. Eines der aktuell besonders kontroversen Themen sind die unterschiedlichen Entwicklungsmodelle für Guatemala, meint Salvador Montufar: „Es geht vor allem um Themen wie Bergbaulizenzen, Goldminen, Kraftwerke, Monokulturplantagen und all die anderen großen Projekte im Land, die von den meisten Politikern und Unternehmern als Chance angesehen werden. Die Mayas hingegen beziehen sich auf ihre uralten Prinzipien des Respekts gegenüber der Natur. Sie wollen nicht, dass die Natur leidet, denn für sie ist die Erde wie eine Mutter. Würden wir uns auf ihre Sicht der Dinge einlassen, wäre es viel leichter, zu verstehen, weshalb sie mit diesem Entwicklungsmodell nicht einverstanden sind.“

Carmelina Lix erinnert sich gut an ihre ersten Schulstunden in der Deutschen Schule. Damals trat sie noch sehr schüchtern auf. Mit der Zeit aber hat sie gelernt, sich Respekt zu verschaffen. Die Erfahrung, Schülern aus der städtischen Oberschicht etwas über die Lebensumstände ihres Volkes beizubringen, hat auch ihr eigenes kulturelles Selbstbewusstsein ge- stärkt. „Normalerweise kommen wir nur sehr selten aus unserem dörflichen Umfeld heraus. Es ist interessant, hier zu sein und zu erleben, dass unsere Arbeit auch für diese privilegierten Kinder einen Wert hat. Außerdem entdecken wir selbst Teile unserer eigenen Kultur. Oft merkst Du erst, wenn du dein Leben von außen betrachtest, welchen Wert deine Kultur hat.“