Unter den Toren von Sankt Peter

Rund um den Vatikan leben viele Obdachlose. Ein Besuch an den Rändern.

Obdachlos am Vatikan
Übernachten an den Grenzen des Vatikan: Der Bereich unter den Kolonnaden des Petersplatzes wird abends geschlossen. Viele Obdachlose schlagen deshalb direkt am Zaun ihr Nachtlager auf. Foto: ama

Erni starrt an die Decke. Links von ihm passieren die Touristen auf dem Weg vom und zum Petersplatz, rechts lehnt ein Geigenkoffer an der Wand, neben einem Schlafsack und etwas Gepäck. Der junge Mann teilt sich den Durchgang vor der Sala Stampa della Santa Sede, dem Presseamt des Heiligen Stuhls, mit noch einer Handvoll anderer Obdachloser. Die Ecke hinten rechts ist seine. Später am Abend wird er ein Zelt aus Pappkartons über sich aufschlagen und darin für die Nacht verschwinden. Erni stammt aus der Karibik. Nein, eigentlich ist er nicht wegen Problemen dort weggegangen, erzählt er. Seine Insel war ihm einfach zu klein. Die Niederlande, in der er zunächst gelebt hat, bald auch. Seit 2018 ist er in Rom – einer der vielen Obdachlosen, die rund um Sankt Peter leben.

Viele Gesichter und viele Geschichten

Sie sitzen in Hauseingängen, am Straßenrand, in Unterführungen, allein oder in Gruppen, bettelnd oder wartend, sie humpeln mit Krücken zwischen den Touristen umher, fragen nach Geld oder wollen in Ruhe gelassen werden. Männer und Frauen, Italiener und Fremde, in jedem Gesicht steht eine andere Geschichte. Wie viele rund um den Vatikan leben, kann keiner genau sagen. Etwa 250 müssten es sein, schätzt Franco. Er hilft in der von Mutter Teresa-Schwestern geleiteten Schlafstelle für Männer, nur ein paar hundert Meter vom Petersplatz entfernt. Im gut geheizten Eingangsbereich einige Tische und Stühle, an denen ein paar Männer beim Essen sitzen. Eine kleine Lourdes-Madonna schaut ihnen zu. 31 Schlafplätze gibt es hier, die Gäste wechseln. Maximal 30 Tage darf man bleiben, bevor das Bett an einen anderen vergeben wird. Ganz in der Nähe, am Piazza del Sant' uffizio haben die Missionaries of Charity auch eine Schlafstelle für Frauen. Jeden Nachmittag gibt es dort außerdem eine Essensausgabe. Neugierige haben da keinen Zutritt. Man spürt, dass es hier nicht nur um materielle Sorge, sondern mehr noch um die Würde der Menschen geht, die hier Hilfe suchen.

„Man spürt, dass es hier nicht nur um
materielle Sorge, sondern mehr noch um die
Würde der Menschen geht, die hier Hilfe suchen“

In der Unterführung direkt neben der Essensausgabe hat sich eine ganze Gruppe von Obdachlosen zusammengefunden. Ein kleiner Hundewelpe wuselt zwischen ihnen herum, er ist der sichtbare Liebling auch mancher Passanten. Seine Geschwister kann man auch an anderen Ecken von Sankt Peter entdecken. Zwei junge Frauen haben sich gerade zu der Gruppe gesetzt, ein hölzernes Franziskuskreuz baumelt um ihren Hals. Sie gehören zur Emmanuel School of Mission. Immer zu zweit sind sie in ganz Rom unterwegs, um den Menschen auf der Straße etwas von der Liebe Christi weiterzuschenken. „Wir geben ihnen kein Geld oder Essen“, erklärt Josephina, die aus der Slowakei stammt. „Nur“ Zeit und Zuwendung. Und eigentlich seien sie selbst die Beschenkten, meint Josephina. Sie kennt die Gruppe am Piazza del Sant' uffizio schon. Und an den Gesichtern der obdachlosen Männer und Frauen ist deutlich zu sehen, wie sehr sie sich über den – völlig immateriellen – Besuch der beiden freuen.

Auch am Petersplatz selbst hat sich in den letzten Jahren Einiges für die  Obdachlosen  getan. Die Duschen, die es seit etwa fünf Jahren unter den Kolonnaden des Petersplatzes für die Obdachlosen gibt, werden täglich von etwa 100 Personen genutzt, berichtet ein Helfer. Beliebt ist auch der Friseurdienst, den der Papst und sein Almosenmeister, Kardinal Krajewski, haben einrichten lassen. Ja, Franziskus hat ein großes Herz für die Armen vor seiner Türe. Auch in diesem Jahr lud er nach der heiligen Messe zum Welttag der Armen 1 500 Bedürftige zum Mittagessen in den Vatikan ein und ließ zudem eine neue Obdachlosenunterkunft eröffnen. Im Palazzo Migliori, einem historischen Familiensitz aus dem 19. Jahrhundert, sind durch eine Restaurierung 50 Schlafplätze entstanden, außerdem Gesprächs- und Leseräume, Computerarbeitsplätze und eine große Küche, in der mehr als 250 warme Mahlzeiten zubereitet werden können.

Christliche Liebe, die keine Unterschiede macht

In der Woche vor dem diesjährigen Welttag der Armen am 17. November konnten sich Bedürftige außerdem kostenlos im eigens dafür aufgebauten Medizinzentrum untersuchen und behandeln lassen. Auch diese Aktion geht auf eine Initiative von Papst Franziskus zurück, der den medizinischen Dienst zum ersten Welttag der Armen 2017 ins Leben gerufen hatte. Zum dritten Mal standen die Container in diesem Jahr also für einige Tage auf dem Petersplatz. Patricia ist eine der Freiwilligen, die die Patienten in Empfang nimmt. Auch als Besucher spürt man die warme Herzlichkeit, die diese ältere Dame ausstrahlt. Und ihre leuchtenden blauen Augen erzählen mehr noch als ihr Bericht, dass diese Arbeit ihr Freude macht. Etwa 50 bis 60 Menschen kommen pro Tag in das Medizinzentrum, einige Obdachlose, vor allem aber auch arme Italiener, mit allen Arten von Krankheiten. Sie werden zunächst von Hausärzten kurz untersucht und dann gegebenenfalls an einen Facharzt weitergeleitet. Wer eine umfassendere Behandlung braucht, erhält einen offiziellen Überweisungsschein für ein Krankenhaus. In einem kleinen Seitenraum gibt es kostenlos Kaffee. „Vor allem für die Mitarbeiter“, schmunzelt Patrizia. Und natürlich für die Patienten, die vormittags, wenn Blut abgenommen wird, auch einen kleinen Snack bekommen.

„Mit seiner Sorge um die Armen habe
Papst Franziskus die Bereitschaft
vieler freiwilliger Helfer geweckt“

Das medizinische Personal arbeitet, um sich die Zeit von 8 Uhr morgens bis 21 Uhr einzuteilen, in Schichten – und komplett ehrenamtlich. Mit seiner Sorge um die Armen, erzählt Patrizia, habe Papst Franziskus die Bereitschaft vieler freiwilliger Helfer geweckt. Patrizia ist – „natürlich“ – katholisch. „Zuerst kommt das Gebet“, meint sie im Blick auf ihren Dienst im Medizinzentrum. Nein, sie beten hier nicht gemeinsam, das müsse jeder in seinem eigenen Herzen tun, aber das alles passiere aus einer christlichen Haltung, erklärt sie. Bei den Patienten machen sie allerdings keinen Unterschied: „Wie es das Evangelium sagt: Wir sehen nicht auf Alter, Religion, Herkunft, Rasse.“ Jeder ist willkommen. Auch Papst Franziskus, der die Medizinstation am Wochenende überraschend besucht, ein wenig geplaudert, die Kranken ermutigt und – dann doch mit allen – gebetet hat.

Trotz allem wird es im herbstlichen Rom langsam ungemütlich. Ungemütlich nass zunächst, bald auch ungemütlich kalt. Erni will trotzdem bleiben – und irgendwie das Geigespielen lernen. Wie viel man üben müsse, fragt er. Wer weiß, vielleicht sind die Straßen und Gassen um Sankt Peter im nächsten Sommer um einen Obdachlosen ärmer und um einen Musiker reicher. Sofern die Ewige Stadt dem jungen Mann dann doch nicht zu klein wird.

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