„Uns geht es um die Verfolgten“

Markus Rode, Leiter des christlichen Hilfswerks Open Doors, über Kritik an der Arbeit seiner Organisation. Von Oliver Maksan

Diese Nordkoreanerinnen sind nach China geflüchtet und dort zum Christentum konvertiert. Aus Sicht des Regimes haben sie damit zwei Verbrechen begangen. Foto: Fotos: Open doors
Diese Nordkoreanerinnen sind nach China geflüchtet und dort zum Christentum konvertiert. Aus Sicht des Regimes haben sie... Foto: Fotos: Open doors
Herr Rode, Open Doors hat jetzt wieder seinen Weltverfolgungsindex veröffentlicht. Immer wieder wird Ihr Verfolgungsbegriff kritisiert. Unterscheiden Sie zu wenig zwischen Verfolgung, Diskriminierung und intolerantem Verhalten gegen Christen?

Leider hat uns bislang kein Kritiker einen konstruktiven Verbesserungsvorschlag hierzu gemacht. Meine Frage an die Kritiker ist:

„Hilft Ihre Kritik in irgendeiner Weise verfolgten Christen? Oder geht es Ihnen eigentlich gar nicht um diejenigen, die wegen ihres Glaubens an Christus leiden?"

Es mag Kritikern um Definitionen gehen, verfolgten Christen geht es um Schutz und Hilfe. In der Tat ist es nicht möglich, die einzelnen Level von Verfolgung beziehungsweise Diskriminierung trennscharf zu definieren, was die Kritiker eigentlich wissen sollten. Denn selbst im Handbuch der UNHCR von 2011, an das sich Open Doors anlehnt, heißt es unter Abschnitt 51: „Es gibt keine allgemein anerkannte Definition von ,Verfolgung‘, und verschiedene Versuche, eine solche Definition zu formulieren, waren nicht erfolgreich.“ In Artikel 33 der Flüchtlingskonvention von 1951 wird auch Diskriminierung der Verfolgung zugerechnet. Insofern definiert Open Doors „Verfolgung“ hier völlig im Einklang mit der international gebräuchlichen Definition des UNHCR. Wir müssen uns auch mehr in die Lage der Betroffenen hineinversetzen, als Verfolgung akademisch zu diskutieren. Wie fühlt es sich für Christen an, wenn sie eine Morddrohung erhalten oder sie befürchten müssen in dem Moment umgebracht zu werden, wenn ihre Konversion zum christlichen Glauben bekannt wird? Andere erhalten keinen Job oder keine Ausbildung, nur weil sie Christen sind. Sind das nur Spielarten von schwerer Diskriminierung oder sogar schon leichte oder mittelschwere Verfolgung? Sie sehen an diesen Beispielen, wie schwer es ist hier abzugrenzen.

Ist immer Christenhass die Ursache für Verfolgung und Diskriminierung oder kann es nicht auch politische und andere Motivationen geben?

Wir dokumentieren Verfolgung, die aufgrund des Glaubens an Jesus Christus geschieht. Dabei differenzieren wir, ob Christen zufällig in einem allgemeinen Konflikt zu Tode gekommen sind oder aufgrund ihres Glaubens gezielt attackiert, ermordet oder von der Berufsausbildung ausgeschlossen wurden. Manchmal werden religiöse Übergriffe als ausschließlich ethnische oder wirtschaftliche Konflikte dargestellt. Ein Beispiel hierfür sind Konflikte im Norden von Nigeria, wo Hausa Fulani-Nomaden immer häufiger Christen ermorden. Sie überfallen christliche Dörfer mit Allahu Akbar-Rufen, töten die christlichen Dorfbewohner, zerstören die Kirche und nehmen das Dorf und das Land in Besitz. Für uns ist dies primär ein Verfolgungsakt gegen Christen, der auch wirtschaftlichen Nutzen für die Fulani hat

Wie kommt es zu dem massiven Anstieg verfolgter Christen von über 100 Millionen in 2016 auf über 200 Millionen in 2017?

Open Doors ist es wichtig, zu betonen, dass es sich bei der Neueinschätzung von über 200 Millionen Christen, die aufgrund ihres Glaubens unter einem hohen Maß an Verfolgung leiden, nicht um eine Verdoppelung der Verfolgung im Vergleich zum Vorjahr handelt. Im Vorjahr sprachen wir von deutlich über 100 Millionen verfolgten Christen. Die letzte Einschätzung durch Open Doors hierzu fand vor nahezu zehn Jahren statt. Seitdem aber haben sich zahlreiche Entwicklungen ergeben, welche die Verfolgung von Christen sowohl intensiver gemacht als auch eine größere Zahl von Christen betroffen haben, so dass diese Neueinschätzung erforderlich wurde. Als Stichworte mögen hier die Massenvertreibung von Christen aus dem Nahen Osten und in Afrika, sowie die länderübergreifenden Aktivitäten von Boko Haram, al Shabaab, IS oder die Machtübernahme der Hindunationalisten in Indien genügen. Wichtig ist, dass diese Neueinschätzung niemals eine genaue Zahl zutage fördern kann. Das ist überhaupt nicht möglich. Aber wir benennen eine Kategorie, die sicher nicht übertrieben ist. Wir halten es für wichtig, dieses gewaltige Ausmaß der Christenverfolgung aufzuzeigen, um Politiker, die Gesellschaft und besonders die Kirchen wachzurütteln, damit unser gemeinsamer Einsatz für diese Menschen und natürlich auch alle anderen verfolgten Minderheiten deutlich verstärkt wird. Deshalb sollten sich manche Kirchenvertreter nicht mit Kritik am Weltverfolgungsindex aufhalten, sondern diesen zum Anlass nehmen, sich endlich intensiver für ihre verfolgten Glaubensgeschwister einzusetzen.

Sie nehmen ein Ranking der Länder vor, die gegen die Religionsfreiheit verstoßen. Lässt sich das immer so eindeutig bestimmen?

Das ist in der Tat äußerst schwierig, da es auch eine Reihe von subjektiven Faktoren gibt. Doch wir versuchen zumindest ein möglichst genaues Abbild der Verfolgungssituation von Christen in den Ländern abzubilden und dies mittels der Methodik zu erklären. Die besondere Herausforderung bei der Erhebung ist dabei weniger die Methodik selbst, als die Tatsache, dass aufgrund einer massiven Gefährdungslage der Christen in diesen Ländern eine Erhebung sehr riskant ist und häufig in Krisengebieten stattfindet. Mit der Methodik, die wir auf unserer Webseite opendoors.de ausführlich auf 51 Seiten darstellen, werden die verfolgungsrelevanten Faktoren abgebildet, die wesentlichen Einfluss auf die Einschränkung der Religionsfreiheit für Christen haben. Das geschieht etwa mit Hilfe eines Fragenkataloges, der von Analysten von Open Doors – in enger Abstimmung mit lokalen Kirchenleitern – sowie externen Experten entwickelt wurde.

Damit werden fünf Lebensbereiche hinsichtlich des Druckes, der auf Christen lastet, analysiert (Privatleben, Leben in Familie, Gesellschaft, Kirche und Staat). Zudem werden religiös motivierte Gewalttaten erfasst, wobei jedoch nur solche Taten aufgenommen werden, für die eine glaubhafte Bestätigung vorliegt. Die Auswertung aller Informationen ergibt für jeden Lebensbereich eine Indexpunktzahl für das Maß an Verfolgung sowie für die religiös motivierten Gewalttaten; aus der Summe dieser Punktzahlen ergibt sich dann die Platzierung des Landes im Weltverfolgungsindex.

Wie kommen Sie an Informationen heran? In Ländern wie Nordkorea ist das sicher nicht einfach. Und lassen sich vor Ort gemachte Behauptungen überhaupt unabhängig überprüfen?

Informationen erhalten wir über unsere lokalen Mitarbeiter, die seit Jahren mit den Untergrundkirchennetzwerken, selbst in Nordkorea, vertrauensvoll verbunden sind. Insofern ist es nicht möglich, unsere Ergebnisse vor Ort von unabhängiger Seite überprüfen zu lassen. Wer würde es wagen, etwa nach Nordkorea zu reisen, um dann die Untergrundchristen erneut zu befragen? Es würde keine Stunde dauern, bis die Geheimpolizei vor Ort wäre und alle im Arbeitslager landen. Man muss uns also vertrauen, dass wir hier sehr verantwortungsvoll arbeiten.

Weltweit werden nicht nur Christen verfolgt. Wieso berichten Sie nicht auch über andere Glaubensgemeinschaften? Die Jesiden etwa sahen sich dem Vernichtungswillen des IS ausgesetzt.

Open Doors ist ja keine klassische Menschenrechtsorganisation, sondern ein christliches Hilfswerk, das satzungsgemäß seinen verfolgten Glaubensgeschwistern zur Seite steht. Das ist unser allererster Auftrag als Christen. Dadurch, dass wir verfolgten Christen in Verfolgungsländern helfen, können diese wiederum andere Notleidende unterstützen und das Evangelium weitergeben. Dadurch konnten unsere christlichen Partner im Irak und Syrien auch vielen notleidenden Jesiden und Muslimen helfen. Darüber hinaus haben Minderheiten wie Jesiden und Bahai auch ihre eigenen Interessensvertretungen.

Welche Früchte trägt Ihre Arbeit für die bedrängten Menschen? Lässt sich die deutsche Politik davon beeindrucken?

Wir sehen viel Frucht, die wir unserem Herrn Jesus Christus und unseren Unterstützern verdanken. Eine große Zahl verfolgter Christen wird getröstet, ermutigt und im Glauben gestärkt. Wir sind dankbar, dass viele Christen auch in Deutschland für sie beten und uns dabei helfen, Hilfsprojekte umzusetzen. Aber es gibt noch viel zu tun.

Politiker möchten wir nicht beeindrucken, sondern sie an ihre Verantwortung im Einsatz für Religionsfreiheit erinnern. Das geschieht etwa durch den Weltverfolgungsindex. Besondere Unterstützung erleben wir in den Reihen der Union. Neben Volker Kauder setzen sich mehrere Christdemokraten intensiv für verfolgte Christen ein.

Es gab Zweifel an der Seriosität Ihrer Studie zur gehäuft auftretenden Gewalt gegen Christen in deutschen Flüchtlingsheimen. So warf Ihnen die FAS vor, Sie wären die Beweise für Ihre Behauptungen schuldig geblieben. Was sagen Sie dazu?

Wir mussten dem FAZ-Redakteur nichts beweisen. Unsere damalige Aussage, dass christliche Flüchtlinge bundesweit an religiös motivierten Übergriffen leiden, hat sich bestätigt. Wir haben die damalige Erhebung von 231 Übergriffen gemeinsam mit dem Zentralrat Orientalischer Christen und anderer NGOs erweitert und bis September 743 religiös motivierte Übergriffe auf christliche Flüchtlinge und zehn Jesiden im gesamten Bundesgebiet dokumentiert und der Presse vorgestellt. Zusätzlich haben wir alle Medienberichte über gewaltsame Übergriffe auf christliche Flüchtlinge der letzten drei Jahre angehängt. Die Wahrheit kann man nicht lange unter Wasser halten.

Ist aus Ihrer Sicht bereits genügend geschehen, um die Lage von nach Deutschland geflüchteten Christen zu verbessern?

Leider nein. Es gibt positive Ansätze von der hessischen Landesregierung für mehr Prävention. Allerdings hören wir immer noch von brutalen Übergriffen auf Christen. Schlimm ist auch, dass Mitarbeiter des BAMF neuerdings nach willkürlichen Glaubensprüfungen entscheiden, viele christliche Konvertiten in ihre Herkunftsländer nach Afghanistan und Iran abzuschieben, obwohl ihnen dort die Todesstrafe oder Ermordung droht. Dies muss schnellstens gestoppt werden. Hierzu werde ich in Kürze ein Gespräch mit Herrn Dr. Weise haben.